Mit der achtteiligen Miniserie The Night of präsentiert der Pay-TV-Sender HBO ein klassisches Whodunit, das sich viel Zeit lässt, die eigene Prämisse zu etablieren. Trotz der Detailverliebtheit der Auftaktepisode The Beach gerät diese zu keinem Zeitpunkt langatmig.

Naz (Riz Ahmed) erlebt eine furchtbare Nacht. / (c) HBO
Naz (Riz Ahmed) erlebt eine furchtbare Nacht. / (c) HBO

Nazir Khan (Riz Ahmed) ist nicht groß, nicht breit gebaut und nicht besonders sportlich. Beim Basketballtraining der Collegemannschaft schaut er nur zu. Dafür ist er jedoch ziemlich intelligent, weshalb er den jocks vom Team auch Nachhilfeunterricht gibt. Die zeigen sich dafür erkenntlich, indem sie ihn auf eine coole Party in Downtown Manhattan einladen - einem Ort, an dem er ganz offensichtlich sehr selten verkehrt. Entsprechend skeptisch ist seine Mutter Safar (Poorna Jagannathan). Traurigerweise wird sie am Ende Recht behalten.

Tonight feels different

Weil sein Kumpel, der ihn eigentlich hätte mitnehmen sollen, kurzfristig absagt, begeht Naz - wie er am liebsten genannt wird - den ersten Fehler des Abends. Er will sich diese Party unter keinen Umständen entgehen lassen, glaubt er doch, dass dort viele Mädels sein werden, von denen er vielleicht eine nette kennenlernen kann. Also schnappt er sich das Taxi seines Vaters, während der Rest der Familie entweder beim Fernsehschauen entspannt oder, im Falle seines Bruders Hasan (Syam M. Lafi), noch über den Büchern sitzt. Es ist der 24. Oktober 2014.

Nach Downtown Manhattan findet er einfach, bei der Suche nach der genauen Adresse verfranst er sich jedoch. Er wird mehrfach angepöbelt, weil er es nicht schafft, das „Außer Dienst“-Schild des Taxis anzustellen. Zwei Zivilpolizisten sind ihm dabei behilflich, ein aufmüpfiges Paar, das seinen Wagen nicht mehr verlassen will, zu verscheuchen. Schon zu Beginn präsentieren uns Drehbuchautor Richard Price (The Wire) und Regisseur Steven Zaillian („Moneyball“) viele kleine Details, die vordergründig nichtig erscheinen, bei der Aufarbeitung des bevorstehenden Verbrechens aber eine wichtige Rolle spielen könnten.

Die Person, deren Schicksal Naz noch in derselben Nacht zum Verhängnis werden wird, ist Andrea (Sofia Black-D'Elia). Sie steigt zu ihm ins Taxi und weil ihm ihre Augen so gut gefallen, bittet er sie nicht darum, wieder auszusteigen. Statt weiter nach der Partylocation zu suchen, erfüllt er ihren merkwürdigen Fahrtenwunsch. Sie möchte gerne an den Strand, was in Manhattan äußerst schwierig werden dürfte, weswegen Naz anbietet, sie ans Flussufer zu fahren. Auf dem Weg dorthin halten sie an einer Tankstelle. Er kauft Bier und sie raucht eine Zigarette. Argwöhnisch werden sie vom Fahrer eines Leichenwagens beäugt. Wieder so ein Detail, das später wichtig werden könnte.

Wie eine Chimäre aus einer anderen Welt: Andrea (Sofia Black-D%26#039;Elia) © HBO
Wie eine Chimäre aus einer anderen Welt: Andrea (Sofia Black-D%26#039;Elia) © HBO

Das Flussufer wird lediglich zum Zwischenstopp, allerdings ein nicht unwichtiger. Dort erzählt Naz ein bisschen von seiner Familie und dem Druck, dem er sich stets ausgesetzt sieht, ein guter Sohn zu sein. Andrea hat dafür das richtige Gegenmittel. Sie schiebt ihm eine Ecstasy-Pille zu, die er nach kurzem Zögern schluckt. Dann lädt sie ihn zu sich nach Hause ein beziehungsweise bittet darum, von ihm dorthin begleitet zu werden: „I can't be alone tonight.“ Angesichts seines aufziehenden Rauschs navigiert er erstaunlich gut durch den nächtlichen Verkehr.

Am I really here?

Vor ihrem Haus, einem brownstone, das in einem Viertel für Besserverdienende liegt, wird er von zwei Halbstarken, von denen einer das Herz eines jeden „The Wire“-Fans höherschlagen lassen dürfte, angepöbelt. Nur einer von ihnen wird hernach in die Handlung dieser Auftaktepisode von The Night Of zurückkehren. Könnte der andere also der wahre Täter sein? Solche Fragen werden wir uns im Verlauf dieser achtteiligen HBO-Miniserie wohl öfter stellen. Das Format ist ein klassisches whodunit.

