Das Boot: Kritik zum Start der neuen Sky-Serie

© olle Kraft voraus für die moderne Fortsetzung von „Das Boot“... (c) Sky Deutschland/Bavaria Fiction/Sonar Entertainment
Ja, die Idee einer seriellen Neuauflage von „Das Boot“ - dem deutschen „Citizen Kane“, wenn man so will - sorgte im Vorfeld natürlich für Verdruss. Welchen anderen Grund als Geldmacherei sollten Sky Deutschland und Bavaria Fiction auch haben, um den ohnehin schon perfekten Kinoklassiker von Wolfgang Petersen wieder auftauchen zu lassen? Jeder neue Darsteller, der sich mit Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer oder Martin Semmelrogge messen muss, kann einem leidtun. Und trotz alledem wirkt die moderne Fortsetzung, die leider ebenfalls Das Boot heißt, überraschend vielversprechend.
Nein, das bilinguale Autorenduo Tony Saint (The Interceptor) und Johannes W. Betz (Tatort) und der österreichische Regisseur Andreas Prochaska („Das finstere Tal“) kochen nicht erneut die Geschichte der legendären U-96 auf, sondern präsentieren uns mit der U-612 ein gänzlich neues Schiff, das wenige Monate nach dem Finale des Films auf Feindfahrt geht. In der gestern Abend ausgestrahlten Auftaktepisode Neue Wege (1x01) lernen wir zunächst im Hafen La Rochelles die schockierend junge Mannschaft kennen - und auch so manche Frau. Denn, statt nur in den klaustrophobischen Maschinenräumen unter Deck zu spielen, soll es diesmal auch um größere Zusammenhänge gehen...
US-Stars wie Lizzy Caplan (Masters of Sex) und Vincent Kartheiser (Mad Men) - nur Erstgenannte ist im Pilot zu sehen - sollen der neuen Serie internationalen Flair verleihen. Somit will man natürlich auch einen der Hauptkritikpunkte am Original entgegensteuern, nämlich den, dass die Erzählung zu sehr mit der falschen Seite im Zweiten Weltkrieg sympathisiere, sprich mit den Nazis. Die französische Résistance spielt hier nun von Beginn an eine Rolle, was eine der wenigen Ergänzungen ist, die eine Neuauflage überhaupt erst rechtfertigen. Aber keine Sorge: Auch die klassischen U-Boot-Szenen sind gelungen.
Mit den Füßen voran
Caplan und Kartheiser sind tatsächlich nicht die Einzigen, die beim Blick auf die Liste der Beteiligten für Staunen sorgen. Mit Tom Wlaschiha (Game of Thrones) oder Rainer Bock (Better Call Saul) konnten zwei deutsche Darsteller verpflichtet werden, die selbst im Ausland keine Unbekannten sind. Da sie beide eher zur älteren Generation zählen - zumindest im Fall von Das Boot -, wurden sie für die Schurkenrollen eingesetzt. Wlaschiha spielt einen schmierigen Gestapo-Offizier, während Bock als Fregattenkapitän Gluck reihenweise Soldaten, die teils noch keine 18 Jahre alt ist, in den Tod schickt.
Selbst der Kaleun ist in der Neuauflage eher ein Grünschnäbel, der allerdings vom Heldenstatus seines Vaters profitiert. Kommandant Klaus Hoffmann (Rick Okon) ist der Protagonist der Geschichte, der damit hadert, so früh so viel Verantwortung zu tragen. Sein Gegenspieler ist der 1. Wachoffizier Karl Tennstedt (August Wittgenstein), der optisch ihm zwar ähnlich sieht, aber dennoch mehr Erfahrung auf dem Buckel hat. Auch er hält Hoffmann für ungeeignet, was früh zu Spannungen zwischen den beiden Alphatieren führt - und das, obwohl die U-612 nach nur einer Folge noch gar nicht richtig Kurs aufnehmen kann.
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Viele sind sicherlich enttäuscht, dass Das Boot anfangs so wenig an das Original erinnert. Zwar ging auch hier das Ganze zunächst an Land in La Rochelle los, doch dann war man schnell gefangen in der Unterwasserhölle. Man konnte den Schweiß der Männer förmlich riechen, so nah brachte uns der Kameramann Jost Vacano damals an die Crew heran. Aber auch die neue Serie ist dazu durchaus in der Lage. Mit einer packenden Eröffnungsszene versucht Prochaska, die alten Fans des Films mit an die Hand zu nehmen und inszeniert für sie eine erste große U-Boot-Schlacht. Doch dieses Boot hat deutlich weniger Glück als die U-96 und sinkt nach nur fünf Minuten auf dem Bildschirm in die Tiefen des Meeres. Anschließend hören wir den berühmten Soundtrack von Klaus Doldinger - und alles scheint angerichtet für ein neues Kapitel.
Mag sein, dass durch das Fehlen des Kammerspielcharakters vom „Ur-Boot“ ein Teil der Authentizität und Intimität verloren geht, doch würde die Sky-Serie nichts Neues wagen, hätte man sie sich ja gleich sparen können. In diesem Sinne ist auch der Handlungsstrang um die Sekretärin Simone Strasser (Vicky Krieps) eigentlich begrüßenswert. Sie könnte zum Herz der Serie werden, auch wenn sie als Frau natürlich nicht in See sticht. Dafür wurde aber ihr Bruder Frank (Leonard Scheicher) als Funker eingezogen, um dessen Leben sie nun bangen muss. Er ist es auch, der sie bittet, ihm einen dubiosen Gefallen zu tun, der sie schließlich mit dem lokalen Widerstand in Kontakt bringt, dem scheinbar auch die Figur von Caplan angehört.
Fazit
Alles in allem bleibt festzuhalten, dass die Neuauflage beziehungsweise Fortsetzung von Das Boot zum Trotz aller Erwartungen keine Katastrophe ist. Erbitterte Verfechter der Vorlage werden zwar bemängeln, dass die neue Serie zumindest anfangs noch zu glatt und überdimensioniert erscheint - immerhin flossen satte 25 Millionen Euro in die Produktion -, aber spätestens gegen Mitte der Staffel dürften der Ton und die Atmosphäre deutlich rauer werden. Vielleicht reicht es ja schon, wenn die glattrasierten Milchgesichter nach ein paar Tagen unter Deck die ersten Bärte tragen...
Nicht uninteressant erweist sich zudem die neue Komponente der französischen Freiheitskämpfer, die in der modernen Version von Das Boot nun ebenfalls im Fokus stehen. Grundsätzlich galt es stets als diskussionswürdig, die deutschen Nazis - und eben auch solche, die nicht voller Inbrunst den Hitler-Gruß ausüben - zu den Helden eines (Anti-)Kriegsfilmes zu machen, selbst wenn die Botschaft von Petersen und Konsorten diesbezüglich ganz klar friedlich war. Es ging vor allem darum, die Schrecken der Schlacht auf See zu zeigen und die Sinnlosigkeit und Verschwendung junger Menschenleben. Von alledem ist in der Sky-Serie anfangs noch nichts zu spüren, aber die Geschichte hat ja auch gerade erst begonnen.
Ob Das Boot von 2018 genauso tragisch enden wird wie „Das Boot“ von 1981, wird sich zeigen müssen. Wer will, kann die achtteilige Auftaktstaffel schon jetzt in ihrer Gänze bei Sky On Demand, Sky Ticket und Sky Go streamen. Linear werden die einzelnen Kapitel der ambitionierten Eventserie jeden Freitagabend zur Primetime bei Sky 1 zu sehen sein.