Dead Ringers 1x01

© Amazon Prime Video
Das passiert
Beverly und Elliot Mantle (in einer Doppelrolle: Rachel Weisz, „Black Widow“) sind nicht nur eineiige Zwillinge, sondern auch brillante Gynäkologinnen und Fachärztinnen für Geburtshilfe. Gemeinsam arbeiten sie in einer großen Klinik, doch ihr Traum ist es, ein privates Geburtscenter zu eröffnen. Um ihr Ziel zu erreichen, gehen sie auch steinige Wege, so verhandeln sie beispielsweise mit einer hartgesottenen Investorin, die wenig Rücksicht auf die Ergebnisse der Forschungen legt, in die sie ihr Geld steckt.
Doch auch die Zwillinge sind keine Engel. So tauschen sie während der Arbeit nach Belieben die Rollen, nehmen Drogen, lassen ihren Sextrieben freien Lauf und „schenken“ sich gegenseitig ihre Partner. Vor allem Elliot treibt es bunt, während Beverly von ihrem unerfüllten Kinderwunsch geplagt wird. So schlittert das Leben der Frauen zwischen ihrem harten Berufsalltag, Ausschweifungen, persönlichen Qualen, Leben und Tod hin und her, bis Beverly die Schauspielerin Genevieve (Britne Oldford, The Umbrella Academy) kennenlernt und sich verliebt.
Drastik und Gefühlschaos
Wow! Eins muss man Amazon Prime Video lassen: Mut hat der Streaming-Gigant. Dead Ringers (zu Deutsch etwa: Ebenbilder) ist in der Drastik und der Thematik, die die Pilotfolge präsentiert, ganz sicher außergewöhnlich. Der Rezensent kann sich jedenfalls nicht erinnern, den schmerzhaften, geradezu brutalen Vorgang einer Geburt jemals in so realistischen Bildern geschehen zu haben, wie hier. Da wird die ganze Palette von der natürlichen Geburt, über die Zangengeburt, dem Not-Kaiserschnitt bis hin zur Todgeburt und dem Versterben einer Mutter abgearbeitet, und das alles in 60 Minuten. Frauen sind, so viel sollte spätestens jetzt jedem noch so verbohrten Patriarchen klargeworden sein, echte Superheldinnen, deren Fähigkeit, Leben zu schenken, einen hohen Preis hat.
Bei allen oben beschriebenen Szenen hält die Kamera voll drauf. Weder der Schmerz, noch das viele Blut, das Leid, aber auch das Glück bleiben dem Auge des Publikums verborgen. Das hat schon fast Dokumentationscharakter, was den emotionalen Bezug zu den jeweiligen Szenen in die Höhe schnellen lässt. Wenn eine Mutter ihr bei der Geburt soeben verstorbenes Kind weinend und schreiend in den Armen hält, schnürt einem dies die Kehle ebenso zu wie der Tod einer Frau, bei der Beverly kurz zuvor noch am Bett stand und die nun in ihrem eigenen Blut liegt.
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Zwischen hohem Niveau und Dunkelheit
In diesem Chaos der Gefühle entspinnt sich die Geschichte um das Zwillingspaar Beverly und Elliot, das übrigens Emmy-verdächtig in einer Doppelrolle von Rachel Weisz gespielt wird. Es ist geradezu genial, wie gleich und doch unterschiedlich die beiden Frauen sind und wie beinahe spielend es der Schauspielerin gelingt, die Charakterzüge der Protagonistinnen auf den Bildschirm zu bringen. In diesem Zusammenhang darf man allerdings auch der Spezialeffekteabteilung und den Cuttern ein großes Lob aussprechen. Dank perspektivischer Tricks, Doubles, Bildmontagen und einer fantastischen Schnitttechnik kommt nie Zweifel daran auf, dass sich die Zwillinge gerade in diesem Augenblick tatsächlich gegenüberstehen. Das ist technisch grandiose Arbeit, die unauffällig bleibt und gerade deshalb die Glaubwürdigkeit steigert.
