
Hand aufs Herz, als bei den letzten Upfronts der Sender The CW seinen ersten Trailer zur neuen Comedy (oder gar „Dramedy“, wie sie von einigen bezeichnet wird) Crazy Ex-Girlfriend veröffentlichte, machte sich bei mir Skepsis breit. Eine Musicalserie sollte es sein, in der die Schauspielerin und Comedian Rachel Bloom (Robot Chicken, BoJack Horseman) die Hauptrolle der „Crazy Ex-Girlfriend“ Rebecca Bunch übernehmen sollte. Der erste Eindruck war bunt, überzeichnet und vielleicht sogar ein Stück weit zu sehr aufgesetzt.
Nach der Pilotepisode des Neustarts lässt sich aber erst einmal festhalten, dass der eher schrille und sehr lebhafte Stil der Serie das geringste Problem ist und gar für einige sehr gute Lacher sorgen kann. Ganz zu schweigen von den musikalischen Einlagen (zwei Lieder, um genau zu sein), die Spaß machen und clever geschrieben sind. Auch die Nebenfiguren fügen sich herrlich in die lockerleicht erzählte Geschichte ein, die in Rachel Bloom eine vielseitige Hauptdarstellerin hat, welche über reichlich Potential verfügt.
Really different, really dramatic, really weird
Doch bei all diesen recht positiven Erscheinungen gibt es vor allem einen großen Störfaktor: Die beiden Serienmacherinnen Rachel Bloom und Aline Brosh McKenna versteifen sich in der Auftaktepisode leider viel zu sehr darauf, dass ihre Hauptfigur ein liebeskranker Wirbelwind ist, die alles daran setzt, wieder mit ihrem Exfreund von vor über zehn Jahren zusammenzukommen. Die dahingehenden Bemühungen der jungen Anwältin Rebecca nehmen den Großteil der Handlung ein und werden bisweilen derartig nervig auf die Spitze getrieben, dass man sich so fühlt, als wäre man in einer furchtbar klischeehaften „RomCom“ gelandet. Paradoxerweise rechnen Bloom und McKenna mehrfach mit diesem Genre ab, verfallen dann aber selbst der Formelhaftigkeit desselben, was letztlich darin endet, dass man sich etwas angestrengt fragt, warum man sich überhaupt für diesen Aufhänger entschieden hat.

Breakdown
„Crazy Ex-Girlfriend“ kann man durchaus als frisch und anders bezeichnen, zumindest mit Blick auf die Machart. Betrachtet man jedoch nur die Prämisse der Serie an sich, fühlt man sich an altbackene Beziehungscomedys erinnert: Die Karrierefrau Rebecca Bunch ist eine erfolgreiche Anwältin in New York, die kurz davor steht, befördert zu werden. Beruflich kann sie sich eigentlich nicht beschweren, doch ihr Leben ist im Großen und Ganzen alles andere als glücklich. Die Arbeit bedeutet ungemein viel Stress, permanent wird sie von ihrer nervtötenden Mutter belagert und in der Liebe läuft es auch nicht rund.
Als sie dann plötzlich auf ihre alte Sommercampflamme Josh trifft, den sie nie wirklich vergessen hat, packt Rebecca die Spontaneität, welche sie nach West Covina, Kalifornien - Joshs Heimatort - führt. Dort will sie ihr Glück mit Josh (Vincent Rodriguez III) finden, während sie sich immer wieder einredet, dass er bestimmt nicht der Grund ist, warum sie ihr Leben komplett entwurzelt hat. Sie braucht einfach etwas Abstand, um glücklich zu werden. Natürlich...
Ich persönlich hätte mir am Ende der Pilotfolge von „Crazy Ex-Girlfriend“ gewünscht, dass sich unsere Hauptfigur von ihrer Besessenheit für ihren Schwarm lösen kann und einfach einen neuen Lebensabschnitt beginnt, weil sie es angesichts ihrer seelischen Verfassung für angebracht hält. Ihre ungesunde Fixierung auf Josh macht Rebecca zu einem für mich weniger interessanten Charakter. Ihre Motivation als weibliche Figur (im Grunde genommen geht es ihr nur darum, sich den Mann ihrer Träume zu angeln) finde ich für heutige Verhältnisse und mit Blick auf andere Frauenfiguren in der aktuellen Fernsehlandschaft ebenfalls fragwürdig. In den letzten Zügen der Auftaktepisode scheint es fast so, als würde man noch die Kurve kriegen. Man bekommt den Eindruck, Josh wäre für Rebecca passé, die Macher bleiben dann aber schlussendlich doch dabei, Rebecca hinter Josh herjagen zu lassen.
Coincidence
„Warum?“, frage ich mich. Denn die Voraussetzungen für eine charmante Comedy, die auf derartig öde Genretropen verzichten kann, sind in „Crazy Ex-Girlfriend“ durchaus gegeben. Rachel Bloom und Aline Brosh McKenna stellen hier ein flottes Skript auf die Beine, das gut unterhält und eigentlich geradezu prädestiniert dafür ist, Genregewohnheiten zu durchbrechen und neue Wege zu beschreiten. Man fühlt sich mitunter an das recht progressive Garfunkel and Oates, die Serie um das Comedy-Folk-Pop-Duo, bestehend aus Riki Lindhome und Kate Micucci, erinnert, die nach nur einer Staffel wieder abgesetzt wurde. „Crazy Ex-Girlfriend“ schlägt tonal in eine ähnliche Kerbe und das nicht nur aufgrund der spaßigen Musikstücke, die in die Handlung mit eingewoben sind.
Rachel Bloom fühlt sich als verzweifelt verliebte Protagonistin hier oft gar ein wenig verschenkt an, denn immer, wenn es sich eben nicht um ihre große Liebe dreht, hat man großen Spaß an ihr und ihrer aufgeweckten Art. Sie ist ein wahres Energiebündel, deren Art für manchen Zuschauer eventuell sogar etwas zu viel des Guten sein könnte. Das Multitalent trifft aber zumeist die richtigen Töne und bewährt sich als treibende Kraft - im wahrsten Sinne. Überhaupt gefällt die Pilotepisode von der neuen The CW-Serie immer dann am besten, wenn das Thema Josh ignoriert wird, so zum Beispiel, als man einige der Nebencharaktere kennenlernt. Pete Gardner (Eagleheart, The Brink), der Rebeccas neuen Boss Darryl spielt, ist zum Beispiel eine wunderbare Entdeckung der Folge und sorgt in seinen Szenen für einige urkomische Situationen.
Broken people
Auch Donna Lynne Champlin (Submissions Only) in der Rolle der Paula, eine neue Arbeitskollegin Rebeccas, hinterlässt anfangs einen guten Eindruck, wird dann aber letztendlich (so scheint es zumindest) in eine Sidekick-Rolle für Rachel Blooms Hauptfigur gesteckt. Barkeeper Greg (ebenfalls sympathisch verkörpert von Santino Fontana) kann einem derweil nur leid tun, da Rebecca ihn überhaupt nicht beachtet. Sein Charakter ist zwar auch nicht besonders originell und eine bekannte Figur aus dem „RomCom“-Genre, Fontana (Submissions Only, Mozart in the Jungle) bringt aber ausreichend Charme und das richtige Gespür für seine amüsanten Dialogzeilen mit, so dass auch er positiv in Erinnerung bleibt.

Not crazy
Es ist durchaus denkbar, dass die Macher in den nächsten Episoden einen kleinen Twist vollführen und ihre Protagonistin erkennen lassen, dass ihr Objekt der Begierde nicht die Lösung all ihrer Probleme ist. Doch in der Pilotfolge gibt es keinerlei Andeutung in diese Richtung. Sie sparen die Möglichkeit dieser Erkenntnis für die Hauptfigur und die daran geknüpfte Charakterentwicklung leider komplett aus, was ärgerlich ist. In „Crazy Ex-Girlfriend“ schlummert ein pfiffiges Format mit zwei klugen Drehbuchautorinnen im Hintergrund, die mehrere Male ihr Können aufblitzen lassen, so zum Beispiel in den beiden Songs, die extrem kurzweilig sind und gleichzeitig mit einem Augenzwinkern genau das kritisieren, was sich die Serie selbst leistet: stupides Rollendenken und wenig nachvollziehbares, hormongesteuertes Verhalten.
Vor allem der „Sexy Getting Ready Song“ ist großartig, wird hier doch gnadenlos Gesellschaftskritik betrieben, die letztlich damit abgerundet wird, dass ein einsichtiger Gangsterrapper sein chauvinistisches Verhalten gegenüber Frauen überdenkt. In diesen Momenten ist „Crazy Ex-Girlfriend“ zweifellos am witzigsten - und auch am stärksten. Umso verwunderlicher ist es, dass man eben nicht konsequent auf diesem Pfad bleibt und doch recht oft dem Mainstream verfällt. Bloom und McKenna könnten sich für meinen Geschmack viel mehr zutrauen, tasten sich jedoch eher vorsichtig voran. So hoffe ich zumindest. Denn wenn man in den nächsten Episoden weg von den teilweise sehr nervigen Beziehungscomedyelementen kommt, seiner Hauptfigur diese Fesseln abnehmen kann, diese zur Hauptattraktion macht und eben nicht nur ihr mögliches Liebesglück thematisiert, dann kann sich „Crazy Ex-Girlfriend“ zu einer sehr kurzweiligen, energiegeladenen und wahrlich frischen Serie entwickeln.
Serientrailer zur Comedy „Crazy Ex-Girlfriend“: