Chosen: Kritik zur Pilotfolge der Science-Fiction-Serie auf Netflix

© oster zur Netflix-Produktion Chosen (c) Netflix
Nichts Neues im Norden (?)
Dänen lügen nicht heißt es im leicht abgewandelten Text eines bekannten Schlager-Evergreens. Allerdings trifft diese Binsenweisheit nicht auf das kleine Städtchen Middelbo zu. In dem Örtchen soll nämlich vor 17 Jahren ein Meteorit abgestürzt sein, was sich allerdings schnell als ein Marketing-Gag herausstellt. In die Welt gesetzt hatte die Geschichte der ehemalige Ladenbesitzer Hussein, der damit die Wirtschaft der arg gebeutelten Stadt kräftig ankurbelte und selbst zum Millionär wurde. Damit wäre eigentlich das Startsignal für eine witzige Prämisse gegeben, die als Kern für eine nette Comedy hätte dienen können. Wenn den Ideengebern Christian Potalivio („Elfen“), Kaspar Munk („Kamikaze“) und Jannik Tai Mosholt (The Rain) nicht etwas ganz anderes vorgeschwebt hätte, versteht sich. Denn bis auf ein kleines Zwischenspiel direkt am Anfang der Episode, startet der Pilot zu Chosen (2022) wie ein recht gewöhnliches, wenig erfrischendes Coming-of-Age-Geschichtchen im hohen Norden.
Klischee-Rebellin
Emma, gespielt von der Newcomerin (Malaika Mosendane, ist eine junge Klischee-Rebellin, die trotzig den Lebensweg verfolgt, einen Job nach dem anderen zu verlieren. Abends betrinkt sie sich mit ihren Freunden, flirtet mit einem Jungen, der sie auch noch betrügt und ist auch anderweitig nicht gerade erfolgsverwöhnt. Nichts an ihr ist in irgendeiner Form bemerkenswert oder so besonders, dass man die Figur wirklich als interessant wahrnimmt. Das führt dazu, dass sich der Autor dieser Rezension, der an sich ein großer Fan von Young-Adult-Storys mit phantastischen Elementen ist, fast schon über die ersten Minuten gequält hat. Bei der Stange hält allein der oben erwähnte Einschub, der darauf hindeutet, dass in Middelbo doch irgendetwas Mysteriöses vor sich geht. Bis dahin heißt es allerdings, sich mit Emmas Eskapaden zu begnügen und einige mehr oder weniger interessante Figuren, wie Emmas (Stief?)Mutter, oder ihre Freunde kennenzulernen.
Mehr ist manchmal mehr
Wer den Stream von Chosen (2022) bis dahin noch nicht beendet hat, um sich anderen Gefilden zu widmen, darf dann doch endlich miterleben, wie die Geschichte langsam Fahrt aufnimmt. Eine finanzkräftige Investorenfirma lässt sich wie aus heiterem Himmel im Örtchen nieder, um die eigentlich seit Jahren stillgelegte Werft neu zu beleben. Eine ganze Armee von Trucks, beladen mit Unmengen an Material und Fachpersonal, rollt an, um das beschauliche Leben in der Stadt des angeblichen Meteoritenabsturzes gründlich umzukrempeln. Dass dahinter etwas ganz anderes steckt, wird allerdings schon einige Minuten vorher deutlich, als Emma nach einer durchzechten Nacht vor der Hütte der Möchtegernvampirin Marie (Andrea Heick Gadeberg) und ihrer Freunde aufwacht.
Wenig spannungsgeladen offenbart die Clique ihr, dass der Krater in Middelbo nicht von einem Meteoriten, sondern einem Raumschiff herrührt und dass die Aliens die Stadt immer noch heimsuchen. Obwohl man es als Mystery- und Science-Fiction-Freund durchaus gewohnt ist, hier und da auch mal einen dicken Brocken zu schlucken, fehlt an dieser Stelle doch ganz klar das Spannungselement. Wie kommen die Jugendlichen zu dieser Geschichte? Wo ist auch nur der geringste Anschein eines Beweises für ihre Behauptungen? Die ein oder andere Anspielung, dass es zumindest irgendeine Art von Aufzeichnungen gibt, hätten dem Treffen der Young-Adults sicherlich mehr Aussagekraft verliehen. Klar, es soll und darf an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden, um den Cliffhanger am Ende nicht vorwegzunehmen. Doch manchmal ist die Prämisse „weniger ist mehr“ einfach nicht genug, um Spannung zu erzeugen. So auch in diesem Fall.
Da kommt noch was
Immerhin schafft das Auftauchen des Investorenkonsortiums Astreus dann doch endlich Abhilfe. Schon als der oben erwähnte Truck-Convoi mitten in der Nacht an Emma vorbeirast, werden Erinnerungen an diverse Filme und Serien wach, in denen schwarze SUVs, graue Lastwagen und andere auffällige Vehikel über einsame Straßen brettern, um in verschlafenen Nestern ihr Geheimnis zu offenbaren. Auch ist der von (Ken Vedsegaard (Kommissarin Lund) gespielte Hedgefond-Sprecher Thomas Damborg eine smarte Figur, von der man noch einiges erwarten darf. Das Highlight der rund 43-minütigen Pilotfolge stellt allerdings der Cliffhanger dar, in dem offenbar zu werden scheint, was für Geheimnisse Middelbo umweben.
Fazit
Die Pilotepisode der Produktion Chosen (2022) hinterlässt einen sehr durchwachsenen Eindruck. Die ersten Minuten wirken wie ein gewöhnliches Coming-of-Age-Drama ohne jegliche Innovation. Die meisten Figuren scheinen einem Klischee-Roman entsprungen und selbst die Einführung der künftigen Geheimnislüfter fällt eher mau aus. Im letzten Drittel zieht der Spannungsbogen leicht nach oben und lässt den Zuschauer mit einem Cliffhanger zurück, der zwar in dieser Art auch nicht neu ist, aber doch neugierig macht, wie es weitergehen könnte. Es schlummert also durchaus Potential in der Geschichte und es bleibt abzuwarten, ob die ersten sechs Episoden dieses auszuschöpfen vermögen.
Chosen (2022): Serientrailer
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „Chosen“ bei Netflix: