Der jüngste Ableger der erfolgreichen Krimireihe namens CSI: Cyber erfüllt die schlimmsten Erwartungen und bietet im besten Fall Belustigung. Wahrscheinlicher ist jedoch Langeweile. Ohne Lokalkolorit und DNA-Labor bleibt vom CSI-Flair halt kaum etwas übrig.

Cast der Serie „CSI: Cyber“ / (c) CBS
Cast der Serie „CSI: Cyber“ / (c) CBS

Detective Avery Ryan (Patricia Arquette, Medium, Boardwalk Empire) hat eine dunkle Vorgeschichte. In grauer Vorzeit, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, war sie Psychologin. Doch ihr Leben brach zusammen, als ein Hacker ihre vertraulichen Patientenunterlagen in die Finger bekam und einer ihrer Patienten daraufhin ermordet wurde. Diese Ereignisse haben die gute Frau auf einen Rachefeldzug geführt, in dessen Verlauf sie mittlerweile zur Leiterin des Cyberteams geworden ist. Sie jagt die unsichtbaren Bösen, diejenigen, die ihre Verbrechen mit einer Tastatur begehen oder zumindest im Verlaufe dessen eine benutzen. Und nach jedem erfolgreich gelösten Fall zieht sie sich zurück, um darüber nachzudenken, wie sie den Hacker ihrer Daten erwischen kann - am Ende der Episode Kidnapping 2.0 wählt sie dafür keinen weniger schwülstigen Ort als die Stufen des Lincoln Memorial an der National Mall in Washington DC.

Worum es geht

Diese an sich schon wenig originelle Vorgeschichte wird uns in der Pilotepisode Kidnapping 2.0 auf passend platte Art präsentiert. Das Spannende an der Sache ist, dass wir nicht erfahren, ob der Urhacker Ryans Patienten selbst umgebracht hat oder ob dieser aufgrund der veröffentlichten Informationen getötet wurde. Doch nach den 40 Minuten der CSI: Cyber-Pilotepisode ist es schwierig, dafür noch Interesse aufzubringen. Denn die Figuren und das Grundgerüst tragen die Story kaum, und die seltsamen Hackeraktionen des Teams, die unsäglichen Dialoge und der eher lahme Kriminalfall tun ihr Übriges.

Doch von Anfang an: Wir lernen Avery Ryan als kühle Leiterin des FBI-Cyberteams kennen. Mit ihrer Truppe jettet sie stets dahin, wo ein Verbrechen mit Hilfe eines elektronischen Geräts verübt wird - sofern es dramatisch und aufsehenerregend genug ist, versteht sich. In der Pilotepisode Kidnapping 2.0 ist das der Fall eines aus dem nächtlichen Elternhaus entführten Babys, der in Verbindung mit seltsamen Stimmen aus der Babyüberwachungskamera zu stehen scheint.

Avery Ryan fühlt über die Maßen mit den Eltern, wickelt im Vorbeigehen ein gefundenes Baby und erkennt aus einer Menge an Verbrechern sofort den Wichtigsten. Am Ende rettet sie ein beinah ertrunkenes Baby mit Mund-zu-Mund-Beatmung, und spätestens an dieser Stelle hat es wohl auch der unaufmerksamste Zuschauer verstanden, der nebenbei von seiner Chipstüte aufblickt: Avery Ryan ist bereit, mehr zu geben als die durchschnittliche FBI-Agentin. Sie geht jeden Weg, um diejenigen zu schützen, die sich online selbst nicht schützen können. Warum? Weil sie weiß, wie es ist, wenn einem sowas passiert.

Am besten aus ihrem Team lernen wir in der ersten CSI: Cyber-Episode den jungen Hacker Brody Nelson (Shad Moss, Entourage) kennen. Er stand noch vor kurzem auf der anderen Seite des Gesetzes, doch Avery Ryan hat ihm eine zweite Chance gegeben. Für ihn selbst scheint das Geschehene ebenso schwer verständlich wie für den Zuschauer, denn der Mann scheint böswilliger Hacker aus nichts weiter als Lust gewesen zu sein - und seine dunkle Vergangenheit hat er mit dem Moment abgelegt, an dem die FBI-Agentin ihm eine zweite Chance gegeben hat. Das ist ja auch ihr Plan: Sie will alle Hacker, einen nach dem anderen, auf die Seite des Lichts ziehen, damit niemandem mehr Patientenakten gestohlen werden. Viel Finesse haben die Serienautoren bei der Ausarbeitung der Vorgeschichte nicht an den Tag gelegt.

