Mit Chicago Med komplettiert Dick Wolf seine Serientrilogie in der Windy City. Routiniert erzählt er darin von den Ärzten und Pflegern des Chicago Medical Center, ihren Geschichten und denen ihrer Patienten. Das ist nicht sehr aufregend, wird dem Franchise aber durchaus gerecht.

So kommt der Neue (Colin Donnell) zum ersten Mal im Krankenhaus an. / (c) NBC
So kommt der Neue (Colin Donnell) zum ersten Mal im Krankenhaus an. / (c) NBC

Man mag darüber schmunzeln, wie kalkuliert NBC bei der Kreation seines Chicago-Franchises von Überproduzent Dick Wolf (Law & Order) vorgeht. Nachdem vor drei Jahren Chicago Fire startete und sich bald zu einer der erfolgreichsten Dramaserien des Networks mauserte, legte man zu Beginn des letzten Jahres mit Chicago PD nach, um das Triumvirat nun mit Chicago Med zu komplettieren. Aber wer weiß - vielleicht wird es bei anhaltendem Zuschauerinteresse weitere Ausgaben geben. „Chicago Schools“ oder „Chicago Law“ etwa?

Good job

Die Möglichkeiten scheinen schier unendlich, was im Umkehrschluss aber bedeutet, dass neue Ausgaben nicht ganz frei in ihrer dramaturgischen Ausrichtung sind. So bewundernswert es auch ist, gleich ein ganzes Universum auf die Beine stellen zu wollen, so bedauernswert sind die Restriktionen, die damit einhergehen. In der Pilotepisode Derailed ist das ab der ersten Szene offensichtlich - hier wird kein neuer Zugang zu einer uralten Geschichte gesucht, sondern nur eine weitere Interpretation der immer gleichen Handlungselemente.

Am Beginn steht ein verheerender Unfall - dieses Mal ist es ein entgleister Zug -, bei dem der Neue (Colin Donnell) im Krankenhaus seine Fähigkeiten vorzeigen und sich mit den etablierten Ärzten anlegen kann. Allmählich füllt sich die Notaufnahme mit Patienten jeglicher Couleur: Es gibt einen schwerkranken Jungen mit einer unheilbaren Krankheit, eine schwerverletzte Schwangere, ein Unfallopfer, dessen Freundin kaum Englisch versteht, und ein kleines Mädchen, dessen Herz auf einmal aufhört, zu schlagen.

Die Gewöhnlichkeit auf Patientenseite korrespondiert mit der aufseiten der Doktoren. „Golden Boy“ Connor Rhodes - der Neue - sieht nicht nur gut aus, sondern ist auch noch ein fähiger Arzt, spricht fließend Spanisch und hat einen ganzen Haufen Auslandserfahrung. Er kollidiert mit dem anwesenden Alphamännchen Dr. Will Halstead (Nick Gehlfuss), der geneigten Zuschauern bereits aus „PD“ bekannt sein dürfte. Krankenschwester April Sexton (Yaya DaCosta) kennen Chicago-Fans indes aus „Fire“. In der dritten Staffel des Franchisebegründers gab es einen Backdoor-Pilot für „Med“, in dem schon Krankenhauspsychologe Daniel Charles (Oliver Platt) und Verwaltungschefin Sharon Goodwin (S. Epatha Merkerson aus Law & Order) auftauchten.

Medizinstudentin Sarah Reese (Rachel DiPillo) muss noch ein bisschen üben. © NBC
Medizinstudentin Sarah Reese (Rachel DiPillo) muss noch ein bisschen üben. © NBC

Zur Belegschaft gehört außerdem Dr. Natalie Manning (Torrey DeVitto), genannt „Nat“, deren Ehemann im Krieg gefallen ist, und die nun das gemeinsame ungeborene Kind alleine aufziehen muss. Sarah Reese (Rachel DiPillo) ist die obligatorische Anfängerin, die an der Puppe gute Ergebnisse erzielt, am lebenden Patienten aber zu nervös ist, um die Ader zu finden. Neben den bereits erwähnten Kollegen hilft ihr vor allem Dr. Ethan Choi (Brian Tee) mit einem beherzten Appell auf die Beine.

Get off your high horse

Dr. Sam Abrams (Brennan Brown) geriert sich als badass, bekommt im Piloten aber noch zu wenig zu tun, als dass man seinen Charakter richtig einschätzen könnte. Anders verhält es sich bei Krankenschwester Maggie (Marlyne Barrett aus The Wire), der guten Seele der Intensivstation. Sie wirft sogleich ein Auge auf Connor, der sich gerade selbst zusammenflickt, bevor ihm April beispringt.

Die meisten Handlungsbögen im Auftakt von Chicago Med enden ähnlich - mit versöhnlichem Abschluss. Und wenn es doch mal zum Todesfall kommt, dann ergibt sich daraus sogleich ein Silberstreifen, wie im Falle des gestorbenen Unfallopfers, dessen Lunge eingesetzt werden kann, um das Leben eines anderen Patienten zu retten. Die Ärzte, die das möglich machen, sind so, wie wir uns Ärzte in unseren kühnsten Träumen vorstellen - mutig, empathisch, rechtschaffen, entscheidungsfreudig. Von der echten Situation in einem amerikanischen Großstadtkrankenhaus ist das so weit entfernt wie die Erde vom Saturn. Aber das hier ist eine Fantasie, nicht die Realität.

Mir ist das allerdings zu weich und wenig innovativ, um mir weitere Episoden anzusehen. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass die Serie für Fans des Franchises eine optimale Ergänzung ist. Alleine wegen des Ausblicks auf die zweifellos bevorstehenden Crossover-Events bin ich ein bisschen neidisch auf all diejenigen, die sich in diesem Universum heimisch fühlen. Was Derailed für meinen Geschmack überdies fehlt, sind eine oder mehrere Figuren, die als Sympathieträger taugen. Daniel Charles könnte diese Rolle übernehmen, taucht dafür aber im Piloten zu selten auf. Im übrigen Ensemble zeichnet sich in dieser Hinsicht auch noch kein Favorit ab.

Das Krankenhaus-Procedural Chicago Med bedient sich gängiger Genretropen, was in einer sehr vorhersehbaren, ziemlich harmlosen, aber trotzdem ganz netten Auftaktepisode resultiert.

Trailer zu Episode 1x02 von „Chicago Med“, „Just Two Blocks“:

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