
© am (Logan Browning) bei der Aufnahme ihrer Radiosendung „Dear White People“ / (c) Netflix
Als Fernsehzuschauer mit politischem Bewusstsein kann man sich derzeit glücklich wähnen. Nur zwei Tage nach der Veröffentlichung der grandiosen Pilotepisode von The Handmaid's Tale bei Hulu zieht Netflix mit seinem eigenen social-consciousness-Format Dear White People nach. Darin adaptiert Justin Simien seinen eigenen gleichnamigen Kinofilm. Schon nach wenigen Minuten der Auftaktepisode lässt sich feststellen, dass das ein gelungener Schachzug ist. Die Premiere sprüht nur so vor Lust am Anecken, Geschichtenerzählen und Popkulturreferenzieren.
Post-racial my ass
Im Mittelpunkt des Ganzen steht Samantha White (Logan Browning), politisch aktive Studentin mit ambivalenter Lebensführung an der vornehmlich weißen - und fiktiven - Winchester University. Sie engagiert sich in der Black Student Union (BSU), auf dem Nachttisch liegt eine Biographie von Malcolm X, an der Wand hängen Poster, die sie als besonders kultivierte Filmkennerin auszeichnen sollen, und gekleidet ist sie größtenteils in einer Army-Jacke und dem Schmuck ihrer Vorfahren aus Afrika. Außer natürlich, wenn sie mit ihrem Vielleicht-Freund Gabe (John Patrick Amedori) durch die Laken wühlt.
In den Kreisen, in denen sie sich vornehmlich bewegt, ist das kein allzu leichtfertiger Fauxpas, schließlich war sie es, die kürzlich erst Aufsehen erregte mit ihrem fulminant betitelten Artikel „Don't fall in love with your oppressor“. Aber natürlich kann ihr auch niemand verbieten, mit einem white boy zusammenzusein. Trotzdem ist es ein gefundenes Fressen für die rivalisierenden Organisationen AASU, Black AF und CORE - und natürlich für die weißen Betreiber des Satiremagazins „Pastiche“, die keine Gelegenheit auslassen, ihre Meinungsfreiheit zu verteidigen, obwohl die gar nicht angegriffen wird.
Viel Aufsehen erregt Samantha außerdem mit ihrer Radiosendung „Dear White People“, die sie ins Leben gerufen hat, weil sie es nicht mehr aushielt, als Quotenschwarze behandelt zu werden. Darin und mit Plakataktionen wie „Missing: Black Culture“ schafft sie ein Bewusstsein für die vielen kleinen Erniedrigungen, die die schwarze Bevölkerungsminderheit Amerikas tagtäglich über sich ergehen lassen muss. Die Reaktionen, die sie darauf bekommt, sind so erwartbar wie dämlich - und können von jedem problemlos nachvollzogen werden, der sich auch nur annähernd mit dem Thema auseinandergesetzt hat.

Eine davon lautet: „Race is a social construct.“ Viele Vertreter des Egalitarismus tragen diesen Einwand wie ein Schild vor sich her. Demnach sollte über ethnische Herkunft gar nicht erst gesprochen werden, nur so könne wahre Gleichheit erreicht werden. Dieses Argument können aber nur diejenigen vorbringen, die nicht unter Diskriminierung und Unterdrückung zu leiden haben. Für alle anderen - aka alle ethnischen Minderheiten - ist ihr Äußeres ein Thema, mit dem sie bei zahllosen Interaktionen mit der Mehrheit konfrontiert werden. Gutes Beispiel: Game of Thrones, oder wie ich die Fantasyserie fortan nennen werde: „That shit with dragons set in a world where no one's black except the slaves“.
This is how the revolution dies
Der größte Stein des Anstoßes ist in der Pilotepisode eine angeblich von Pastiche organisierte Blackface-Party, deren Einladungen unter der weißen Studentenschaft auf ein ebenso unkritisches wie willkommenes Echo stießen. Sam ist dort, um den rassistischen Frevel mit ihrer Videokamera zu dokumentieren. Erst später kommt heraus, dass sie es war, die diese Party mittels Pastiche-Hack organisiert hat, weil sie die Missachtung und Ungleichbehandlung ihrer schwarzen Kommilitonen endlich zu einem ernstgemeinten Diskussionsthema machen will. So sehr sich über dieses Mittel streiten lässt, so wohlwollend wird ihr dafür von der schwarzen Gemeinschaft auf die Schultern geklopft.
Das passiert am Ende der Pilotepisode und eines langen Monologs, den Sam an ihrer Hörer richtet: „My jokes don't incarcerate your youths by alarming rates, or make it unsafe for you to walk around your own neighbourhoods, but yours do. When you mock or belittle us, you enforce an existing system. Cops everywhere staring down a barrel of a gun don't see a human being. They see a caricature, a thug, a nigger.“ Damit wäre denn auch schon ziemlich gut zusammengefasst, wie sehr sich die Lebenserfahrungen des weißen und schwarzen Amerika unterscheiden.
Wie schon in seinem Film gelingt es Justin Simien in Dear White People von Beginn an, das brockenschwere Thema der gesellschaftlichen Spannungen zwischen Schwarz und Weiß mit viel Augenzwinkern und Humor aufzuarbeiten. Die Popkultur-Referenzen wollen gar nicht mehr aufhören, die Dialoge sind geschliffener als Valyrischer Stahl und die Figurenzeichnung so ambivalent, wie man das von einer anspruchsvollen TV-Serie im Jahre 2017 erwarten darf. Ausbaufähig sind hingegen Soundtrack und Score, vielleicht wird das ja in den kommenden Episoden ansprechender. Ansonsten gibt es nichts weiter auszusetzen.
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