Im Haus nimmt das Drama seinen Lauf. Die Zweierparty eskaliert schnell, zum Ecstasy gesellen sich Tequila, Kokain und dann auch gefährliche Mutproben mit einem Messer, das später als Tatwaffe identifiziert werden wird. Bald darauf endet die Feier für beide im Bett. So hat sich Naz das erste Mal mit der zweiten Sexpartnerin wohl nicht vorgestellt. Unglücklich ist er darüber aber nicht - ein Gefühl, das schlagartig verschwunden ist, als er wieder zu Bewusstsein kommt. Im Bett liegt nicht etwa die friedlich ihren Rausch ausschlafende Andrea, sondern nur noch ihre blutverschmierte und grausam zugerichtete Leiche.

Ab diesem Moment schaltet Naz in den Panikmodus. Er haut ab, vergisst aber seine Schlüssel. Also bricht er ins Haus ein, wobei er von einem Nachbarn beobachtet wird. Dieses Mal entschließt er sich dazu, das Messer mitzunehmen. Es ist eine völlig irrationale, aber inmitten der Aufregung trotzdem irgendwie nachvollziehbare Handlung. Danach wird es kurios: Naz wird von einer Polizeistreife angehalten, weil er dort rechts abgebogen ist, wo man das nicht darf. Eine Serie merkwürdiger Verwicklungen später sitzt er wieder vor dem Haus, in dem Andreas Leiche liegt - dieses Mal allerdings auf der Rückbank eines Streifenwagens.

Erst am Ende der Pilotepisode lernen wir Anwalt Jack Stone (John Turturro; l.) kennen. © HBO
Erst am Ende der Pilotepisode lernen wir Anwalt Jack Stone (John Turturro; l.) kennen. © HBO

Er ist jetzt Zuschauer seines eigenen, schleichenden Niedergangs. Angsterfüllt beobachtet er, wie nach und nach sämtliche Spezialeinheiten anrücken. Die Crime Scene Unit erreicht den Tatort mit dröhnendem Hip Hop im Wagen, während Mordermittler Box (Bill Camp) klassische Musik bevorzugt. Keiner der Polizisten hat bisher die Verbindung zwischen Naz und dem Mordfall hergestellt, obwohl das anhand der Aussagen des Nachbars möglich gewesen wäre. Doch auch der erkennt ihn nicht wieder.

How do you feel about America?

Das ominöse Spiel zieht sich lange hin, wobei Naz einen weiteren schwerwiegenden Fehler begeht. In einem anderen Streifenwagen, der ihn zur Wache bringen soll, verrät er sich selbst, als er fragt, ob Andrea tot ist. Obwohl bisher gar nicht viel passiert ist, ist die Spannung zu diesem Zeitpunkt kaum noch auszuhalten. Gleichzeitig gibt es kaum ein Szenario, in dem Naz nicht erwischt werden würde. Und trotzdem habe ich nägelkauend mitgefiebert, ob es ihm wohl gelingen würde, unbemerkt aus der Wache zu verschwinden. Natürlich passiert das nicht - als das Messer in seiner Jackentasche gefunden wird, gibt es kein Entrinnen mehr.

Erst ganz am Ende der Auftaktepisode The Beach taucht die eigentliche Hauptfigur von The Night Of auf. Strafverteidiger Jack Stone (John Turturro in einer Rolle, die ursprünglich mit James Gandolfini besetzt war) hat ein Auge für schwierige - oder, wie er vielleicht im Falle von Naz glaubt: einfache - Fälle, weshalb ihm dieser hagere, großäugige, so unschuldig aussehende Junge auch gleich auffällt. Er ist ein bisschen schrullig, trägt wegen diverser Exzeme Sandalen unterm Trenchcoat und hat eine sehr direkte Art. Seine Auffassungsgabe jedoch ist bemerkenswert. Er kann nicht nur das Herkunftsland der Eltern von Naz bestimmen, sondern auch die genaue Region.

In seinen Händen liegt nun das Schicksal des - vermutlich - zu Unrecht Inhaftierten. Autor Richard Price, der für diese Miniserie das britische Format Criminal Justice von Peter Moffat (Silk) adaptierte, liefert uns einen sehr bedächtig und detailreich erzählten Thriller, der sich beinahe ausschließlich auf die hervorragenden Darstellungen seines begabten Ensembles verlässt. Die Kriminalgeschichte im Zentrum ist eine sehr gewöhnliche, erreicht bei mir aber genau das, was gute Kriminalgeschichten sollen - ich will unbedingt wissen, wer wirklich Andreas Mörder ist.

Hilfreich ist dabei auch die visuelle Umsetzung von Steven Zaillian, der seine Kamera ebenso bedacht arbeiten lässt wie das Drehbuch. The Night Of erfindet das Genre nicht neu, ist darin aber ein sehr stimmungsvoller, äußerst enervierender, unheimlich fesselnder Eintrag.

Trailer zu Episode 1x02: 'Subtle Beast'

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