Der Schwarm 1x03

© zenenfoto aus der Serie Der Schwarm (c) ZDF
Noch mehr Beziehungsdrama
In seinem Review zum Staffel-Auftakt der ZDF-Produktion Der Schwarm äußerte der Rezensent die Hoffnung, dass der Plot in den kommenden Folgen anzieht und zur Höchstform aufläuft. Es sei an dieser Stelle vorweggenommen, dass dieser Wunsch noch immer auf seine Erfüllung wartet. In Teil zwei rückt zunächst die Ärztin Dr. Cecile Roche (Cecile de France) in den Fokus, die den ungewöhnlichen Tod eines Küchenchefs untersucht. Als jener einen Hummer in der Küche seines Restaurants öffnen wollte, platzte das Tier und entließ eine weiße, gallertartige Masse, die offenbar hochansteckend ist.
Die Szene dürfte Fans des Romans sehr vertraut vorkommen, da sie quasi eins zu eins ihren Weg in die Adaption fand. Kaum wird es spannend, schwenkt die Erzählung jedoch wieder in den Soap-Modus und beleuchtet Ceciles kaputte Beziehung zu ihrem (Ex-)Mann, der aus Karrieregründen die gemeinsamen Kinder vernachlässigt. Das Ganze zieht sich bis in die elfte Minute, ohne in irgendeiner Form ergiebig oder tiefschürfend zu sein. Die Zweierkiste ist im Grunde irrelevant und dient als reines Füllwerk.
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Leons Trauer
Erneut ist es Leon Anawak, der die Lage rettet und das Interesse an der Story hochhält. Er trauert um Lizzy und grübelt darüber nach, was mit den Walen geschieht. Bei der Gelegenheit lernt er die Astrophysikerin Samantha Crowe kennen, die im Roman und hoffentlich in der Show eine zunehmend wichtige Rolle einnehmen wird. Die kurze aber knackige Einführung der Figur gelingt gut, weil Schauspielerin Sharon Duncan-Brewster ihre Figur als abgeklärte Frau interpretiert, die für Leon ein offenes Ohr hat.
Erneut wechselt der Fokus, diesmal auf Tina Lund (Krista Kosonen) und Dr. Sigur Johanson (Alexander Karim). Wie in der Vorlage arbeitet Lund für ein großes norwegisches Energieunternehmen und zieht Johanson als freischaffenden, überaus kompetenten Wissenschaftler hinzu. Nun kommen endlich die Eiswürmer erneut ins Spiel, die sich immer weiter auf dem Meeresgrund ausbreiten. Hier bleibt die Adaption recht nah am literarischen Vorbild, und spart es sich, neue Akzente zu setzen, gut so.
Sprunghafter Erzählstil
Ein weiterer Perspektivwechsel führt uns nach Kiel, wo das Team um Prof. Lehmann, Rahim Amir (Eidin Jalali) und Charlie Wagner ebenfalls auf die unbekannte Spezies mitsamt einem neuen Bakterienstamm stoßen. Der Informations-Output gerät an dieser Stelle etwas zu komprimiert, stachelt allerdings auch die Neugier an. Was dann folgt, fühlt sich indes inszenatorisch recht sprunghaft an. Nur knappe vier Minuten darauf befinden wir uns mit Sigur und Tina in der Chefetage des Ölkonzerns Hovedstad, in dessen Auftrag sie mit dem Forschungsschiff Thorvaldson unterwegs waren.
180 Sekunden später folgt das verwirrte Publikum Cecile, die auf der Suche nach einer erkrankten Küchenhilfe ist, denn inzwischen liegt der Sous Chef des Restaurants, dessen Koch an der oben erwähnten Infektion verstorben ist, im Krankenhaus. Auch er und die Hilfskraft segnen auf fürchterliche Weise das Zeitliche, womit nun dem letzten Zuschauenden klar sein dürfte, dass sich eine Seuche über das Trinkwasser ausbreitet. Beim Schauen drängt sich immer wieder die Frage auf, ob die vier Handlungsstränge nicht einer stringenteren Aufteilung bedurft hätten.
Die ständigen kurzen Sprünge zwischen den Handlungsorten hinterlassen jedenfalls einen wenig homogenen Eindruck. Zu viele Nebenfiguren treffen auf zu viele Hauptfiguren, denen die Macher nicht wirklich gerecht werden können. Dennoch ist Episode zwei ein Schritt in die richtige Richtung, weil der Plot insgesamt endlich voranschreitet und eine ganze Menge geschieht. Hummer, die brandgefährliche Bakterien in sich tragen, blow-outs, die Schiffe in die Tiefe reißen, Muscheln, die sich in meterdicken Schichten auf Ruder und Rümpfe legen und Eiswürmer, die selbstmörderisch das Methanhydrat auf dem Meeresgrund freisetzen. Das Mysterium ist groß und global und wird inhaltlich und schauspielerisch ansprechend vorgetragen.
