Daredevil 3x01

© ??Daredevil“ (c) Netflix
Anmerkung vorab: Diese Kritik bezieht sich auf die ersten sechs Episoden der dritten Staffel von „Daredevil".
Es ist eine ganze Weile her, dass Daredevil, der blinde Marvel-Held mit selbstzerstörerischem Helfersyndrom, für Netflix auf Schurkenjagd gegangen ist. Zumindest im Alleingang. Im März 2016 feierte die zweite Staffel des düsteren (Anti-)Heldendramas ihre Premiere, in der es der Teufel neben seiner alten Flamme Elektra auch mit dem rigorosen Selbstjustizler Frank Castle (aka Punisher) und einer ganzen Menge von Ninjas zu tun bekommen hatte. Seitdem wurde Matt Murdock (Charlie Cox) - Anwalt bei Tag, kampferprobter Rächer bei Nacht - von den Kollegen Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist eingeholt, die inzwischen ebenfalls allesamt zwei Staffeln zählen, wenngleich einer dieser drei Straßenhelden mittlerweile in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurde.
Doch „Daredevil“ war nicht komplett von der Bildfläche verschwunden, standen er (und die bereits erwähnte Elektra) doch im Zentrum der Eventserie Marvel's The Defenders, über deren Qualität und Sinnhaftigkeit nach wie vor debattiert werden darf und an deren Ende ein vermeintlicher Schlussstrich unter das Leben von Matt Murdock aka Daredevil gezogen wurde. Aber, Überraschung: Matt lebt. Und er war selten so gut in Form wie in der heute auf Netflix startenden dritten Staffel von Daredevil, in der unser Titelheld sein Dasein gehörig umkrempeln will und es ihm ein alter Feind extrem schwer macht, in aller Ruhe einen neuen Weg zu finden, um sein Leben zu bestreiten...
Vorweg: All diejenigen, die „Marvel's The Defenders“ nicht gesehen haben sollten, müssen sich im Vorfeld der dritten Staffel von „Daredevil“ keine Sorgen machen, irgendetwas verpasst zu haben oder aber auf verlorenem Posten zu stehen. Zu Beginn wird der tiefe Fall Matt Murdocks und der Verlust einer Person, für die er große, wenn auch nicht ganz unkomplizierte Gefühle gehegt hat, thematisiert. Jedoch lässt man die Vergangenheit im Großen und Ganzen Vergangenheit sein, essentiell ist nur, dass ein einschneidendes Erlebnis die Sichtweise von Matt auf sein Wirken als Held maßgeblich verändert hat. Und diese Erkenntnis - Einsicht wäre wohl zu viel des Guten, bekommt man den Teufel aus Matt Murdock doch nie wirklich ganz raus - bestimmt die ersten Folgen der neuen Staffel.
Wer unter euch ohne Sünde ist...
Die Serie nimmt über diesen Weg Bezug zur Comicvorlage (Kollege und Fachmann Adam Arndt empfiehlt dazu „Born Again“ von Frank Miller und David Mazzucchelli sowie „Underboss“ von Brian Michael Bendis und Alex Maleev) und zu einem Charakterzug der Hauptfigur, der in den letzten Staffeln mal mehr, mal weniger thematisiert wurde: der katholische Hintergrund von Matt Murdock, der nach dem Tod seines Vaters in einem Waisenhaus von Nonnen großgezogen wurde. Dass sich Matt an diesem Punkt seiner bisweilen sehr blutigen und mit schrecklichen Ereignissen übersäten Lebensgeschichte hinterfragt, ist eine logische Konsequenz. Von allen Netflix-Marvel-Helden ist er stets der prominenteste Kandidat gewesen, der die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern trägt und auf Teufel komm 'raus Gutes bewirken will.
Doch die jüngsten Erfahrungen haben ihn gebrochen, es sind Zweifel bei ihm aufgekommen, ob er auf dem richtigen Pfad ist oder sein Gott ein unfaires Spielchen mit ihm treibt, das Matt immer mehr vereinsamen lässt und ihn zu einem gesellschaftsunfähigen Prügelknaben macht. Der neue Showrunner Erik Oleson, der als Berater fungierende Serienschöpfer Drew Goddard und das Autorenteam nehmen sich Zeit für diese Facette und Geschichte eines gefallenen Samariters, als den sich Matt immer wieder selbst wahrgenommen hat, nur, um jetzt zu erkennen, dass dieses Selbstbildnis fragil und trügerisch gewesen ist. Der innere Konflikt, Gutes zu tun, aber zu welchem Preis, war stets ein Alleinstellungsmerkmal von „Daredevil“, das in Staffel drei wieder mehr in den Vordergrund rückt. Und das ist gut, jedoch auch mit ein paar Problemen verknüpft.
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David vs. Goliath - Round 2!
