
Der Streaminganbieter Netflix gehört mit seiner fortschrittlichen Serienpolitik sicherlich zu einer der treibenden Kräfte auf dem derzeitigen internationalen Fernsehmarkt. In kürzesten Abständen präsentiert man uns neue Formate, die zumeist sofort über die verschiedenen Landesgrenzen hinaus abrufbar sind. Der VoD-Riese feilt ständig an seinem Profil und traut sich auch an Produktionen, die auf deren amerikanischen Hauptmarkt auf den ersten Blick nicht die aussichtsreichsten Erfolgschancen haben. Dafür hat man oft ein anderes Publikum im Blick, dass in naher Zukunft lukrative Zahlen für das Unternehmen abwerfen könnte.
Beispiel Marco Polo. Das in Asien produzierte Historiendrama war indirekt eine Art Türöffner für den dortigen Markt, schon bald folgt das Sequel zu Ang Lees Wuxia-Streifen „Crouching Tiger, Hidden Dragon“. Auch der Markt in Süd- beziehungsweise Lateinamerika verfügt über großes Potential, was man nun eventuell durch das neue Prestigedrama Narcos „69478“ abschöpfen will. Oder eben auch durch die in Mexiko produzierte Dramedy Club de Cuervos, die am heutigen Tag ihre große Premiere bei Netflix feiert. Dort kann man die 13-teilige erste Staffel wie gewohnt auf einen Schlag sehen.
Capitán
Bei „Club de Cuervos“ handelt es sich im Großen und Ganzen um eine klassische Telenovela, eine Formatart, die sich im lateinamerikanischen Raum großer Beliebtheit erfreut. Mit der amerikanischen Serienadaption Jane the Virgin (das Original stammt aus Venezuela) wurde in jüngster Zeit eine Produktion dieser Art in die USA gebracht, wo es von der Zuschauerschaft sowie zahlreichen Kritikern sehr wohlwollend aufgenommen wurde. Grund dafür war aber auch, dass man in „Jane the Virgin“ mit einem etwas frischeren Ansatz arbeitete und das Telenovelakonzept etwas anpasste, wodurch man sich nicht wirklich wie in einer generischen Seifenoper fühlte. Ein Problem, dem sich „Club de Cuervos“ bereits in seiner Pilotepisode nicht entziehen kann.
Ohne der größte Experte für dieses Genre zu sein, folgt die neue Netflix-Serie doch recht eindeutig dessen Spuren, ohne dabei etwas wirklich Interessantes oder Erfrischendes anbieten zu können. Man nehme eine Prise Familiensaga, einen alles verändernden Todesfall, ein traditionsreiches Unternehmen (in diesem Fall einen mexikanischen Fußballclub) und die zu erwartenden Streitigkeiten um das Erbe - schon haben wir die Ausgangslage für die moderne Seifenoper geschaffen, in der der Machtkampf zwischen zwei grundverschiedenen Geschwistern das Rückgrat der Geschichte bildet.

Patrón
In „Club de Cuervos“ dreht sich alles um besagten „Klub der Krähen“ (eigentlich Raben, doch die deutschsprachige Untertitelung bleibt durchweg bei Krähen), ein Fußballverein aus der mexikanischen Stadt Nuevo Toledo, wo es außer diesem nicht viel anderes gibt. Vereinspräsident Salvador Iglesias (Luis Rabago) hat diesen Klub aus dem Nichts in die erste Liga geführt und ist über die Jahre zum Stadtheiligen aufgestiegen, der maßgeblich an dem Bau einer neuen Infrastruktur in Nuevo Toledo beteiligt war. Nachdem Iglesias jedoch einen Herzinfarkt erleidet und der gesamte Ort in tiefe Trauer verfällt, liegt es nun an seinen Kindern, den Laden zu schmeißen.
Diese könnten wiederum verschiedener nicht sein: Auf der einen Seite Lebemann Chava (Luis Gerardo Méndez), der nie wirklich was aus seinem Dasein gemacht hat und das Fußballgeschäft alles andere als ernst nimmt. Auf der anderen Seite seine Schwester Isabel (Mariana Treviño), eine Karrierefrau, die unter ihrem Vater bereits ordentliche Arbeit geleistet hatte, jetzt jedoch endlich aufsteigen und sich in der Männerdomäne Fußball in oberster Position beweisen will.
Hinzu kommen dann noch eine Exfrau, die aktuelle Frau sowie die letzte Geliebte Salvadors, die zu allem Überfluss auch noch dessen ungeborenes Kind in sich trägt, wobei selbst das zu Beginn der Serie noch nicht ganz sicher ist. Es geht ohne Frage um eine Menge Geld. Deshalb wollen nicht gerade wenige Beteiligte ein Stückchen von diesem Kuchen abhaben, während Isabel und Chava gerne in die großen Fußstapfen ihres Vaters treten wollen, jedoch gleichermaßen von Zweifeln geplagt werden, ob sie dieser Aufgabe gewachsen sind sowie der Antwort auf die Frage, wie sie sich gegenseitig ausstechen können.
