Das Verschwinden 1x01

© anine (Elisa Schlott, M.) und ihre Freundinnen schwören sich ewige Treue. / (c) ARD
Mit bedächtiger Konstanz hat sich der Filmemacher Hans-Christian Schmid in über 20 Jahren einen glänzenden Ruf als konzentrierter Geschichtenerzähler erarbeitet. Eine Figur erschaffen und diese dann begleiten auf ihrer emotionalen Reise, das war die Technik, mit der er in Filmen wie „Nach Fünf im Urwald“, „23 - Nichts ist so wie es scheint“ oder „Crazy“ vorging. Wichtig für deren Erfolg - und auch der Nachfolgewerke „Lichter“, „Requiem“, „Sturm“ und „Was bleibt“ - war stets eine gelungene Besetzung der Hauptfigur.
Routinier des deutschen Indiefilms
So lesen sich Schmids Ensembles wie ein Who's who der deutschen Filmbranche. Franka Potente, August Diehl, Tom Schilling, Sandra Hüller und Lars Eidinger standen alle schon vor seiner Kamera - und das meist zu Beginn ihrer Karriere. Deutlich erfahrener ist da schon die Hauptdarstellerin seines ersten Fernsehprojekts, der heute im Ersten startenden Miniserie Das Verschwinden. Julia Jentsch spielt darin Michelle Grabowski, Mutter einer renitenten Tochter, die eines Tages verschwindet.
Die Auftaktepisode trägt als Titel den Namen ebenjener Tochter, Janine. Sie wird gespielt von Elisa Schlott. Janine gehört zu einer Clique, deren Mitglieder allesamt drogenabhängig sind. Bevorzugt konsumieren sie Crystal Meth, was bereits erahnen lässt, dass es hier nicht um Lappalien geht. Im oberbayrischen Cham sehen Janine, Manu (Johanna Ingelfinger) und Laura (Saskia Rosendahl) offensichtlich keinen anderen Ausweg, um der aus ihrer Sicht äußerst tristen Realität zu entfliehen.
Zu Beginn erfahren wir nicht, ob es einfach nur jugendlicher Leichtsinn ist, der hinter der omnipräsenten Tristesse steckt, oder ob es tiefsitzendere Gründe gibt. Manu könnte zum Beispiel ihrem Studium in Bayreuth nachgehen, was ja auch nicht gerade wenige Freiheiten zulässt. Stattdessen hat sie ihr WG-Zimmer vermietet, ihre Möbel verkauft und gar nicht erst angefangen zu studieren. All das, um die Drogensucht zu finanzieren? Ihre verzweifelten Versuche, an neuen Stoff heranzukommen, legen das zumindest nahe. Auch Laura befindet sich auf direktem Wege auf die krumme Bahn.

Sie wird von Altenpflegerin Michelle bei dem Versuch erwischt, eine Seniorin um ihr Geld zu bringen. Von Laura wissen wir noch nicht, was neben Drogennehmen und Feiern ihre Hauptbeschäftigung ist, nur, dass sie zu Hause ihre kranke Mutter pflegen muss. Von Janine erfahren wir zeitgleich mit ihrer Mutter, dass sie den Ausbildungsjob bei der Firma Essmann, die von Manus Eltern Steffi (Nina Kunzendorf) und Leo (Sebastian Blomberg) betrieben wird, längst geschmissen hat. Die eigene Wohnung, das Auto und die Sucht sollen nun mit dem Einstieg ins Drogengeschäft finanziert werden.
Alles wieder cool
Hier kommt Tarik (Mehmet Atesci) ins Spiel, beschäftigt im Dönerladen seiner Eltern, jedoch nicht gewillt, „die nächsten 30 Jahre Zwiebeln zu schneiden“. Also lässt er sich auf Deals mit den Vietnamesen jenseits der tschechischen Grenze ein, wo es nicht nur billige Zigaretten und Alkohol gibt, sondern auch länger geöffnete Technoclubs und immer neuen Stoff. Es fällt zu Beginn schwer zu glauben, dass diese Mädchen, die alle aus vermeintlich heilen Familien kommen, so hart abrutschen können. Aber diese Beispiele gibt es. Jeder, der vom Dorf oder aus der Kleinstadt kommt, kennt sie.
Die Beklemmung, die dort herrscht, die scheinbar unausweichliche Aussichtslosigkeit, fangen Schmid und sein Kameramann Yoshi Heimrath mit geduldigen Close-ups der abgekämpften Gesichter ein, und immer wieder auch mit Weitwinkelaufnahmen der nebelverhüllten Kleinstadt und ihrer umliegenden Wälder. Wenige Szenen zwischen den Freundinnen etablieren sofort ihre Beziehung. Sie schwören sich zwar ewige Verbundenheit, geraten aber auch über die erste Großlieferung Meth in Streit, da Manu es nicht lassen kann, „sicherheitshalber“ davon zu kosten.
Bevor wir die Chance bekommen, mehr über das Innenleben der Hauptfiguren zu erfahren, wird Janines Auto nach einer durchfeierten Nacht im Graben gefunden. Einen gemeinsamen Bekannten sieht die zufällig vorbeikommende Laura noch wegrennen, aber dann kümmert sich schon die Polizei um die Bestandsaufnahme. Wenig überraschend werden im Auto Drogen gefunden. Michelle nimmt das alles zunächst ziemlich tapfer hin. Angesichts des Desinteresses von Kommissar Gerd Markwart (Stephan Zinner) steigt bei ihr aber bald das Frustrationslevel.

