Die neue ABC-Dramaserie Designated Survivor lässt Kiefer Sutherland erneut auf Terroristenjagd gehen - dieses Mal aber nicht als Agent, sondern als ahnungslos in diese Rolle gerutschter US-Präsident. Die Pilotepisode erfüllt ihren Zweck - sie macht Lust auf mehr.

Kiefer Sutherland ist der „Designated Survivor“ / (c) ABC
Kiefer Sutherland ist der „Designated Survivor“ / (c) ABC

Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) ist kein herkömmlicher Machtpolitiker. Er ist ein Vertreter der seltenen Spezies - so sie es denn in Washington und anderen Machtzentren der Welt überhaupt noch gibt -, der für die gute Sache eintritt, der sich als Vertreter des Volkes versteht, der sich nicht von Macht und Geld und Ruhm hat korrumpieren lassen. Aus seinem Elfenbeinturm der universitären Lehre ist er zum Minister für Stadtbau und Entwicklung aufgestiegen - ein ansehnlicher Posten, der aber viel Ausdauer und Langatmigkeit erfordert.

Not like the movies

Er ist eines dieser Kabinettsmitglieder, das kaum jemand kennt. Sein Job ist zwar wichtig, strahlt jedoch nicht so viel Bedeutung aus wie der eines Außen- oder Finanzministers. Bevor er seinen großen Tag erlebt, der für Amerika die dunkelste Stunde seit den Terroranschlägen des elften Septembers ist, muss er einen großen Karriererückschlag einstecken. Der Stabschef des Präsidenten bietet ihm einen Posten bei einer internationalen Luftfahrtorganisation in Kanada an, was Tom richtigerweise als unglamouröses Abschieben auffasst.

Er hätte diese Degradierung erahnen können, hat es doch kein einziger seiner Sätze in die wichtigste Ansprache geschafft, die der US-Präsident im Jahr hält. Kein Wort will der in seiner State of the Union über sozialen Wohnungsbau verlieren, obwohl Kirkman und sein Team laut eigener Aussage große Fortschritte gemacht hätten. Für ihn ist das eine nachvollziehbar große Enttäuschung, große Kampfbereitschaft bringt er gegen die Entscheidung aber auch nicht auf. Seine Ehefrau Alex (Natasha McElhone) hingegen fordert ihn dazu auf, um seinen Job zu kämpfen.

So weit kommt es aber gar nicht, denn die folgenden Ereignisse wirbeln sämtliche Planungen durcheinander, die Tom, Alex oder die amerikanische Nation bis dahin für die unmittelbare Zukunft gemacht haben mögen. Kirkman hat es sich zur State of the Union in einem vom Secret Service ausgewählten Sicherheitsraum mit Popcorn und Bier gemütlich gemacht. Als bald nicht mehr zum präsidentiellen Team gehörende Lame Duck ist er zum desginated survivor bestimmt worden, der im Falle eines verheerenden Terrorangriffs zum Nachfolger des Präsidenten gemacht wird.

Schlechte Aussichten I: Das Kapitol geht in Flammen auf. © ABC
Schlechte Aussichten I: Das Kapitol geht in Flammen auf. © ABC

Tom und Alex streiten sich gerade neckisch um die richtige Erziehungsmethodik für ihre Tochter Penny (Mckenna Grace), die zum vereinbarten Zeitpunkt partout nicht zu Bett gehen möchte, da wird ihre Welt, wie sie sie bis dahin kannten, gehörig durcheinandergewirbelt. Ist das ausgefallene TV-Signal noch kein Anlass zur Sorge um die im Kapitol versammelten Spitzenpolitiker, spricht das Hereinstürmen des von Mike Ritter (LaMonica Garrett) angeführten Securityteams bereits eine deutlichere Sprache.

Eagle is gone

Endgültige, schreckliche Bestätigung erhält Tom, als er einfach die Vorhänge aufzieht und einen riesigen Explosionspilz in den Himmel rauschen sieht. Dort, wo einst das Kapitol stand, gräbt sich nun ein tiefer Krater in die Erde. Dass diese Katastrophe kaum jemand überlebt haben kann, wird kurze Zeit später auf der Fahrt zum Weißen Haus bestätigt. Tom Kirkman ist nun der Präsident der Vereinigten Staaten und Alex die First Lady. Wie unvorbereitet sie beide auf dieses unwahrscheinliche Szenario waren, zeigt sich in den darauffolgenden Szenen.

Nachdem Tom inmitten des Chaos eingeschworen wurde, wird er ins präsidentielle Notfallzentrum PEOC geführt, wo noch viel größeres Chaos herrscht. Weil es diesen Fall noch nie gegeben hat, weiß niemand so recht, wer denn nun eigentlich das Sagen hat. Von Amts wegen ist es natürlich der neue Präsident, allerdings gibt es einige erfahrene Anführer, die diesen offiziellen Titel nicht anerkennen wollen, weil sie Kirkman - bisweilen zu Recht - die dafür nötige Erfahrung absprechen. Als lautester Gegenspieler stellt sich bald - wie soll es anders sein - der Falke Cochrane (Kevin McNally) heraus, ein hochdekorierter General.