Zwei weitere Figuren fallen auf, vor allem wohl wegen der Schauspieler. James Van Der Beek (Dawson's Creek, Don't Trust the B---- in Apartment 23) und Peter MacNicol (Ally McBeal, Numb3rs) haben ihr Talent bereits in besseren Serien bewiesen, und etwas von diesem Einfluss bringen sie auch mit ins Cyber-Hauptquartier. Letzterer ist als Chef der FBI-Hacker, Simon Sifter, zu sehen, der immerhin ein bisschen Komik in die Geschichte bringt. Leider nur nicht dann, wenn die Autoren es gerne hätten. Sein Witz, dass die jungen Hacker sich nach erfolgreich gelöstem Fall wieder in die Keller ihrer Eltern zurückkehren sollen, kommt einfach so gar nicht an. Außer bei Avery Ryan, deren Lachen geradezu verstörend klingt, nachdem sie im Vorfeld 40 Minuten damit verbracht hat, die unterkühlte zu mimen.

Elijah Mundo James Van Der Beek) hat ein Faible für Videospiele und befragt kindliche Zeugen auch schon mal durchs Zimmer ihres Elternhauses und belohnt sie mit Tipps für das nächste Level. Er wirkt ein bisschen unbedarft, fast schon unterhaltsam. Er ist aber auch derjenige, der sich heldenhaft ins Wasser stürzt, um das ertrinkende Kind zu retten.

Außerdem gehören Raven Ramirez (Hayley Kiyoko, The Fosters) und Daniel Krumitz (Charley Koontz, Community) zum Team.

Wie kommt es rüber?

Der jüngste CSI-Ableger lässt zwei Dinge vermissen, die die Krimireihe bisher ausgemacht haben: Es gibt keinen festen Einsatzort, also auch keinen Lokalkolorit, und es fehlt die übliche Ausstattung eines Highend-DNA-Labors. Was übrig bleibt, ist ein festes Einsatzteam unter der Leitung einer ruhigen, aber durchsetzungsstarken Persönlichkeit, die jedoch in diesem Fall weniger kühn als vielmehr unangenehm anteilnahmslos wirkt. Das zeigt sich besonders im Umgang mit den Eltern des entführten Kindes.

Die große Idee hinter der neuen Serie ist die Bekämpfung des Cyberverbrechens. Doch gerade in dieser Hinsicht schneidet die Episode Kidnapping 2.0 äußerst schlecht ab. Die reingeschnittenen Cyberbilder von Hackerattacken wirken veraltet, auf die Onlineschachzüge, mit denen das Team die Verbrecher jagt, kann selbst ein Teenager kommen. Das Auto einer Verdächtigen auf ihren Social-Media-Fotos zu finden, die unter Klarnamen mit dem Profil ihres Freundes und Mittäters verlinkt sind, ist einfach keinen Highfive zwischen professionellen Hackern wert!

Auch die Umsetzung von generell vielversprechenden Ideen geht mächtig daneben. Die unsichtbare Bedrohung durch kriminelle Hacker ist ein guter Ausgangspunkt für eine Krimiserie. Die Hauptprotagonistin als jemanden darzustellen, der einst eine schlechte Erfahrung damit gemacht hat, ist ebenfalls eine vielversprechende Idee. Avery Ryan ist jemand, mit dem man sich identifizieren kann. Sie ist kein Internet-Naturtalent, sondern musste erst lernen, sich zu schützen - wie viele andere auch. Doch sie hat es geschafft, weil sie ein Bewusstsein für die Gefahr bekommen hat. Die Plattheit, mit der uns diese Idee verkauft wird, zwingt allerdings eher zum Abschalten.

Dafür, dass es um Onlineverbrechen gehen soll, geben die Macher sich in der Pilotepisode jedoch große Mühe, möglichst viel Action unterzubringen. Statt Hackern sehen wir unter anderem gleich mehrere Verfolgungsjagden im Wald, eine Schießerei aus heiterem Himmel - und wir erfahren, wie Frauen Drogen in ihren Brustimplantaten schmuggeln können.

Fazit

Die Pilotepisode der Serie CSI: Cyber bedient so gut wie alle Klischees, die man befürchten konnte. Weder der Kriminalfall noch das Team können überzeugen, und wenn dann noch die platten Dialoge und veralteten Grafiken der Onlinewelt dazukommen, wünscht man sich, dass die Verantwortlichen ganz schnell den Stecker ziehen.

Eine Kostprobe der wunderbaren Ermittlungsfähigkeiten des Teams, während sie ein verdächtiges Pärchen auf einer sozialen Plattform stalken: „Sie sind beide aus Niagra, daher kennen sie sich.“ Wenn so ein Satz wie eine wichtige Entdeckung vorgetragen wird, dann sollte Avery Ryan mal ihr Hackerteam austauschen.

Promo zur Serie „CSI: Cyber“:

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