Cloak & Dagger: Kritik der Pilotepisode First Light

© ??Cloak and Dagger“ (c) Walt Disney/Freeform
Der US-Kabelsender Freeform, der vor einigen Jahren noch eindeutiger seine Zugehörigkeit zum Disney-Konzern und somit auch Marvel Entertainment zur Schau stellte, als er „ABC Familiy“ hieß, hat seine erste Marvel-Serie gestartet. Cloak & Dagger basiert auf den gleichnamigen Marvelfiguren, deren Namen stellvertretend für ihre Kräfte sind. Das Genre ist eine Teenagergeschichte, die so auch bei The CW laufen könnte, wenn die nicht Teil von Warner Bros. wären. Doch die Machart der Serie erinnert an Produktionen, die man so in den 90ern und Anfang der 2000er auch dort hätte finden können. Das gilt für Figuren, musikalische Unterlegung und generelle Atmosphäre.
Als Fan dieser Serien-Ära ist das für mich ein Kompliment. Denn der Auftakt zur neuen Serie gefällt mir größtenteils sehr gut. Anders als beim Serien-Cousin Marvel's Runaways von Hulu, wo es auch um Teenager geht, wird das Tempo und die Erzähldichte zugunsten der Atmosphäre und einem langsameren Aufbau aber etwas gedrosselt. Showrunner der Serie ist Joe Pokaski, der vorher an Daredevil oder Heroes gearbeitet hat und somit Superheldenerfahrung vorweisen kann.
Licht & Schatten
Die aktuelle Inkarnation der Mediensparte von Marvel Studios bei TV und Serien liebt es mit den Erwartungen der Zuschauer zu spielen. So ist Tandy Bowen (Olivia Holt) als Teenagerin eine Kleinkriminelle, die andere reiche Jugendliche unter Drogen setzt und dann bestiehlt, während Tyrone Johnson (Aubrey Joseph) ein erfolgreicher Highschool-Basketballer ist. Somit werden diese erwartbaren Klischees auf den Kopf gestellt.
In Wahrheit ist alles noch ein wenig komplizierter, denn die beiden verbindet ein Vorfall in ihrer Kindheit. Nach einer Ballettstunde wird Tandy von ihrem Vater abgeholt, der sie im Regen nach Hause fährt, dabei gerät er in einen Verkehrsunfall und das Auto landet im Wasser. Gleichzeitig wird der Jungspund Tyrone auf ein krummes Ding seines älteren Bruders und einiger Freunde aufmerksam. Es geht dabei um eine Art Mutprobe und das Klauen eines Autoradios. Weil sich der Bruder nicht traut, erledigt Tyrone das im Geheimen. Prompt kommt die Polizei dazu und die Situation eskaliert für die beiden schwarzen Jungs, wobei der Bruder angeschossen wird und Tyrone ins Wasser flüchtet. Eine Art Energieimpuls trifft die beiden Jugendlichen aus verschiedenen Schichten und verändert ihr Leben für immer. Tyrone rettet Tandy aus dem Wrack, für den Vater und den Bruder ist jedoch jede Hilfe zu spät.
Im weiteren Verlauf der Episode erhalten die Zuschauer durch weitere Flashbacks tiefergehende Informationen zu ihrem Werdegang seitdem und sehen auch in der Gegenwart, was aus ihnen geworden ist.
Marvels Romeo und Julia?

Bei einer Party im Wald treffen die Jugendlichen viele Jahre später wieder aufeinander, erkennen sich aber zunächst nicht. Vielmehr versucht Tandy ihre Masche, mit der sie sich über Wasser hält bei ihm und klaut Tyrone die Brieftasche, mit der er seiner potentiellen Freundin ein Bier ausgeben wollte. Bei der Berührung manifestieren sich dann die Kräfte der beiden anhand von glühenden Händen. Anders als in der Comicvorlage, wo sie Energiedegen erzeugen kann und er mit einem Mantel teleportiert, wurde in der Serienfassung eine weitere Kraftkomponente hinzugefügt, die mir so bisher nicht bekannt war: Berühren sie andere Leute, offenbaren sich Ereignisse aus der Vergangenheit. Eine Kraft, die wie gemacht ist für eine TV-Serie, um an Geheimnisse und ähnliches zu kommen, aber auch um Backstory auf leichte Weise zu erzählen.