Denn wenn sich ein Charakter der Netflix-Defenders selbst bemitleiden kann, dann ist es Matt Murdock, der zwischenzeitlich mit der potentiellen Chance auf Erlösung abschließt und sich damit abfindet, dass er auf ewig allein bleiben wird, da er nur so seinen Liebsten keinen Schaden zufügen kann. Wie in Hollywood und der weiten Welt der Serien diese taffen, eigenbrötlerischen, schmallippigen Typen doch geliebt werden! Als Zuschauer ist dieses Verhalten mittlerweile jedoch eher ermüdend, weil es sich um eine schrecklich ausgelutschte Trope des Superheldengenres handelt. Dankbarerweise führt man jedoch Joanne Whalley in der neuen Rolle der Schwester Maggie ein, die Matts wehleidiges, an mentaler Selbstkasteiung grenzendes Gehabe hervorragend pariert und ihren Ziehsohn immer wieder auflaufen lässt, um ihn aus seiner verklärten Selbstwahrnehmung zu befreien.
Um ganz ehrlich zu sein, hatte ich erwartet, dass Matts neuerlicher Selbstfindungsprozess und die Reevaluation seines Daseins zu Beginn der Staffel weitaus länger dauern würde, als es letztlich der Fall ist. Er kommt doch relativ schnell wieder auf die Beine und stürzt sich direkt zurück in seine Tätigkeit als gerechtigkeitssuchender Haudrauf, was ein wenig seltsam anmutet, da er seine Philosophie doch gründlich überdenken wollte. Aber das ist auch das Kernproblem des Charakters, dass er sich so gerne ändern will, sein innerstes Wesen sowie sein Umfeld es aber einfach nicht zulassen. Und, um ein weiteres Mal ganz ehrlich zu sein, bin ich trotz kurzer Irritation, dass Matt im Grunde genommen so weitermacht, wie wir es von der Figur gewohnt sind, froh darüber, dass unser Titelheld nicht unnötig lang in Selbstmitleid versinkt.
Aufgrund dieser Komponente können sich die ersten drei Episoden der neuen Staffel nämlich durchaus ein wenig schleppend anfühlen. So sehr, dass man es schon wieder mit der Angst bekommt, wie die Verantwortlichen denn bitte ganze 13 Folgen mit Geschichten füllen wollen, die relevant sind und uns nicht langsam vor den Bildschirmen wegnicken lassen. Doch auf den verhaltenen Auftakt folgen ab Episode vier gleich drei teils ungemein packende und sehr kurzweilige Folgen, in denen sich „Daredevil“ zu der Form aufschwingt, die das Format in weiten Teilen der ersten Staffel sowie in der ersten Hälfte der zweiten Staffel ausgezeichnet hat. Das rührt daher, dass man Matt Murdock so einsetzt, wie man den Helden sehen will, mit einer richtigen Mischung aus Selbstzweifel, Empathie, Bestimmtheit und Konsequenz.
Doch es liegt nicht nur an der Hauptfigur - auch die Rückkehr von Vincent D'Onofrio als Wilson Fisk aka The Kingpin ist Gold wert. Fisk ist und bleibt einer der besten Schurkencharaktere im gesamten Cinematic Universe von Marvel und D'Onofrio hat nichts von seiner natürlichen Ausstrahlung und Bedrohlichkeit in dieser Rolle eingebüßt. Fisk ist hochintelligent, manchmal vielleicht zu allmächtig, doch stets faszinierend. Er ist nämlich in der Lage, alles und jeden um sich herum so zu manipulieren und zu beeinflussen, dass er letzten Endes einen Vorteil daraus ziehen kann. D'Onofrio bei diesem Spiel zugucken zu dürfen, macht nach wie vor eine große Freude. Das Fernduell, das sich in der ersten Hälfte der Staffel zwischen dem verurteilten Gangster und Daredevil entspinnt, treibt die Geschichte an und macht Lust auf mehr.
Fernduell, weil Fisk in Staffel drei nach wie vor in Gewahrsam der Staatsgewalt ist. Doch selbst in den Händen des FBI, das einen Deal mit Fisk eingeht, wodurch dieser unerhörte Privilegien genießt, kann der massive Fiesling schalten und walten, wie er will. Zum einen geht es ihn um die Sicherheit seiner geliebten Vanessa, zum anderen arbeitet er an einem Plan, um den Hass der Öffentlichkeit, die nicht besonders gut auf Wilson Fisk zu sprechen ist, auf eine andere Person zu lenken. Und so wird der Weg zu einer neuen Figur im Daredevil-Universum geebnet, die von vielen Fans mit Spannung erwartet wurde: Bullseye.

Zurück zu den Wurzeln
Oder anders: Benjamin „Dex" Poindexter, gespielt von Wilson Bethel. Auch wenn der Name des scharf schießenden Superschurken aus den Marvel-Comics, in denen er unter anderem von Wilson Fisk angeheuert wird, um Daredevil auszuschalten, in den ersten sechs Folgen der dritten Staffel von Daredevil nicht einmal fällt, ist die Richtung deutlich, die man hier einschlägt. Aber wir vergessen am besten mal ganz schnell die Bullseye-Inkarnation von Colin Farrell in dem unsäglichen „Daredevil“-Film von 2003. Der hier eingeführte Charakter ist weitaus nuancierter gezeichnet und hat einen schwierigen Hintergrund, der ihn besonders empfänglich für die Kopfspielchen eines Wilson Fisk macht. So kreuzen sich schließlich die Wege der beiden, deren Allianz eine akute, unberechenbare Gefahr für Matt und dessen Nächsten darstellt.