Umso ärgerlicher ist es, dass Regisseur Sean Durkin und Kameramann Jody Lee Lipes immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes ins Halbdunkel gleiten. So betrinken sich die Schwestern in einer Bar im Zwielicht, haben bei schummerigem, indirektem Licht Sex, sitzen in einem schlecht beleuchteten Flur im Krankenhaus, um sich zu besprechen oder tauschen ihre Kleidung im Schatten. Viel zu oft können wir die Gesichter der Figuren nur erahnen oder erhaschen nur einen Hauch der Mimik der Menschen, mit denen die Zwillinge interagieren. Als Stilmittel ist das zwar nicht neu, in diesem Fall aber eindeutig zu viel des Guten, so dass der Rezensent einmal sogar glaubte, seinen Fernseher ausversehen verstellt zu haben.
Was uns die Macher damit sagen wollen, das Warum und Weshalb dieser Inszenierungen, erschließt sich dabei in keiner Weise und ist allein schon deshalb unnötig, weil sie Rachel Weisz's herausragendes Spiel konterkarieren. Da der Löwenanteil der Kameraarbeit allerdings Laura Merians Goncalves (Fracture) zufällt, bleibt zu hoffen, dass mit dem Personal auch der Stil wechselt.
Figurenzeichnung

Das oben genannte Manko lässt sich jedoch schon allein aufgrund des gelungenen Drehbuchs und der intensiven Figurenzeichnung leicht verkraften. Elliot und „Bev“ könnten gleicher doch auch unterschiedlicher nicht sein. Sie teilen denselben Geschmack, dieselben Vorlieben, die Wohnung und sogar dieselben Partner. Nichts bleibt den Schwestern voreinander verborgen, weder im Licht, noch in dunklen Abgründen. Und dennoch sind sie charakterlich zwei vollkommen verschiedene Personen. Elliot ist abgebrüht, vergnügungssüchtig, berechnend und manchmal schon beinahe kalt. So verführt sie beispielsweise ohne Reue den Mann einer werdenden Mutter, die gerade auf Toilette ist oder bietet ihrer Schwester an, ihr ihre Liebhaberinnen und Liebhaber zu „schenken“.
Beverly ist hingegen zurückhaltender. Sie lässt sich zwar auf das bisweilen angenehme Doppelte-Lottchen-Spiel mit ihrer Schwester gerne ein, ist aber mitfühlender und sozialer eingestellt. Vor allem treibt sie aber der unbändige Wunsch an, selbst Mutter zu werden. Es ist schlimm mit anzusehen, wie sie Fehlgeburt um Fehlgeburt erleidet und dadurch sozusagen eins mit ihren Patientinnen wird. Gerade diese Konstellation macht Dead Ringers so interessant, zumal man nach der Pilotepisode, die mit einem heftigen Cliffhanger endet, keine Ahnung hat, in welche Richtung sich die Serie weiterentwickeln wird.
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Fazit
Die Pilotepisode von „Dead Ringers“ ist ein starker Auftakt, der schockiert, provoziert und einfach nur fesselt. Was wir hier erleben, ist eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Dramatik, Fassungslosigkeit, Spannung und manchmal auch sanft eingesetztem Humor (man denke an die Einführungsszene in der Bar, in der ein alter Kerl den Ladys offenbart, dass es jeder Mann einmal gerne mit hübschen Zwillingen „treiben“ würde). Rachel Weisz spielt sich wahrlich die Seele aus dem Leib und gibt jeder der beiden Schwestern eine eigene Persönlichkeit, inklusive Gestik und Mimik. Stärker geht es nicht.
Die künstlerische Abteilung leistet insgesamt Hervorragendes und zaubert eine selten gesehene Realistik auf den Bildschirm, die nicht minder preisverdächtig ist. Wäre da nicht die Schnapsidee, so viele Szenen im Halbdunkel zu inszenieren, wäre sicherlich noch ein halbes Pünktchen mehr drin gewesen. So bleibt es zunächst einmal bei vier von fünf Punkten, Tendenz steigend.
Hier abschließend noch der Trailer der auf Amazon Prime Video zu sehenden neuen Dramaserie „Dead Ringers“:
Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 21. April 2023Dead Ringers 1x01 Trailer
(Dead Ringers 1x01)
Schauspieler in der Episode Dead Ringers 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?