Das Verschwinden 1x04

Das Verschwinden 1x04

Bodenständig, bedacht und kompetent erzählt Hans-Christian Schmid in Das Verschwinden die Geschichte der verzweifelten Suche einer Mutter nach ihrer Tochter. Die mit Plot randvoll gestopfte Miniserie findet nach vier Doppelepisoden zu einem dramatischen, niederschmetternden Abschluss.

Im Bayern von „Das Verschwinden“ ist es immer nur grau. (c) Das Erste
Im Bayern von „Das Verschwinden“ ist es immer nur grau. (c) Das Erste
© m Bayern von „Das Verschwinden“ ist es immer nur grau. (c) Das Erste

Gab es eine andere Möglichkeit als diesen Ausgang? Dieses so kompromisslose, unbarmherzige Ende? Hätte Janine (Elisa Schlott) wieder lebendig auftauchen können, ohne dass sich Regisseur und Autor Hans-Christian Schmid selbst betrogen hätte? Die Wahrscheinlichkeit dafür ist ziemlich gering, und wer Schmids Werk kennt, das bislang ausschließlich aus Kinofilmen bestand, der musste genau solch ein brutales Ende erwarten. Alle anderen dürften jedoch auch nicht allzu überrascht gewesen sein - zu düster war all das, was in Das Verschwinden passierte.

Sie waren unglücklich

Und doch ist das Ende, die Erklärung für Janines Verschwinden, zutiefst gewöhnlich. Das liegt vor allem daran, dass Schmid hier nicht nur ein Gesellschaftsporträt zeichnet, sondern auch einen Krimi erzählen will. Ein Krimi, in dem ein Paukenschlag vom nächsten abgelöst wird. Das geht leider zu Lasten der Charakterisierung - und damit zu Lasten der gesamten Serie, die sehr hoffnungs- und stimmungsvoll gestartet ist, sich im Verlaufe ihrer vier Doppelepisoden aber zunehmend im eigenen Plotdickicht verheddert. Schmid fühlte sich offensichtlich dazu verpflichtet, nahezu sämtliche Krimitopoi abzuarbeiten.

Das atemlose Hasten durch den eigenen Plot ist derzeit auch das größte Problem des deutschen Hochglanz-Serienkonkurrenten Babylon Berlin. Dort gibt es immerhin noch tolle Schauwerte zu bestaunen, was in „Das Verschwinden“ nahezu gänzlich wegfällt - außer man steht als Zuschauer auf immergraue Kleinstadttristesse. Keine Frage, die Bilder von Kameramann Yoshi Heimrath sorgen für die omnipräsente Beklemmung, die unsere Hauptfiguren befallen hat. Das fehlende Budget ist dem Format aber trotzdem anzusehen. Aufgefangen wird das glücklicherweise vom groß aufspielenden Ensemble.

Über die Schauspielqualitäten von Julia Jentsch wissen wir längst Bescheid, im Cast finden sich jedoch auch einige Neuentdeckungen. Allen voran Johanna Ingelfinger und Saskia Rosendahl als Janines beste Freundinnen Manu Essmann und Laura Wagner sorgen dafür, dass mehr Flair versprüht wird als im herkömmlichen Lokalkrimi. Man wünscht sich beinahe, dass die Serie nur von den drei Freundinnen handeln würde und Janine gar nicht verschwunden wäre. Dann hätte man auch eine befriedigendere Antwort auf die Frage erhalten können, was zur Hölle los ist mit diesen drei jungen Frauen...

Was machte diese Clique so unglücklich?
Was machte diese Clique so unglücklich? - © Das Erste

Die einzige Erklärung dafür lassen Schmid und Koautor Bernd Lange den Polizisten Jens Köhler (Martin Feifel) aussprechen: „Sie sind unglücklich.“ Okay, das war's schon? Auf dem Dorf in Bayern sind bestimmt viele Heranwachsende unglücklich, aber nicht alle dröhnen sich gnadenlos mit Crystal Meth zu, nicht alle hegen in jungen Jahren schon Selbstmordgedanken und führen diese zum Teil sogar aus. Weitere Erklärungsversuche wagt das Autorenduo jedoch nicht, was sehr schade ist, weil damit das Serienformat mit seiner Möglichkeit der tiefergehenden Charakterisierung voll hätte ausgenutzt werden können.

Wie kann man so gut drauf sein?

Stattdessen bekommen wir: Plot, Plot und noch mehr Plot. Selbstmord, Affären, verschwiegene Verwandtschaftsverhältnisse, Drogenhandel, Rassismus, Totschlag, Mord, Krankenpflege, Verrat - all diese Themen kommen vor, keines wird richtig ausgeleuchtet. Vor allem in der zweiten Hälfte der Miniserie reiht sich ein aufsehenerregendes Ereignis an das nächste, so dass den Figuren kaum Zeit bleibt, das Geschehene zu verarbeiten. Es ist den Machern ja hoch anzurechnen, dass sie die Trauerarbeit der Betroffenen nicht allzu ausschweifend darstellen, sondern stattdessen auf viel Stille setzen.