Persönlich halte ich Tandys Masche auch in #MeToo-Zeiten und Cosby-Anschuldigungen für nicht ganz problemfrei und auch die Tatsache, dass schon im Auftakt eine Fast-Vergewaltigung zum Kräftetrigger wird, hätte vielleicht überdacht werden können, weil es eine faule Abkürzung ist, die zudem nicht gerade von Kreativität zeugt. Tandys Verhalten soll natürlich anecken und provozieren, weil der Tod ihres Vaters und der Alkoholismus ihrer Mutter sie verändert und abgehärtet haben, aber die feine englische Art sind ihre Raubzüge nun auch nicht.
Zugegeben ist auch die Herkunftsgeschichte der Figuren in den 80er Jahren von den damaligen Problemen der Zeit inspiriert und die Figuren an sich eigentlich klassische Ausreißer - quasi die Vorgänger zu den „Runaways“. Als Dritte-Welle-Figuren nach dem Silver-Age und dem Bronze-Age hatte man bei Marvel aber sicherlich auch schon einige tragische Herkunftsgeschichten durch, weswegen man in der Serie ebenfalls zu den klassischen toten Familienmitgliedern greift. Das klingt härter, als es gemeint ist und die Auftaktfolge macht emotional auch einen völligen soliden Eindruck. Im Moment sieht es aus, als würde Tyrone davon motiviert sein, das an ihm begangene Unrecht rund um die Polizisten und die Vertuschung des Mordes an seinem Bruder beweisen zu wollen.
Insgesamt kann man gespannt sein, in welche Richtung sich das alles entwickelt. Denn Tyrone hat eigentlich wenig echte Gründe auszubüchsen. Seine Eltern überschütten ihn nämlich mit Liebe und Fürsorglichkeit und er versteht, die Verantwortung und die Erwartungen an ihn als jungen schwarzen Mann und die Hürden, die es dabei zu überwältigen gilt. Zudem muss er erst noch lernen, was seine Kräfte genau vermögen, weil bisher maximale Verwirrung beim Einsatz die Folge ist, während Tandy aka Dagger offenbar nur in Gefahren- oder Reizsituationen auf ihre Lichtdegen setzen kann.
Und obwohl beide Figuren im Piloten love interests an ihrer Seite haben, dürfte klar sein, dass es irgendwann auf eine Beziehung der beiden hinauslaufen sollte, weil sie sich wie Licht und Schatten anziehen und einander komplettieren.
Die Darsteller der Serie sind auf den ersten Blick sympathisch. Andrea Roth passt zur verkorksten Mutter, die von einem mies bezahlten Job zum nächsten hangelt, seit ihr gutbetuchter Ehemann verstorben ist, wobei das natürlich auch in die Klischeekiste greift. Die beispielsweise auch aus Mr. Robot bekannte Gloria Reuben spielt Tyrones Mutter Adina und überzeugt in ihrem kurzen Auftritt vollends.
Der Soundtrack ist erwartungsgemäß für eine solche Serie ausgewählt und fügt sich stimmungsvoll in das Gesamtgefüge ein.
Fazit: Teen Heroes = Best Heroes
Als großer Fan von jungen Superhelden im Teenageralter und Coming-of-Age-Geschichten bin ich froh darüber, dass man diese Seite des Superheldengenres nun auch mehr im Fernsehen bedient. Neben den „Runaways“ und Cloak & Dagger ist bekanntlich auch eine Titans-Serie geplant, während Tom Holland als junger Spider-Man im Marvel Cinematic Universe durch die Gegend schwingt. Etwas schade, dass man die New Warriors rund um Squirrel Girl vorerst auf Eis gelegt hat, aber spätestens zum Marvel-VoD-Service wird man sicherlich ein Comeback erleben.
Ansonsten freue ich mich darauf, sollte Ms. Marvel, die „Champions“ oder die „Young Avengers“ eventuell die nächsten Projekte sein. Aber auch der jüngst veröffentlichte offizielle Trailer zu Spider-Man: Into the Spider-Verse hat mich in Begeisterung versetzt. Teenager und Marvel haben seit Spider-Man und den Anfängen der X-Men im Haus der Ideen eine lange Tradition und das Duo aus „Cloak and Dagger“ könnte eine weitere Lücke schließen und wird sicherlich viele junge Fans des Genres begeistern.
Sicherlich könnte man das ein oder andere noch etwas ausschmücken, verbessern und feintunen und etwas weniger häufig gewisse Klischees bedienen - wobei das als Kritiker, der vieles schon kennt und gesehen hat, leichter gesagt als getan ist. Denn junge Zuschauer sind da häufig weniger abgebrüht als unsereins und lassen sich gerne leichter begeistern, was ich schön finde und mich gerne anstecken lasse. Schön für die deutschen Zuschauer ist, dass die Serie sofort bei Amazon zu finden ist.
Trailer zu „Cloak and Dagger“: