Witzig, temporeich und warmherzig erzählt Russell T. Davies in Cucumber, dem Auftakt seines neuen Serientriumvirats, von einer erlahmten Beziehung zweier mittelalter Männer. Obwohl er darin auch einige Schwulenklischees bedient, wirkt dies nie ausbeuterisch oder belächelnd.

Henry (Vincent Franklin) und seine Freunde schauen sich Unzüchtiges auf einem Handy an. / (c) Channel 4
Henry (Vincent Franklin) und seine Freunde schauen sich Unzüchtiges auf einem Handy an. / (c) Channel 4
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Lange haben wir in der SERIENJUNKIES.DE®-Redaktion gerätselt, was es mit den Titeln der drei neuen Serien aus dem Hause Russell T. Davies (Queer as Folk, Doctor Who) auf sich haben könnte. Klar, Cucumber, Banana und Tofu können alle drei leicht als Bezeichnungen für's männliche Geschlechtsteil identifiziert werden. Doch wie sich am Beginn der Auftaktepisode von Cucumber, das zusammen mit den anderen beiden Formaten ineinander verwobene Geschichten erzählt, herausstellt, steckt doch mehr hinter der Namensgebung.

His cock is making him gay

Im voice-over erzählt da nämlich Hauptfigur Henry (Vincent Franklin), dass ein schwedisches Forschungsinstitut den Härtegrad von Erektionen untersucht und diese in vier Kategorien - rangierend von weich bis hart - eingeordnet habe. An welchem Ende nun der Tofu, die Gurke, die geschälte und die ungeschälte Banane landen, das dürfte nicht allzu schwierig zu erraten sein. Henry sieht sich jedenfalls selbst als Tofu - eine ernüchternde Erkenntnis, die ihm im Verlaufe der Episode immer wieder vor Augen geführt wird.

Von außen betrachtet kann sich sein Leben durchaus sehen lassen. Er ist schon lange mit seinem Freund Lance (Cyril Nri) zusammen, gemeinsam bewohnen sie ein geschmackvoll eingerichtetes Haus in einem ruhigen Vorort Manchesters. Henrys Job als leitender Angestellter einer Versicherung ist zwar nicht besonders spannend, dafür hat er einen großen Freundeskreis, der bisher überwiegend aus anderen Männern besteht - klammert man einmal seine Schwester und eine Kollegin aus, mit der er sich gegen einen weiteren, allzu nassforschen Kollegen verschwört.

Wie langweilig aber all diese Annehmlichkeiten - feste Beziehung, sicherer Job, keine Sorgen - geworden sind, wird vor allem im Kontrast zu zwei jungen Kollegen Henrys offenbar. Dean (Fisayo Akinade) und Freddie (Freddie Fox) - die beiden Figuren spielen in Banana zentrale Rollen - haben Mindestlohnjobs bei der Versicherung, leben aber völlig unbedarft in einem ausrangierten Industrieloft, haben Unmengen an Sex (mit Vertretern beiderlei Geschlechts) und pflegen voller Inbrunst ihren sorglosen happy go lucky-Lifestyle.

Als Henry zum ersten Mal in diese Welt eintaucht, tritt er noch völlig verschreckt den Rückzug an. Am Ende der Episode aber, als alles schiefgelaufen ist, was nur schieflaufen kann - und das auf maximal witzige Art -, da erkauft er sich einen Platz in dieser hipsten aller vorstellbaren Wohnmöglichkeiten. Zuvor hat sich seine bisher so stabile, aber aller Leidenschaft beraubte Beziehung (Henry und Lance masturbieren in getrennten Zimmern, statt miteinander zu schlafen) auf spektakuläre Weise in ihre Einzelteile zerlegt.

My boyfriend's a fucking virgin

Beim Dinner fragt Lance seinen langjährigen Partner, ob er ihn heiraten wolle, nun, da eine Beförderung in Aussicht sei. Henrys ehrliche Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Nein.“ Auch die Bitte, wenigstens einmal darüber nachzudenken, wehrt Henry barsch ab. Das wiederum animiert Lance dazu, der angestaubten Beziehung neuen Esprit zu verleihen - in einem Club auf der berühmten Canal Street. Dort fischt er einen völlig verdrogten jungen Burschen aus dem steten Strom an völlig verdrogten jungen Burschen.

Der hilflose Obdachsuchende soll nun eigenhändig die Beziehung der beiden mittelalten Herren auffrischen - als komplettierender Teil eines Dreiers. Je näher sich das Liebestrio dem Schlafzimmer nähert, desto unangenehmer findet Henry diese Idee aber. Nun explodiert die Situation, sämtliche unterdrückten Ängste, Sorgen und Nöte kommen endlich zur Sprache. Was sich zu Beginn der Episode angekündigt hatte, wird hier bestätigt: Henry weigert sich, Geschlechtsverkehr mit Lance zu haben. Seit neun Jahren muss sich letztgenannter mit den übrigen Möglichkeiten abfinden, die einem Paar zur sexuellen Befriedigung offenstehen.

Deshalb, und aus verletztem Stolz ob des geplatzten Heiratsantrags, macht Lance nun ernst und schließt sich mit dem immer noch megahigh erscheinenden Feierer ins Schlafzimmer ein. Henry reagiert daraufhin leicht über, tritt im Schock barfuß auf die Straße und alarmiert einen nahen Streifenwagen, dass sich ein Eindringling in seinem Haus befinde. Die anschließende, zum Schreien komische Parallelmontage zeigt sowohl die Polizei im Haus unseres Heldenpaares als auch bei der Familie von Henrys Kollegen, den er aus Versehen des Plagiats beschuldigt hat. Eine turbulente Episode endet mit sämtlichen größtmöglichen Unfällen - und es ist wahnsinnig komisch.

Russell T. Davies springt mit beiden Beinen und ohne Rücksicht auf mögliche Sensibilitäten bei der Zuschauerschaft in seine Geschichte um das Leben homosexueller Männer. Cucumber ist frech, schnell, witzig, klug, manchmal abstoßend, manchmal urkomisch, immer warmherzig und fantasievoll. Alleine in der Auftaktepisode gibt es Keuschheitsgürtel, gelbes beziehungsweise oranges Sperma, haufenweise Pornografie, Anspielungen auf Ryan Reynolds und Hollyoaks sowie unzählige Fokussierungen auf das männliche Geschlechtsteil. Und Witze, sooooo viele Witze! Seit dem Piloten von Broad City vor ziemlich genau einem Jahr gab es keine Comedyserie mehr, die mich gleich zu Beginn so oft zum Lachen brachte. Das hier ist komödiantisches Gold.

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