Aber es hätte genauso viel Drama erzeugt werden können, wären am Ende nicht zwei der drei Freundinnen tot und eine schwerverletzt im Krankenhaus. Die Probleme, die diese Quasikinder plagen, sind alleine schon groß genug. Manu wird erdrückt von ihren kontrollsüchtigen Eltern Steffi (Nina Kunzendorf) und Leo (Sebastian Blomberg), was in einer frühen Szene erschütternd deutlich wird, als die Mutter ihre abermals rückfällig gewordene Tochter mit einem Fahrradschloss an den Küchentisch fesselt. Das ist brutal, ja. Aber versucht man sich deswegen gleich mehrmals umzubringen?

Laura ergeht es zu Hause auch nicht besser. Ihre Eltern haben viel weniger Geld als die Essmanns, was besonders schlimm ist, weil die Mutter an der Dialysemaschine hängt. Für Laura entsteht daraus ein scheinbar unüberwindbarer Konflikt, wie sie einmal ihrem drogendealenden Kumpel/Vielleichtfreund Tarik (Mehmet Atesci) erzählt: Wenn sie ausgeht und sich nicht um ihre kranke Mutter kümmert, hat sie ein schlechtes Gewissen. Bleibt sie aber wegen der Mutter zu Hause, hat die wiederum ein schlechtes Gewissen, weil sie genau weiß, dass Laura jetzt lieber woanders wäre.

Manu (Johanna Ingelfinger) beim Überdosis-Zubereiten
Manu (Johanna Ingelfinger) beim Überdosis-Zubereiten - © Das Erste

Tarik kommentiert lässig, dies sei wohl das Gegenteil einer Win-win-Situation, eine Lose-lose-Lage. Es ist der einzige halbwegs witzige Moment in der gesamten Serie, er ereignet sich in einer der wenigen Szenen, die den Figuren eine Verschnaufpause gönnen. Es ist ja durchaus nachvollziehbar, dass man in einer Serie, die vom Verschwinden einer jungen Frau und der darauffolgenden verzweifelten Suche ihrer Mutter nach ihr handelt, nicht allzu viel Humor unterbringt. Ein wenig mehr hätte ihr jedoch durchaus gutgetan. So gerät das Format wie das in ihm dargestellte Wetter: trüb, grau, deprimierend.

Überraschung

Weil auf eine tiefergehende Charakterisierung zugunsten des Plotfortschritts verzichtet wird, bleiben die radikalen Maßnahmen, die die Mädchen ergreifen, schwer verständlich. Manu versucht, sich einmal per Überdosis Meth ins Jenseits zu befördern und einmal per Sprung aus dem Fenster. Der zweite Selbstmordversuch ist glaubwürdiger als der erste, hat sie doch da gerade erst erfahren, dass ihr Vater eine Affäre mit ihrer besten Freundin hatte. Laura hingegen nimmt sich beinahe aus heiterem Himmel das Leben, weil sie es offenbar nicht erträgt, dass ihr latent rassistischer Vater Helmut (Michael A. Grimm) ihre zart erblühende Liebe zum Türken Tarik verhindern will.

Am Ende ist es nur Manu, die mit viel Glück überlebt. Tarik wurde in der Haft von Lauras Vater und dessen hilfsbereitem Polizistenfreund Markwart (Stephan Zinner) erschlagen, wobei die beiden so stümperhaft vorgehen, dass selbst ihr miesepetriger, bisweilen ziemlich begriffsstutziger Kollege Köhler sofort dahinterkommt. Letztgenannter ist der einzige, der Janines Mutter Michelle bei deren Suche hilft, aber das nicht besonders effektiv. Eigentlich muss sie die ganze Arbeit alleine machen.

Am Ende ihrer Ermittlungen steht die niederschmetternde Erkenntnis, dass Janine seit Tagen tot im Wald liegt, gestorben an den Nachwirkungen einer Abtreibung. Gedrängt dazu wurde sie von Nicole Göhl (Isabella Bartdorf), Mutter ihres Halbfreundes Florian (Louis-Nicolai Nitsche) und Ehefrau ihres Vaters Martin (Godehard Giese). Das Kind hätte aber auch von Leo sein können, mit dem sie eine Affäre hatte. Das eigentliche Problem an dieser Figurenkonstellation ist jedoch, dass die Göhls erst in der letzten Folge eine, wenn auch wichtige, Nebenrolle spielen und ihre Verwicklung deshalb gar keinen emotionalen Punch landen kann.

Es ist enttäuschend, dass sich ein versierter Autorenfilmer wie Hans-Christian Schmid bei seinem ersten Ausflug ins Fernsehen so stark an Krimikonventionen orientiert, statt seinem in vielen tollen Filmen nachgewiesenen Gespür für Charakterarbeit zu vertrauen. Das Schauspiel der vielen bekannten und mancher unbekannter Gesichter kann die Gewöhnlichkeit der Geschichte leider nicht aufwiegen. So wird aus Das Verschwinden ambitionierte, aber letztlich zu oberflächliche Fernsehkost.

Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 2. Dezember 2017
Episode
Staffel 1, Episode 4
(Das Verschwinden 1x04)
Titel der Episode im Original
Eine Familie
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 31. Oktober 2017 (Das Erste)
Autoren
Bernd Lange, Hans-Christian Schmid
Regisseur
Hans-Christian Schmid

Schauspieler in der Episode Das Verschwinden 1x04

Darsteller
Rolle
Julia Jentsch
Johanna Ingelfinger
Saskia Rosendahl
Elisa Schlott
Nina Kunzendorf
Sebastian Blomberg
Caroline Ebner
Teresa Harder
Martin Feifel

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