Crossing Lines 1x01

So könnte es aussehen, wenn sich ein amerikanisches Network in einem Anflug von Wahnwitz dazu entscheiden würde, den Tatort für das US-Fernsehen zu adaptieren. Garniert wird Crossing Lines bei NBC mit einer ordentlichen Portion Internationalität. Diese kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der Dramaserie um ein weiteres gewöhnliches, aus dem endlosen Einheitsbrei der gesichts- und charakterlosen Whodunit-Procedural-Case-of-the-Week-Unendlichkeit gewonnenes Serienprodukt handelt.
Tatort goes Europe
Die Produzenten von Crossing Lines machen es sich zu einfach. Sie gehen nach einem Rezept vor, das auch bei Misslingen noch zu mindestens halbwegs annehmbaren Quoten führt. Diese Tatsache atmet die Serie aus allen Poren. In Sachen Dramaturgie, Charakterentwicklung und Drehbucharbeit wurde nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner gesucht. Dazu ein paar alternde Stars aus Film und Fernsehen - schon hat man ein Produkt, das zwar niemanden wirklich interessiert, aber doch gut genug ist, um die große Masse still vorm Fernsehgerät zu halten. Nicht zu vergessen: das angebliche Alleinstellungsmerkmal.

Dieses ist hier: das multinational zusammengesetzte Team, das über internationale Grenzen hinweg operiert. Auch hier merkt der Zuschauer jedoch schnell, dass dieses Element nur als Schablone dient, dass es im Endeffekt egal ist, woher genau die Ermittler kommen und wie ihre Sozialisation verlaufen ist. Außer den Akzenten und den lieblos drapierten Uniformen ist keinerlei authentisches Lokalkolorit wahrzunehmen. Auch hier gilt wieder: zu einfach, zu durchschaubar, zu wenig komplex.
So auch der Antiheld der Geschichte, Carl Hickman (William Fichtner). Dessen Charakter ist so schablonenhaft vorgezeichnet, dass es ein Wunder ist, dass Fichtner sich zu diesem Engagement hat breitschlagen lassen. Selbiges gilt für Donald Sutherland, der als gnädiger Richter am ICC (dem International Criminal Court in Den Haag) mit Tauben philosophieren und sich von jungen römischen Polizeigrazien anschmachten lassen darf. Auch die Charakterzeichnung der weiteren Protagonisten gerät äußerst dürftig: Jeder hat sein Kreuz zu tragen, jeder hat eine dramatische Geschichte, jeder hat sein Spezialgebiet. Sie sind natürlich europaweit die Besten, was ihr Anführer Louis Daniel (Marc Lavoine) nicht müde wird zu betonen.
Überhaupt bleibt in der Sommerdramaserie wenig unausgesprochen. Ob die Networks - allen voran NBC - irgendwann einmal aufwachen und merken, dass ein immer größerer Teil der Zuschauer nicht mehr an eindimensionaler Charakterzeichnung und dem gefühlt hunderttausendsten Case of the Week interessiert ist? Natürlich folgen die Verantwortlichen dem ökonomischen Prinzip, wonach sie mit Crossing Lines sicherlich keine größeren Verluste einfahren dürften. Dass jedoch ein Sommerloch oder eine Quotenkrise auch mal dazu genutzt werden kann, neue Wege zu gehen und ein bisschen mehr Zeit und Geld in die Drehbucharbeit zu investieren, darauf kommt dort wohl niemand.
It's not a show, it's a ritual
Zur Geschichte an sich muss nicht viel geschrieben werden. Weil sämtliche Tatsachen, Hinweise, Ermittlungsergebnisse, Gedankengänge und Hintergrundinformationen ständig laut ausgesprochen werden, bleibt wenig Raum zur Interpretation. Die Erzählung verläuft so geradlinig wie die Grenzziehung in Afrika während und nach der Kolonialzeit. Ein Mörder treibt in mehreren europäischen Hauptstädten sein Unwesen und muss schnellstmöglich gefasst werden. Dafür stellt der französische Mordermittler Daniel ein Team aus internationalen Spezialisten zusammen: ein technikbegeisterter Deutscher (Tom Wlaschiha), eine sinnliche Italienerin (Gabriella Pession), ein schlagkräftiger Ire (Richard Flood), eine zurückhaltende Engländerin (Genevieve O'Reilly) und eine scheinautistische Französin (Moon Dailly).