Und noch eine

In Folge drei verliert die Season jedoch genauso schnell wieder an Drive, wie sie ihn zuvor gewonnen hatte. Wie im Piloten ergeht sich das Autoren-Team erneut in soapmäßigen Beziehungsdramen. Die immer noch überaus blass wirkende Charlie trinkt mit Duncan Kaffee und trauert um ihre Freundin, die bei einem weiteren Methan-Blowout auf hoher See ertrank. Anschließend wirft sie sich in den letzten Minuten der Episode gemeinsam mit Rahim und Prof Lehmann in die Erforschung der inzwischen weltweit auftretenden Anomalien, was den bislang einzig sinnvollen Auftritt der Figur markiert. Cecile wiederum erkennt, dass die Bakterien ins Trinkwasser gelangt sind und eine tödliche Epidemie auslösen. Nach einem kurzen Telefongeplänkel schickt sie ihre Kinder mit dem Auto zu ihrem Mann, möglichst weit von der Küste entfernt.
Es dauert fast 15 Minuten, bis Sigur auf den Plan tritt und sich mit der Mifune-Stiftung in Verbindung setzt, die von den Ereignissen im Meer direkt betroffen ist und eine eigene gut finanzierte Forschungseinrichtung betreiben. Da die Motivation Mifunes (Takuya Kimura) nicht klar umrissen ist, fasziniert die Figur durchaus. Der Konzernchef könnte eine unberechenbare Komponente ins Spiel bringen. Wie die Führungsriege von Hovedstad folgt er offensichtlich seiner eigenen Agenda und steht zum norwegischen Energiekonzern in Konkurrenz. Daraus ließe sich ein großartiger Antagonist stricken, der aus dem folgenden Chaos Profit schlagen will. Das würde in dieser Form zwar nicht dem Roman entsprechen, doch eine Adaption darf sich auch gerne vom Original lösen, wenn die Änderungen dramaturgisch und inhaltlich Sinn ergeben. Das wäre im Fall von Mifune und Hovestad gegeben.
Mittelmaß
Nach etwa 23 Minuten hat sich der Spannungsteil erledigt und es „pilchert“ erneut gehörig, um im Bild von Frank Schätzing zu bleiben. Die Tatsache, dass Sigur und Tina sich lieben, wird geradezu aufdringlich zelebriert und mündet in einer leider wenig erotisch inszenierten Nacht, die jeder deutschen Schmachtschmonzette zur Ehre reicht. Nach zweieinhalb Episoden sollte es eigentlich möglich sein, intensivere Szenen als ein paar schattenhafte Küsschen im Halbdunkeln, angereichert mit Musik im „Bilitis“-Stil (gemeint ist der Film von David Hamilton) zu präsentieren.
Wieso befassen sich die Autoren minutenlang mit Liebesgeplänkel, schicken haufenweise (zugegebenermaßen wunderschöne) Landschaftsaufnahmen hinterher und lassen die Geschichte vor sich hintreiben, wie Algen, die soeben an den Strand gespült werden? Derartige dramaturgische Entscheidungen bleiben wenig nachvollziehbar, zumal es innerhalb des Figurenwirrwarrs erneut Leon ist, der die Fahne des spannenden Storytellings einsam hochhält. Ihm gehört auch die zwar vom technischen Standpunkt nicht perfekte, aber doch eindrücklichste Szene der ersten drei Folgen.
Um eine Kamera an den Rücken eines Buckelwals anzubringen, wagen Leon und O'Bannon, der endlich wieder in Erscheinung tritt, ein gefährliches Manöver. Sie fahren hinaus und suchen eine Gruppe schlafender Tiere, an die sich Anawak tauchend heranpirscht. Die folgenden Filmmomente wissen in der jeder Hinsicht zu gefallen und sind vor allem in Sachen Sounddesign grandios umgesetzt.
Zum Ende hin zieht der Plot damit glücklicherweise wieder mächtig an. Während in Deutschland Charlie und ihr Kollegium den Ereignissen im Meer nachspüren, kommt der Zoologe in Kanada der Lösung des Rätsels dank der wiedergefundenen Kamera näher, bitte mehr davon.
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Fazit
Der Schwarm hat Potential, keine Frage. Jedes Mal, wenn Leon Anawak in den Fokus rückt, wird die Serie richtig spannend. Auch das Geschehen an den diversen Handlungsorten zu verfolgen, macht Spaß, vom grandiosen Sounddesign und den tollen Landschaftsaufnahmen nicht zu reden. Das große Manko sind indes die zu vielen narrativen Leerstellen, die das Produktionsteam mit einem Beziehungsdrama nach dem anderen füllt, ohne den Plot dabei voranzutreiben.
Alles in allem hinterlässt die Serie nach Begutachtung des ersten Drittels den Eindruck, dass weniger eindeutig mehr gewesen wäre. Vielleicht wäre eine auf sechs Folgen konzeptionierte Miniserie mit einem gestrafften und auf das Wesentliche konzentrierten Erzählstil schlicht die bessere Wahl, um die Geschichte adäquat zu erzählen. Immerhin hat sich die Serie im Vergleich zur Pilotfolge leicht steigern können. Deshalb gibt es von uns dreieinhalb von fünf Methanwürmer.
Hier noch der Trailer zur Öko-Thrillerserie „Der Schwarm“ in der ZDF-Mediathek und im ZDF:
Verfasser: Reinhard Prahl am Montag, 6. März 2023(Der Schwarm 1x03)
Schauspieler in der Episode Der Schwarm 1x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?