Der australisch-neuseeländische Serienneustart Cleverman vereint eine außergewöhnliche Prämisse, politisch aktuelle sowie brisante Themen und den Blick auf einen eher unbekannten Kulturkreis zu einer hochinteressanten, wenn auch sehr speziellen Pilotepisode, die die Meinungen spalten wird.

„Cleverman“ / (c) Sundance Channel
„Cleverman“ / (c) Sundance Channel

Das ging schnell: Gerade einmal einen Tag, nachdem die neue Dramaserie Cleverman auf dem amerikanischen TV-Sender Sundance Channel ihre Weltpremiere feierte (in Australien ging das Format einen Tag später an den Start), folgte auch schon die Bestellung einer zweiten Staffel des Serienprojekts, welches auf einer Idee von Ryan Griffen basiert. Das Autorentrio Michael Miller, Jon Bell und Jane Allen machte es sich zur Aufgabe, das Drehbuch zu „Cleverman“ beizusteuern. Mit den beiden australischen Filmemachern Leah Purcell und Wayne Blair holte man sich indes zwei erfahrene Regisseure ins Boot, die selbst über starke Wurzeln in der Aboriginekultur Australiens verfügen, welche in der Serie eine sehr besondere Rolle einnimmt.

Zugegeben, im Vorfeld war mein Wissen bezüglich „Cleverman“ und bezüglich des besagten Kulturkreises, der die Basis der Serie bildet, sehr gering. Und selbst nach der Pilotepisode kann ich noch nicht wirklich sagen, woran ich hier bin, was „Cleverman“ genau ist oder sein möchte. Doch irgendwie rückt all dies ein wenig in den Hintergrund, denn der Auftakt der sechsteiligen ersten Staffel hat etwas Besonderes, etwas, das man nur schwer in Worte fassen kann.

Not a game

Bei vielen Zuschauern und Zuschauerinnen dürfte das eine oder andere Fragezeichen garantiert sein, einen besonderen Reiz macht man dennoch aus, jongliert „Cleverman“ doch erfolgreich mit diversen komplexen Themenbereichen, die in einen außergewöhnlichen Einklang gebracht werden. Ob politische Statements, unangenehme Parallelen zu aktuellen, geopolitischen Ereignissen, der obskure Einblick in eine der ältesten Kulturen der Menschheit oder einfach nur ein spannendes Gesellschafts- und Charakterdrama - „Cleverman“ hat einiges zu bieten. Fragt sich nur, ob man auf längerer Sicht eine einnehmende Erzählstruktur etablieren kann, in der die einzelnen Rädchen fließend ineinandergreifen.

Menschen und Hairies in %26bdquo;Cleverman%26ldquo; © Sundance Channel
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Subhumans

Was man uns nämlich in der Pilotepisode zeigt, ist zum einen viel und zum anderen mitunter wild zusammengewürfelt - so scheint es zumindest. Wir befinden uns im leicht futuristischen Australien, wo es zu einer Spaltung der Gesellschaft gekommen ist: Neben den Menschen existieren hier auch sogenannte „Hairypeople“ beziehungsweise „Hairies“, übernatürliche Wesen, die ihren Ursprung in Sagen und Legenden der Aborigines haben. Die Hairies haben animalische Züge, sind sehr haarig und überhaupt physisch wesentlich stärker als die Menschen. Jene haben wiederum große Angst vor diesen „Monstern“, weshalb die Hairies geächtet, verfolgt und in einer bestimmten Zone eingepfercht werden. Neben den radikalen Gegnern der Hairies gibt es aber auch Aktivisten, die sich für diese einsetzen, ihre Aborigineherkunft ehren und sich für eine vereinte Gesellschaft frei von Fremdenhass und Intoleranz stark machen.

In dieser besonderen Welt treffen wir auch auf unsere vermeintliche Hauptfigur, den jungen Barbesitzer Koen West (Hunter Page-Lochard). Koen ist ein windiger Opportunist und macht bare Münze mit dem Leid der Hairypeople, was vor allem seinen entfremdeten Bruder Waruu (Rob Collins) auf die Palme bringt. Dieser ist wiederum sehr engagiert, die sozialen Missstände und die Diskriminierung der Hairies in der australischen Gesellschaft anzugehen.

So weit, so „District 9“ beziehungsweise Gesellschaftsdrama mit offensichtlichen Querverbindungen zu unserer realen Welt. „Cleverman“ nimmt dann aber noch eine sehr übernatürliche Wendung (wem die Hairypeople noch nicht reichen sollten) und führt das Konzept des dreaming beziehungsweise die dreamtime ein, ein mysteriöser Ort, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinandertreffen und der in direkten Verbindung zur echten Welt steht. Das Bindeglied zwischen diesen beiden Polen ist wiederum der Cleverman, der über große Mächte verfügt. Und ausgerechnet Koen, dem schwarzen Schaf seiner Familie, wird die Ehre zuteil, in diese Position zu schlüpfen...

United

Man nimmt es niemandem übel, der nach der Sichtung der Pilotepisode von Cleverman etwas auf verlorenem Posten steht. Es dauert eine ganze Weile, bis man sich in dieser speziellen Serienwelt zurechtgefunden hat, für viele wird die Auftaktfolge dahingehend noch nicht einmal ausreichend sein. Dabei starten die Macher noch relativ einfach in die Serie, die Idee einer gespaltenen Gesellschaft ist schnell etabliert, selbst als Ottonormalzuschauer, der sich nur am Rande für Politik interessiert, dürften sich einem die die zahlreichen Parallelen erschließen: Flüchtlingsthematik, Rassendiskriminierung, blinder Hass, weil jemand anders als man selbst ist - „Cleverman“ legt gekonnt den Finger in die klaffenden Wunden unserer Zeit und scheut auch nicht vor emotionalen Tiefschlägen zurück, die nachhallen.

Natürlich sind die hier gezeigten Bilder stark überzeichnet, was jedoch auch die extreme Wucht ausmacht, mit der sie vorgetragen werden. Der tragische Tod einer jungen Hairy ist der schockierende Höhepunkt der Episode, die viel Zeit darin investiert eine bedrückende Atmosphäre zu erschaffen und zu zeigen, wie schnell eine politisch brisante Situation kippen kann. „Volksvertreter“, Interessengruppen, die Medienlandschaft, ein jeder von ihnen bedingt die pulverfassähnliche Lage, in der die Familien von Hairypeople auseinandergerissen und unter unwürdigen Bedingungen weggesperrt werden. Allein diese Prämisse ist so viel versprechend, erschreckend und interessant zugleich, dass man dranbleibt und immer tiefer in das Geschehen eintauchen möchte.

Out of balance

Doch dann macht „Cleverman“ etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes. Nach knapp der Hälfte der Pilotepisode führt man die bereits erwähnte sehr übernatürliche Komponente der Aboriginekultur ein: ein blutrünstiges Fabelwesen sowie mystische Fähigkeiten. Es ist ein klarer Bruch mit dem, was wir zuvor gesehen haben, trotzdem ist man bereits so sehr am Haken, dass man irgendwie nicht loslassen kann und wissen möchte, wie das alles zusammenpasst. Unsere Hauptfigur bekommt von einem Verwandten die besondere Gabe des Cleverman übertragen, was er mit dieser genau bewirken kann, ob unser zwielichtiger Protagonist nun neue Wege einschlagen wird und wie sein Bruder mit dieser Entwicklung zurechtkommen wird, all das sind Fragen, die plötzlich in unseren Köpfen herumfliegen.

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Sun and moon

Antworten gibt es zunächst keine, vielmehr erhaschen wir Blicke auf die verschiedenen Charaktere, die allesamt über mehrere Ecken in Verbindung zueinander stehen. Es wird sich zeigen, ob man in der Lage sein wird, eine wunderbar verwobene Geschichte mit einer Vielzahl an facettenreichen Charakteren zu erzählen, die auf den unterschiedlichsten Ebenen agieren. Was hier noch fehlt, ist vielleicht ein richtiger roter Faden, was eben zur Folge hat, dass man am Ende der ersten Folge eventuell ein wenig irritiert ist. Bürdet man dem Zuschauer zu viel auf? „Cleverman“ ist ohne Zweifel sehr spezielle Kost, möglicherweise macht es das aber gerade so reizvoll. Ist es wirklich wichtig, zu wissen, wie die Hairypeople entstanden sind? Oder reicht nicht nur einfach ihre Existenz, um der menschlichen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten?

Die Verantwortlichen haben auf jeden Fall eine bunt gemischte Riege an Darstellerinnen und Darstellern versammelt, mit jungen Talenten sowie erfahrenen Haudegen, siehe zum Beispiel Iain Glen, den einige sicherlich aus Game of Thrones kennen. Der visuelle Stil, der urbane Look, dreckig, ungeschönt, schlichtweg authentisch, trägt ebenso dazu bei, dass man Cleverman nach seiner Pilotepisode weiterhin eine Chance geben möchte. Und das sollte man auch tun, denn selbst, wenn hier noch nicht alles stimmt und sicherlich die eine oder andere Sache verbessert werden kann (für meinen Geschmack könnte es gerne noch ein Stück weit subtiler sein, was bei den angesprochenen Themen jedoch nie wirklich einfach ist): Der Sundance Channel hat sich mal wieder ein einzigartiges Format gesichert, bei dem gerade erst an der Oberfläche seines gesamten Potentials gekratzt wurde.

Trailer zur Serie „Cleverman“:

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