Cracow Monsters 1x01

© oster zur Serie Cracow Monsters (c) Netflix
Zum Inhalt
Das Leben der talentierten Medizinstudentin Aleksandra verläuft nicht gerade rosig. Als Kind überlebte sie einen Autounfall, bei dem ihre Mutter starb, und nun versucht sie, ihr Trauma und ihre Albträume in Alkohol, Sex und Drogen zu ertränken. Als sie eines Tages miterlebt, wie ein seltsames geflügeltes Wesen einen kleinen Jungen tötet, glaubt sie zu halluzinieren. Dennoch stellt sie sich dem Monster mutig entgegen und muss erfahren, dass zwischen Himmel und Erde schreckliche Dinge existieren, die sich nicht erklären lassen. Als dann auch noch der mysteriöse Forensiker Professor Jan Zawadzski auftaucht und einige bestialisch abgeschlachtete Leichen verschwinden lässt, glaubt Alex fast den Verstand zu verlieren.
Doch damit nicht genug. Denn es stellt sich heraus, dass hinter Zawadzski mehr steckt, als es den Anschein hat. Er versammelt junge Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten um sich, um Dämonen zu jagen. Und er hat sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet Alex in seinen Geheimbund aufzunehmen, denn offenbar wird sie seit dem Zwischenfall von einem mächtigen bösen Gott verfolgt. Und der bedient sich des Körpers des ermordeten Jungen. Wenn sie überleben möchte, muss Aleksandra schnell herausfinden, welche Gabe sie besitzt, denn die Möglichkeit, diese einzusetzen, könnte ihr sehr bald das Leben retten.
Die Serienmythologie
Cracow Monsters (im Original „Krakowskie“ potwory) wird auf Netflix als polnische Horrorserie beworben, was aber nicht ganz zutrifft. Sicherlich verfügt die Show über eine gewisse Schnittmenge, im Kern handelt es sich jedoch mehr um urbane Dark Fantasy mit Horror-Elementen. Die Bestien, Dämonen und Götter, die das Autorentrio Gaja Grzegorzewska, Magdalena Lanksz und Anna Sienska auf die Protagonisten loslässt, sind im Großen und Ganzen der slawischen Mythologie entliehen. Das verleiht der Show durchaus einen erfrischenden Ansatz.
Schön ist beispielsweise, dass das Narrativ auf der Kosmogonie rund um den weißen und schwarzen Gott (Bieleboh und Czorneboh) aufbaut. Eine Matonka-Puppe hängt zum Schutz vor dem Entzug der Lebensenergie am Autospiegel des Professors und ein slowenischer Marcholt könnte der Auslöser allen Übels sein. Zudem treiben Lederflügel-bewehrte angsteinflößende Geschöpfe, fiese Wassernixen und Untote ihr Unwesen. Die Tatsache, dass der Plot im modernen Krakau angesiedelt ist, verleiht dem Ganzen eine zusätzliche Würze.
Die Hauptfigur
Gepaart mit dem düsteren, schmutzigen Ambiente, das gut zum urbanen Charakter passt, wären also gute Voraussetzungen für eine ungewöhnliche Genreserie gegeben. Leider versäumen es die Autorinnen aber, ihren Figuren einen spannenden Hintergrund zu verleihen. Die Hauptfigur Alex (Barbara Liberek) ist viel zu dysfunktional gezeichnet, fast vollkommen beratungsresistent und großmäulig. Sie ist ohne Zweifel etwas Besonderes, immerhin wird sie von einer seltsamen Lichtgestalt beschützt. Ihre große Gabe, die sie dazu prädestiniert, dem neunköpfigen Dämonenjägerteam beizutreten, bleibt indes zu lange verborgen. Die dahintersteckende Idee, den Spannungsbogen hochzuhalten, greift nicht, weil man weder mit Alex fühlt, noch wirkliche Sympathie für sie aufzubringen vermag.

Schwache Nebenfiguren
Ein weiteres Problem ergibt sich bei dem restlichen Teil der Truppe. Lucky (Stanislaw Linowski), der überhaupt erst auf Aleksandra aufmerksam wird, scheint ein Geheimnis zu verbergen, wirkt aber ohne Hintergrundgeschichte blass. Dasselbe trifft auf die anderen Studenten zu, die mit ihren generischen Fähigkeiten (die Zukunft voraussagen, Gedanken lesen etc) im Grunde genommen kaum etwas zu dem Kampf zwischen Gut und Böse beitragen. Die interessanteste Begabung bringt noch der von Stanislaw Cywka gespielte Birdy mit.
Er erblickt durch Berührung den „Ursprung der Dinge“, wie es in der Serie heißt. Leider hat man sich jedoch auch für ihn keinen größeren Background ausgedacht, so dass der geneigte Zuschauer keinerlei Bindung zu ihm aufbauen kann. Eine weitere vielversprechende Protagonistin, aus der aber ebenfalls nichts gemacht wird, ist Iliana. Schauspielerin Anna Paliga verleiht dem Charakter eine geheimnisvolle Attitüde, die zu ihrer Fähigkeit, die Zukunft vorauszusagen, gut passt. Zudem vollzieht sie Reinigungsriten und treibt sogar Dämonen aus. Es ist völlig unverständlich, warum es über eine Person mit so vielen ungewöhnlichen Talenten einfach nichts zu berichten gibt.
Der Antagonist
Das Versäumnis lässt sich auch durch die Idee, den Bösewicht der Staffel in den Körper eines kleinen Jungen zu stecken, nicht ausgleichen, zumal es sich in Horrorfilmen und -serien um einen altbekannten Kniff handelt. Schon 1976 ließ schließlich der damals noch recht junge Harvey Spencer Stephens dem geschockten Publikum von „The Omen“ das Blut in den Adern gefrieren. Und Joss Whedon führte in den ersten beiden Staffeln von Buffy the Vampire Slayer den Gesalbten ein. Der 14-jährige Eryk Pratsko, der in Cracow Monsters die Rolle des Meisters übernimmt, macht seine Sache jedenfalls ohne Frage sehr gut und sorgt mit seinem kindlichen Gesicht und dem eiskalten Blick für den ein oder anderen Gänsehautmoment. Hinzu kommt, dass er Tote als Zombies wiederauferstehen lassen kann, aus einer Pfütze bösartige Wassernixen beschwört und mordlüsterne Dämonen aus der Erde hervorzaubert. Damit ist er ein brandgefährlicher Gegner mit einem Engelsgesicht, so etwas hat immer Potential.
Wirre Handlung
Andererseits bleibt das Drehbuch zu oft hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Autorinnen führen zu viele Protagonisten ein, die niemand wirklich braucht und die oft genug ohne Sinn und Verstand eingesetzt werden. Was genau die Geschichte über wen und wie erzählen will, verbirgt sich so hinter einem Wust von Sidekicks, Nebensträngen und narrativen Längen. Warum weiß ich beispielsweise nach Episode drei immer noch nicht, was Alex und ihr Lover in spe, Lucky draufhaben? Was genau plant der Meister, weshalb sucht er die Erde heim und wieso ausgerechnet jetzt? Es ist ja verständlich und grundsätzlich richtig, dass das Autorenteam Informationen zurückhält, die es im Laufe der Season zu ergründen gilt. Wenn die eingeschlagenen Wege aber das Gefühl vermitteln, in einer Sackgasse zu münden, ist im Schreibprozess etwas schiefgelaufen.
Fazit
Schade. Potential hat „Cracow Monsters“ ja. Die slawische Mythologie ist reich an Göttern, Dämonen und Fabelwesen, die zwar Ähnlichkeiten zu ihren indogermanischen Verwandten aufweisen, allerdings doch eigenständig genug für das Gefühl des Neuen sind. Die düstere Machart der Serie strahlt Atmosphäre aus und die Special Effects spielen vielleicht nicht in der oberen Liga, sehen aber passabel aus. Die schauspielerischen Leistungen gehen ebenfalls in Ordnung, soweit man das beurteilen kann. Und genau im zweiten Teil dieses Satzes liegt die Crux verborgen. Denn fast ausnehmlich alle Figuren sind blass, nichtssagend und mit generischen Fähigkeiten versehen.
Die Hauptfigur Alex zeigt sich hoffnungslos überzeichnet und driftet schon früh ins Nervige ab. Die Handlung hinterlässt überdies nach den ersten drei Episoden einen unausgegorenen Eindruck, so dass von den oben genannten positiven Aspekten kaum noch etwas übrigbleibt. Andrzej Sapkowski hat schon vor Jahren bewiesen, was sich mit erzählerischer Fantasie aus der uralten slawischen Sagenwelt herausholen lässt. Sie ins moderne Polen zu übertragen, ist ganz sicher nicht das größte Problem, eine spannende Geschichte mit ansprechenden Protagonisten drumherum zu stricken, hingegen anscheinend schon.
Hier noch der Trailer zur neuen Produktion „Cracow Monsters“ beim Streamingdienst Netflix:
Verfasser: Reinhard Prahl am Dienstag, 22. März 2022(Cracow Monsters 1x01)
Schauspieler in der Episode Cracow Monsters 1x01
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