Bei Janine zu Hause steht die Wohnungstür offen, sie ist nirgendwo zu sehen. Es sieht danach aus, als hätte jemand eingebrochen, und tatsächlich befindet sich Tarik in der Wohnung, weil auch er fieberhaft nach Janine sucht. Ähnlich geht es Manu und Laura, aber nicht etwa nur, weil sie sich Sorgen um ihre beste Freundin machen, sondern auch, weil sie wissen wollen, was aus dem Drogenpaket geworden ist. Vor allem Manu braucht die damit zu erzielenden Erlöse, um sich von ihrem eigenen Dealer freizukaufen, bei dem sie so hohe Geldschulden hat, dass der sich nicht scheut, sie in aller Öffentlichkeit zu verprügeln.
Auf ein Neues
Überhaupt gehen die meisten Akteure hier ziemlich amateurhaft vor. Tarik vertickt seinen Stoff sehr offen am Bahnhof, wobei er längst von der Polizei beschattet wird. Statt ihn jedoch mit einer Überraschungsaktion festzunehmen, stellen sich Markwart und Konsorten beim Verhaftungsversuch ziemlich dämlich an. Als sie Tarik nur ohne illegale Substanzen zu fassen bekommen, fällt ihnen nicht ein, die umgebenden Büsche zu durchsuchen. Das erledigt später seine Mutter, was er nicht zu verhindern weiß, und was ihr und Manu einen Trip zur Polizei einbringt. Sowohl auf Seiten des Gesetzes wie auch auf der Gegenseite sind hier nicht die hellsten Birnen unterwegs.
Aber vielleicht ist das in der Kleinstadt ja so. Vielleicht kommen die hellsten Birnen gar nicht erst auf die Idee, sich in die Drogenabhängigkeit zu stürzen. Vielleicht entscheiden sich die hellsten Birnen nicht für eine Polizeikarriere in der Heimat. Vielleicht ist das Ganze aber auch nur der Dramaturgie geschuldet, was eher so mittelcool wäre. Nachvollziehbarer ist da schon die einsame Suche von Michelle nach ihrer Tochter, die sie schließlich über die Grenze nach Tschechien treibt, wo sie ganz am Ende glaubt, ein Kleidungsstück von Janine entdeckt zu haben. Ein Cliffhanger, wie er im Buche steht.
So spannend wie diese Suche dürfte es in den kommenden drei spielfilmlangen Episoden werden, langsam all die Geheimnisse zu entblättern, die unter der überhaupt nicht heilen Oberfläche dieser doch sehr deutschen Kleinstadt schlummern. Die Charakterarbeit gelingt Schmid und seinem Ko-Autor Bernd Lange hier bereits ausgezeichnet, an der dramaturgischen Konstruktion und den Dialogen dürfen sie hingegen gerne noch ein bisschen feilen, das geht beides eleganter. Schauspielerisch ist derweil nichts auszusetzen. Bei einer Serie, die sich so stark um mehrere Mysterien rankt, wird es jedoch von enormer Wichtigkeit sein, wie diese aufgelöst werden. Die Hoffnung darauf ist groß.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 22. Oktober 2017(Das Verschwinden 1x01)
Schauspieler in der Episode Das Verschwinden 1x01
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