Es mag nicht die originellste Figurenzeichnung sein, die man uns hier präsentiert, generell kommt es einem in den neuen Folgen oft so vor, als wüsste man schon lange, bevor etwas passiert, welche Entwicklung die Geschichte und die Charaktere nehmen werden. Ich persönlich empfinde dies aber nicht wirklich als störend, stimmen doch sowohl die Darbietungen der einzelnen Darsteller und Darstellerinnen als auch die oft sehr mitreißende Inszenierung. An der altbekannten, manchmal etwas erschöpften Farbgebung der Serie wird sich nicht mehr viel ändern, auch die klassischen Kämpfe in engen Gängen oder Treppenhäusern gehören weiterhin zum Repertoire der Produktion. Im Gegensatz zu den anderen Marvel-Serien von Netflix investiert man jedoch viel Zeit und Arbeit in wahrlich sehenswerte Actionsequenzen und atemberaubende Kämpfe.
Allein in der vierten Folge kommt man in den Genuss einer wunderbaren, zehnminütigen (!) Plansequenz - man kann sich denken, an welcher Stelle womöglich einen Schnitt gemacht wurde -, die Matt Murdock (Charlie Cox in absoluter physischer Topform) bei einem Besuch in einem Gefängnis zeigt, der eine unschöne Wendung nimmt. Der logistische Aufwand ist erstaunlich und die visuelle Umsetzung hervorragend, von der eingeübten, mitunter aber auch improvisiert wirkenden Kampfchoreografie über die dichte Kameraeinstellung, die uns alle als Teil des Ganzen fühlen lässt, bis hin zur allgemeinen Dramaturgie dieser Sequenz, die einen packt und einfach nicht mehr loslässt. „Daredevil“ hat ursprünglich so auf sich aufmerksam gemacht und es ist erfreulich zu sehen, dass man nun zu diesen Tugenden zurückkehrt.
Es geht nicht um die Masse an Gegner, mit der es unser Held zu tun bekommt. Die Art und Weise, wie die Szenen eingefangen werden und ob wir spüren, dass es wirklich um etwas geht, ist essentiell. Da kann es sich auch mal nur um einen einfachen Zweikampf handeln, wie wir ihn zum Beispiel in der sechsten Folge sehen, der in ein hochintensives Duell zweier unterschiedlicher Kämpfertypen ausartet, bei dem diverse Büroartikel auf gar schmerzhafte Art und Weise zum Einsatz kommen. In dieser Hinsicht macht die dritte Staffel von „Daredevil“ großen Spaß, selbst wenn sich die Autoren auch stets darum bemühen, nicht die Schwere der angesprochenen Themen zu vernachlässigen, sei es systematische Korruption auf staatlicher Ebene, der erschreckende Einfluss von organisiertem Verbrechen in unserer Gesellschaft und die fehlende Bereitschaft vieler zu Recht verängstigter Menschen, den großen Übeln unserer Zeit den Kampf anzusagen.
Über Charaktere wie Foggy Nelson (Elden Henson), der als Staatsanwalt kandidiert, und die nimmermüde Journalistin/Weltverbesserin Karen Page (Deborah Ann Woll) greift man diese Aspekte immer wieder auf. Und das ist wichtig, selbst wenn man sich zum Beispiel von Karen wünschen würde, dass sie hier und da mal etwas strategischer vorgehen würde, während Foggy vielleicht zu oft seine erprobte good guy-Routine rauskehrt und seine Charakterentwicklung dementsprechend überschaubar bleibt. Diese Nebenkriegsschauplätze verstopfen jedoch nicht die Handlung, sie spielen sich angenehm am Rande ab oder tragen genau richtig zum zentralen Handlungsstrang bei, der Matt Murdock gegen Wilson Fisk antreten lässt. Es ist simpel - und es funktioniert.
Was man letztlich aus diesem Konflikt noch herausholen kann, inwiefern Matt einen nachvollziehbaren Wandel als Persönlichkeit durchläuft (sofern dies überhaupt beabsichtigt ist - wünschenswert wäre es allemal) und ob die Allmacht des Kingpin eventuell irgendwann zu viel wird, sind nur ein paar Fragen, die noch zu klären sind. Wie so oft bleibt zu hoffen, dass man sich mit der Anzahl der Episoden nicht übernommen hat. Da sich die ersten sechs Episoden der 13-teiligen dritten Staffel von Daredevil jedoch gut anschicken und mich mehrfach sehr ordentlich haben mitreißen können, bin ich optimistisch.
Trailer zur dritten Staffel von „Daredevil":
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 19. Oktober 2018Daredevil 3x01 Trailer
(Daredevil 3x01)
Schauspieler in der Episode Daredevil 3x01
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