Clans: Review zur ersten Folge der spanischen Thrillerserie bei Netflix

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Das passiert in der ersten Folge der Serie „Clans“
Ana (Clara Lago) ist in der Thrillerserie Clans eine erfolgreiche, in Madrid lebende Anwältin und liebt ihren Vater über alles. Dieser lebt als Rentner auf Fuerteventura und fährt Touristen mit seinem komfortablen Boot zu den schönsten Destinationen auf dem Meer. Der harmlose Nebenjob entpuppt sich jedoch bald als Todesfalle, denn plötzlich wird er während eines Ausflugs ermordet.
Ana kann sich mit seinem Tod nicht abfinden und beginnt, in seiner Vergangenheit zu graben. Schließlich stößt sie auf ein brisantes Detail, denn ihr Vater gehörte einem mächtigen Drogenkartell an, das er vor Jahren verriet, um im Zeugenschutzprogramm ein neues Leben zu beginnen. Eine Adresse führt Ana nach Galicien, wo der Padin-Clan die Koksgeschäfte fest in den Händen hält. Als sie den intelligenten Sohn des Clanbosses Daniel (Tamar Novas) kennenlernt, kommt sie den Geheimnissen ihres Vaters näher auf die Spur, als ihr lieb ist...
Hier schon mal der Trailer zur Serie „Clans“:
Spanien als neues Thriller-Mekka?
Spätestens seit Haus des Geldes dürfte klar sein, dass Spanien in Sachen Krimiserien und Thriller einiges zu bieten hat und der Traumfabrik Hollywood diesbezüglich in nichts nachsteht. Nimmt man dann noch Formate wie High Seas oder „Das Mädchen im Schnee“ dazu, versteht man schnell, warum sich ein näherer Blick lohnt. Derzeit dürfte die überraschend gute Platzierung der ersten Staffel von „Clans“ die Verantwortlichen beim Streamingdienst Netflix erfreuen, denn offensichtlich weiß das Publikum schon längst, was Showrunner wie Álex Pina so draufhaben...
Ein schneller Einstieg bei „Clans“
Diesmal nutzte der seit 1990 im Autoren-Geschäft tätige Jorge Guerricaechevarría die Gunst der Stunde und legt mit der Debüt-Epsiode seines Originals auch gleich richtig los. Gerade einmal zwei Minuten nehmen sich der Serienerfinder und Regisseur Roger Gual Zeit, die weibliche Hauptfigur und die Umstände, in die sie ungewollt hineinrutscht, vorzustellen. In dieser kurzen Zeitspanne erfahren wir allerdings, dass sie Anwältin ist, ihr Vater eine Kugel in den Kopf bekommt und dass ihr ganzes Leben auf einer großen Lüge aufgebaut ist.
Ein so temporeiches Cold Open steigert das Interesse enorm, kann aber auch den Nachteil haben, dass die Messlatte für den Spannungsbogen sehr hoch liegt. Das geschieht im Grunde genommen auch hier, allerdings mit dem Vorteil, dass es dann tatsächlich spannend weitergeht. Denn nach dem knackigen Mini-Intro versorgt uns die Folge sogleich mit den nächsten wichtigen Details. Anas Vater war alles andere als ein einfacher Rentner, der seinen Lebensabend mit einem attraktiven Nebenjob auf einer der schönsten Urlaubsinseln der Kanaren verbrachte. Vielmehr gehörte er einst einem mächtigen Drogenkartell an, verriet dieses aber zugunsten eines Zeugenschutzprogrammes und begann daraufhin ein neues Leben.
Die Hauptfiguren

Anwälte und Drogenbosse sind oft eine gute Kombination, diese Binsenweisheit bestätigt sich auch in „Clans“. Ana gehen die Enthüllungen um ihren Vater so nah, dass sie nach Galicien zieht, um herauszufinden, wer ihn ermordete. Bald schon stößt sie auf Daniel, dem Junior-Boss des Padin-Clans, dem nicht nur die halbe Stadt gehört, sondern der auch einen Stab korrupter Polizisten unterhält. Guerricaechevarría zeichnet die weibliche Hauptfigur als smarte Anwältin, die sich aber etwas naiv auf ein gefährliches Spiel mit dem gutaussehenden Daniel einlässt, während er dank seiner kaltblütigen Pfiffigkeit, aber auch seines Charmes, der Polizei immer einen Schritt voraus ist.
Im Serienauftakt funktioniert die Chemie zwischen den Protagonisten sehr gut, was einige Fragen zum weiteren Verlauf der Staffel aufwirft. Allerdings muss sich noch herausstellen, ob das Duo um Ana und Daniel tatsächlich tragfähig ist. Ein wichtiger diesbezüglicher Faktor wird die weitere Figurenentwicklung sein. Es wäre zu wünschen, dass sich die Anwältin nur scheinbar auf die Avancen des Bandenbosses einlässt, um den Mord an ihrem Vater aufzuklären. Warnungen von allen möglichen Nebencharakteren bekommt sie mehr als genug, so dass jeder zu intensive Flirt mit ihm einem narrativen und figürlichen Overkill gleichkäme.
Und Action
Die oben geschilderte Sorge scheint ausgehend von den zu sehenden Szenen zwischen ihnen nicht ganz unbegründet, zumal Daniel in „Clans“ ein gutaussehender junger Mann ist, der offensichtlich recht hartnäckig um sie wirbt. So heuert er sie beispielsweise spontan im Gericht für einen Verkehrsfall an und lädt sie dann zum Essen in ein Nobelrestaurant ein. Zwar sagt sie höflich ab, doch am nächsten Tag findet sie ihr Büro quasi mit Rosen überschüttet vor. In der letzten Szene der Episode schließt er sich ihr plötzlich beim Joggen an, ein Umstand, den sie mit einem Lächeln quittiert.
Das sorgt für eine gewisse sexuelle Spannung, wirkt aber ein wenig konstruiert. Doch gehen wir zugunsten des erfahrenen Skript-Schreibers einmal davon aus, dass Ana nur im Sinn hat, Daniel das Handwerk zu legen. Trifft jene Vermutung zu, dürfte die Staffel uns mit einer geballten Ladung Spannung und einigen schönen Actioneinlagen gut unterhalten. Denn die zugegebenermaßen nicht sonderlich intelligent dargestellten Beamtinnen und Beamten der Guardia Civil halten die Padins dennoch ganz schon auf Trab. In Folge eins geht es etwa um eine große Drogenlieferung, die Daniel wegen des Fahndungsdrucks im Meer versenken lässt. Angereichert mit einer rasant inszenierten Verfolgungsjagd auf dem Wasser und einem unterhaltsamen Katz-und-Mausspiel machen die entsprechenden Szenen Spaß und sorgen für Kurzweil.
Zudem erregen einige bislang kleinere Nebenstränge das Interesse. Da sind beispielsweise zwei korrupte Cops, die das Drogenkartell mit wertvollen Informationen versorgen. Andererseits sind die Padins nicht überall in ihrer Heimatgegend beliebt und sorgen mit ihren Geschäften für Angst und Unmut. Wie sich diese Baustellen in das Gesamtkonstrukt einfügen, ist ebenfalls bislang noch nicht klar, so dass uns hier einiges erwarten könnte.
Fazit
Die erste Folge von „Clans“ ist ein guter Einstieg in eine vielleicht etwas zu konstruierte Geschichte, die aber mit Schauwerten zu unterhalten weiß. Das Erzähltempo ist alles andere als langsam, die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren stimmt und das zugrundeliegende Thema geht ebenfalls in Ordnung. On top gibt es ein paar hübsche Landschaftsaufnahmen und einige nicht uninteressante Nebencharaktere. Insgesamt also gute Voraussetzungen für eine kurzweilige Binge-Watch-Session. Ob das über sieben Episoden trägt oder ob sich nicht doch noch hier und da unnötige Längen einschleichen, lässt sich nach Sichtung des Serienauftaktes natürlich noch nicht abschließend beurteilen.
Wir sind indes vorsichtig optimistisch und vergeben vier von fünf Schnellbooten.