Um sich gegen ihn eine passende Taktik zurechtzulegen, wird Kirkman eine Weile brauchen. Für den skeptischen Redenschreiber Seth Wright (Kal Penn), der auf der Toilette nicht weiß, mit wem er da gerade spricht und Tom wiederholt „Kirkland“ nennt, hat er jedoch gleich die passende Reaktion bereit. Dank dessen Vorhaltungen wächst er gleich ein bisschen mehr in die Anführerrolle herein, die ihm Wright kurz zuvor noch abgesprochen hatte. Überdies kürt er den Unvorsichtigen zu seinem Redenschreiber, muss er doch schon in wenigen Stunden vor die Kameras treten und dem amerikansichen Volk Mut zusprechen.

Schlechte Aussichten II: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) alleine im Oval Office. © ABC
Schlechte Aussichten II: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) alleine im Oval Office. © ABC

In zwei Handlungsbögen wird nachfolgend echtes Jack-Bauer-Feeling geweckt, was sicherlich nicht unbeabsichtigt sein dürfte. Zum einen ist der Sohn von Ehepaar Kirkman, Leo (Tanner Buchanan), nicht auffindbar, weil er im Technoclub mit Ecstasy dealt, statt, wie angegeben, bei einem Freund zu übernachten. Bei diesem Erzählstrang habe ich zunächst befürchtet, dass er auf Kim-Bauer-wird-entführt-Territorium abdriftet, was durch Mike aber glücklicherweise verhindert wird. So schön es auch ist, Kiefer Sutherland wieder in einer Fernsehserie zu sehen, so wenig hätte ich eine Wiederholung dieses schon in 24 ausgetretenen Handlungspfades gebraucht.

My fellow Americans

Zum anderen wird Kirkman mit der Funktionsweise des Nuclear Football vertraut gemacht, mit dem Jack Bauer bereits selbst einschlägige Erfahrungen gemacht hat. Wie groß der Unterschied zwischen dem Actionheld und Tom Kirkman ist, zeigt sich bei der Reaktion von letztgenanntem auf den Atomkoffer. Von einem Berater wird er aufgeklärt, dass es in der Realität nicht so ablaufe wie in den Filmen, was Cochrane mit einem vielsagenden Blick quittiert. Später wird aus dem genervten Habitus des Generals mehr werden - er wird sich gegen den Neupräsidenten verschwören.

Zuvor darf Kirkman aber ein weiteres Mal beweisen, dass er seiner Rolle durchaus gewachsen ist. Auf geopolitischer Ebene taucht sogleich der erste Konflikt auf, als das iranische Regime glaubt, die amerikanische Schwäche ausnutzen zu können, indem man in der Straße von Hormus militärische Stärke zeigt. Kirkman entscheidet sich für eine Zwischenlösung, die Diplomatie und Drohgebärden inklusive Deadlinesetzung vereint. Ob er damit Erfolg haben wird, erfahren wir wohl erst in der zweiten Episode.

Diese würde ich nun gerne unbedingt sehen, was wohl bedeutet, dass die Pilotepisode von Designated Survivor ihren Job erledigt hat. Man könnte es aber auch so auslegen, dass es erst am Ende der Episode richtig spannend wurde. Dies gilt auch für den Handlungsbogen um die FBI-Agentin Wells (Maggie Q), die davon ausgeht, dass der Angriff auf das Kapitol erst der Anfang einer ganzen Terrorserie war. Das wäre ein Erzählstrang, der mich mehr interessieren würde als derjenige um den außenpolitischen Konflikt mit dem Iran, der allzu schnell auf unglaubwürdiges Territorium abgleiten könnte.

Die Stärken dieser neuen Dramaserie sind ihre Hauptdarsteller. Kiefer Sutherland wäre wohl auch dann noch charismatisch und glaubwürdig, wenn er den Anführer einer Skittles-Armee spielen müsste. McElhone konnte schon in sieben Staffeln von Californication an der Seite eines ähnlichen Charmebolzens glänzen und sie hat seitdem nichts von der eigenen Ausstrahlung verloren. Sorgen machen mir hingegen die zu holzschnittartig gezeichneten Antagonistenfiguren sowie die Dialogarbeit von Serienschöpfer David Guggenheim, die größtenteils aus der Drehbuchkonserve zu stammen scheint. Insgesamt ist es ein solider Auftakt für den „Designated Survivor“.

Trailer zur nächsten Episode, „The First Day“ (1x02), der US-Serie „Designated Survivor“:

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