Angeführt wird die Truppe vom Antihelden Hickman, einem Ex-NYPD-Ermittler mit Alkohol- und Drogenproblemen, der sich in einem Amsterdamer Vergnügungspark als Müllaufsammler verdingt. Es braucht keine große Überredungskunst, ihn wieder in den Dienst zurückzuholen, jedoch kehrt er während der Ermittlungen immer wieder an seine dunkelsten Orte zurück und fühlt sich nicht bereit für die neue Aufgabe. Zu Beginn darf Fichtner im Voice-over den Gesundheitszustand seines Charakters erklären: „I was not in a good way. The only thing keeping me alive was morphine and fear.“
Es sei dem Rezensenten verziehen, wenn er an dieser Stelle auf weitere Kostproben solcher Drehbuchbrillanz verzichtet. Jedenfalls wandelt sich die Pilotepisode ungefähr nach der Hälfte von einem klassischen Whodunit in ein Suspense-Stück. Da wird der Täter enthüllt - ein kleiner amerikanischer Botschaftsangestellter, der seine Mutterkomplexe an seinen weiblichen Opfern auslebt. So viel Küchenpsychologie muss gestattet sein. Dafür ist schließlich der Epilog da, der sich über gefühlte Stunden hinzieht. Hier werden noch einmal alle abgelaufenen Dramen verbalisiert. Scheinbar, weil der Zuschauer zuvor noch nicht oft genug mitbekommen hat, wer kaputt ist, wer sich in wen verliebt und wer sich warum wie verhält.
Fazit
Zurücklehnen, abschalten, nebenher am Laptop rumspielen, den Kopf ausschalten. Crossing Lines startet mit einem ambitionierten Konzept, ist aber leider nichts mehr als Hintergrundmusik, eine Ablenkung für Gelangweilte. Die Serie sticht mit keiner einzigen Komponente aus der großen Masse der üblichen Polizeigeschichten heraus.
Das angebliche Alleinstellungsmerkmal - die Internationalität - ist lediglich ein künstlich der Geschichte aufgesetztes, zu keinem Zeitpunkt wird es zum zentralen Spieler, die Erzählung hätte auch ohne es fortgeführt werden können. Der aufgeklärte Serienenthusiast merkt dies spätestens nach drei Minuten, wenn William Fichtner im bedeutungsschwangeren Voice-over kryptische Andeutungen macht.
Auch bei längerem Nachdenken will einem einfach kein besonders positiver Aspekt einfallen. Immerhin kann die technische Umsetzung belobigt werden. Die Kamera versucht, in dunklen Tönen die inneren Kämpfe der Protagonisten einzufangen, wird jedoch ständig entweder von einem Voice-over oder der Erklärung eines Kollegen daran gehindert. Einige Dialogzeilen weniger hätten auch der optischen Umsetzung einen großen Gefallen getan.
In dieser Dekade, in der das Serienfernsehen eine wahre Renaissance erlebt hat, ist es schlicht und einfach zu wenig, sich auf ausgetretene Pfade zu begeben und vorgefertigte Schablonen zu verwenden. Nichts ist neu, kein Charakter bekommt Zeit. Stattdessen werden alle Klischees ausgereizt, die man sich in kurzer Zeit über Europa und seine Nationen anlesen kann. Der Deutsche hat die beste Technik, die Italienerin ist schön, die Französin klug, der Ire ein Rauhbein. Fernbedienung, bitte!
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 26. Juni 2013Crossing Lines 1x01 Trailer
(Crossing Lines 1x01)
Schauspieler in der Episode Crossing Lines 1x01
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