Familia
Das Thema Fußball kommt in Lateinamerika schon fast einer eigenen Religion gleich, was in der Pilotepisode von Club de Cuervos mehrfach verdeutlicht wird. Ohne den Sport wäre Nuevo Toledo ein unbedeutendes Fleckchen irgendwo in Mexiko. Hier ist der Verein die Stadt und die Stadt der Verein, wie am Ende der Folge noch einmal herrlich schmalzig von Hauptfigur Chava in einer Ansprache im ausverkauften Stadion (und vor einem kaum mit anzusehenden Green Screen) den jubelnden Fanmassen zugerufen wird. Doch gerade über besagten Fußballpathos, der in südamerikanischen Ländern extrem ausgeprägt ist, lassen sich mit Sicherheit einige Zuschauer vor die Endgeräte locken, die sich bei der Vereinsgeschichte des „Krähenklubs“ womöglich an die der eigenen Lieblingsmannschaft erinnert fühlen und automatisch nostalgisch zurückblicken.
In Kombination mit den bereits erwähnten Telenovelaelementen, die eher einfaches Familiendrama, gespickt mit ein paar pikanten Skandalgeschichten und geschwisterlichen Grabenkämpfen versprechen, scheint es zumindest auf dem Papier so, als ob „Club de Cuervos“ im spanischsprachigen lateinamerikanischen Raum sein Publikum finden könnte, wodurch wiederum der Plan von Netflix aufginge, auch diesen Markt zu bespaßen.
Presidente
Geht man jedoch ganz nüchtern an die Qualität der Serie heran, dürfte sich die Begeisterung in Grenzen halten. Richtig innovativ fühlt sich die Serie nicht an, schnell werden eher vorhersehbare Konflikte etabliert, deren Entwicklung man aus weiter Distanz kommen sieht. Es wird versucht, den Figuren ein paar Ecken und Kanten zu geben, was zwischen Isabel und Chava in einer kleinen Szene zum Ende der Folge tatsächlich im Ansatz gelingt. Letztlich läuft es aber doch nur auf eine Handvoll Stereotypen hinaus, mit denen man sich als Zuschauer nicht identifizieren kann.
Über Fußball wird hier zunächst mehr gesprochen, als dass er wirklich gespielt wird, was sich aber noch ändern kann. Hauptsache, man orientiert sich dann nicht an einer äußerst quatschigen Umsetzung wie in der Fußballserie Matador - wovon ich jetzt einfach mal nicht ausgehe (beziehungsweise nicht ausgehen möchte). So macht „Club de Cuervos“ doch bei all dem aufgesetzten Drama einen etwas realistischeren Eindruck. Mit der Pilotepisode schafft man eine simple Ausgangslage, von der aus sich nun ein Hauen und Stechen der beiden Hauptfiguren um den Präsidentschaftsposten des Vereins entspinnt. Ob das in der Art und Weise, wie die Geschichte hier erzählt wird, wirklich spannend oder gar fesselnd sein kann, darf wohl bezweifelt werden.

Fazit
Club de Cuervos stellt den nächsten Schritt des VoD-Anbieters Netflix auf einem neuen Markt dar, auf dem andere Sehgewohnheiten herrschen als zum Beispiel in den USA oder hier in Deutschland. Mit diesem Fußball-Telenovala-Format könnte man im lateinamerikanischen Raum schneller ein Publikum finden, als man es vermuten würde, während sich die Serie andernorts eher schwer tun wird - nicht zuletzt wegen der Sprachbarriere. Dies liegt zum einen auch an der angestaubten Erzählweise der Geschichte sowie an der teilweise karikaturesken Figurenzeichnung verschiedener Charaktere, von denen in der Auftaktepisode keiner einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen kann.
Vieles, was man in „Club de Cuervos“ zu sehen bekommt, hat man in so ähnlicher Form bereits etliche Male im Fernsehen gesehen, weshalb man irgendwann eher gelangweilt dem sehr unkomplizierten Treiben folgt. Im Gegensatz zu Jane the Virgin, wo man mit der Telenovela- und Seifenoperformel gebrochen hatte, macht „Club de Cuervos“ bereits in seiner Pilotepisode den Anschein, den etwas verkalkten Richtlinien dieses Genres treu zu bleiben. Dies mag sich im Verlauf der Staffel vielleicht noch ändern, doch der erste Eindruck verleitet nicht wirklich dazu, hier unbedingt weiterschauen zu wollen. Die Liebe zum Sport hin oder her.
Trailer zur Netflix-Serie „Club de Cuervos“: