Clarice: Pilotreview zur Schweigen-der-Lämmer-Serie

© larice (c) CBS 2021
Die Serienadaption von erfolgreichen Filmen ist wieder einmal in vollem Gange und beinahe täglich werden neue Adaptionen bekanntgegeben (siehe Peak-TV). Aus dem Universum von Bestseller-Autor Thomas Harris sind wir bereits diverse Adaptionen gewohnt und hatten mit Hannibal (2013) eine ungewöhnliche Serienadaption von Mastermind Bryan Fuller erhalten, die eine eingefleischte Fangemeinde aufbauen konnte und über drei Staffeln auf NBC ausgestrahlt wurde. Der kultige Therapeut und Serienkiller Dr. Hannibal Lecter darf aus lizenzrechtlichen Gründen in der neuen Serie Clarice nicht beim Namen genannt werden und wer sich auf clevere Anspielungen diesbezüglich gefreut hat, sollte seine Erwartungshaltung gleich wieder herunterschrauben, so wie man es beim Schauen des Piloten wohl generell machen sollte...
Quantico, 1993!
Der Trailer lässt es nicht unbedingt vermuten, aber die Serienmacher hatten sich dazu entschieden, die Serie ein Jahr nach den Ereignissen des Films „Das Schweigen der Lämmer“ spielen zu lassen. In einem ausufernden info dump durch eine Therapiesitzung mit Agentin Starling (Rebecca Breeds, The Originals) und ihrem Therapeuten (Shawn Doyle) erfährt das Publikum in den ersten fünf Minuten der Pilotepisode eine Zusammenfassung des Films und der weiteren Ereignisse. Serienkiller Buffalo Bill hat sieben Frauen umgebracht und gehäutet, Agentin Starling hat ihn umgebracht und die von ihm entführte Catherine Martin, Tochter einer damaligen Senatorin, retten können. Die Familien der Opfer sind erneut an die Presse getreten und Starling ist auf dem Cover eines Klatschblatts abgebildet, welches der Therapeut auf den Tisch gelegt hat. Mit den Familien steht sie in Kontakt, nicht aber mit Catherine Martin und nicht mit ihrer eigenen Familie. Sie hat eine posttraumatische Belastungsstörung („PTSD“), träumt von den Ereignissen im gruseligen Mottenhaus und ist dazu verpflichtet, zu dem durchaus unsympathischen Therapeuten zu gehen. Hannibal Lecter wird vom Therapeuten kurz umschrieben und die intime Beziehung erwähnt. Außerdem wird Starling von allen Kollegen des FBI gehasst, da sie so jung den Fall aufgelöst hat. Plötzlich soll sie jedoch mit der frisch ernannten Generalstaatsanwältin Ruth Martin (Jayne Atkinson) - Mutter der Überlebenden - sprechen, da diese sie auf einem neuen Fall mit einem angeblichen Serienkiller ansetzt.
Ein sehr simpel strukturierter Fall - Spoiler
Frisch am Tatort eingetroffen, wird auch schnell deutlich, dass Paul Krendler (ergraut: Michael Cudlitz aus The Walking Dead und Beverly Hills, 90210) keinerlei Interesse an ihrer Expertise aus der Verhaltensforschung hat und sie permanent runtermacht. Die beiden nackten, verstümmelten Frauenleichen werden untersucht und obwohl Sterling Ungereimtheiten feststellen kann, glaubt ihr nur der junge Kollege Agent Esquivel (Lucca de Oliveira). Die beiden fahren zu den Angehörigen der Opfer und stellen schnell eine mehr als offensichtliche Gemeinsamkeit fest. In einem Haus ohne Lichtschalter kann Clarice den Mörder überwältigen. Sie will gegen die Vorgaben ihrer Vorgesetzten nun die Verschwörung hinter der bewussten Tötung der Whistleblower weiter aufdecken.

Kann Rebecca Breeds die Rolle tragen?
Klare Antwort: Nein, wobei man zugeben muss, dass wohl niemand in die Fußstapfen der mehrfachen Oscargewinnerin Jodie Foster treten könnte. Doch selbst mit geringen Erwartungen ist die Charakterzeichnung der Serien-Starling zu dünn, als dass irgendeine Art von Nähe oder Faszination beim Publikum entstehen würde. Die sich ansammelnden Klischees, dass alle gegen sie agieren und niemand ihr Glauben schenken will, wirken veraltet und ermüdend. Man kann hoffen, dass Sterling und Kollege Esquivel noch mehr Screentime erhalten, da hier die Chemie durchaus gut funktioniert. Kal Penn (House) war angeblich auch irgendwo zu sehen...
Fragen und Gedanken
Es erstaunt, wie simpel und unkreativ der Kriminalfall des Piloten strukturiert wurde und das erinnert interessanterweise durch seine Einfachheit an die Mehrzahl von Network-Procedurals aus den 1990er Jahren. Ein Vergleich, der vermutlich nicht beabsichtigt ist. In der heutigen Serienwelt schaffen es Werke meisterlich, bestimmte Jahrzehnte authentisch aufleben zu lassen, hier erinnert gerade mal ein altes Klapphandy und der uninspirierte Geigenscore an die damalige Zeit. Alex Kurtzman und Jenny Lumet (Star Trek: Picard, Star Trek: Discovery) versuchen nicht einmal, die psychologische Komplexität einer Clarice Starling auch nur anzudeuten oder ihr Raum zu geben. Das Klischee der bösen Chefs, die ihrer Expertise nicht trauen, ist außerdem auch nicht charakterfördernd. Leider kann Breeds nicht gegen diese Kreativlosigkeit der Charakterbeschreibung anspielen. Auch der serielle Überbau, der bei guten Crime-Procedurals eine wichtige Rolle spielt, ist in seiner Einfallslosigkeit kaum zu toppen. Einzig die Ereignisse rund um Catherine Martin könnten sich noch als spannend herausstellen.
Fazit
30 Jahre hat der Psychothriller „Das Schweigen der Lämmer“ nun auf dem Buckel - und nach dem Schauen der einfallslosen Serienadaption Clarice realisiert man erneut, welches Meisterwerk Jonathan Demme 1991 eigentlich kreiert hat. Auf den Ebenen von Schauspiel, Plot, Dialogen, Kamera und Schnitt ist der Film der Serie weit überlegen und selbst wenn man Abstriche macht, ist Clarice nur ein durchschnittliches Crime-Procedural, das in keiner Sekunde die interessante Grundprämisse nutzen kann. Schade, eine absolut vertane Chance von Alex Kurtzman und seinem Team. Auch ohne Hannibal Lecter wäre da mehr drin gewesen.
In Deutschland hat sich übrigens die ProSiebenSat.1-Gruppe die Rechte gesichert, wie heute bekannt wurde (siehe hier. Ein Ausstrahlungstermin ist indes noch nicht offiziell bekannt.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen US-Serie aus dem „Das Schweigen der Lämmer“-Umfeld, „Clarice“: