Chernobyl 1x05

Chernobyl 1x05

Genossen, setzt Euch zu uns, um gemeinsam das Trauma zu verarbeiten, das als fünfteilige HBO-Miniserie Chernobyl gerade seine Runde macht. Was können wir Menschen aus dem sowjetischen Super-GAU für unsere Zukunft lernen?

Ausschnitt aus „Chernobyl“: Der Mensch als Naturkatastrophe... (c) HBO/Sky
Ausschnitt aus „Chernobyl“: Der Mensch als Naturkatastrophe... (c) HBO/Sky
© usschnitt aus „Chernobyl“: Der Mensch als Naturkatastrophe... (c) HBO/Sky

Nur, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die anfängliche Aufforderung, dass sich die Leserinnen und Leser dieses Artikels gerne hinsetzen dürfen, ist keineswegs scherzhaft gemeint. Ganz im Ernst: Die folgende Besprechung der kürzlich vollendeten Miniserie Chernobyl, die aus insgesamt fünf einstündigen Episoden besteht, die in transatlantischer Koproduktion für HBO und Sky angefertigt wurden, fällt ein wenig länger aus als üblich (wer keine Lust hat auf einen kleinen Exkurs in die Sozialpsychologie, kann aber gern auf Seite zwei springen).

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Tschernobyl ist überall

Nicht etwa am 26. April 1986, sprich dem Schicksalstag von Tschernobyl, will ich anfangen, sondern im Dezember 2001, also 15 Jahre später. Doch befinden wir uns nicht mal in der Ukraine, wo sich der Super-GAU der späten Sowjetunion damals ereignete, sondern in Houston, Texas. Es geht nicht um eine Kernschmelze, sondern eine Katastrophe ganz anderer Natur, nämlich die Unternehmenspleite einer der einst größten Konzerne der Welt, der amerikanischen Enron Corporation.

Wieso dieser größte anzunehmende Umweg zum eigentlichen Thema? Ganz einfach: Um zu zeigen, dass Tschernobyl überall und jederzeit passieren kann und auch schon vor 1986 unzählige Male an fast an allen Orten dieser Welt passiert ist. Denn Tschernobyl ist nicht zwangsläufig ein für sich stehender Vorfall in der sowjetischen Geschichte - nein, es muss nicht mal was mit Radioaktivität zu tun haben -, Tschernobyl ist ein Synonym. Ein Synonym für den Moment, wenn sich ein System zum Selbsterhalt so viele Lügen erlaubt hat, dass die Wahrheit schließlich ihre Schulden eintreibt.

Das Reaktorunglück von Tschernobyl und der Bankrott von Enron mögen auf den ersten Blick grundverschieden sein - zumal sich das eine Unglück in einem sozialistischen System ereignete und das andere in einem kapitalistischen System -, doch die Ursache ist in beiden Fällen exakt dieselbe. Selbstverständlich kommt man nicht um eine krasse Simplifizierung sämtlicher Faktoren herum, um eine solch generelle Aussage zu treffen, aber insbesondere Verhaltensökonomen würden heutzutage wohl bestätigen, dass Enron vor allem aufgrund eines Fehlers auf den Ruin zusteuerte: dysfunktionale Führungsstrukturen.

Der frühere Enron-CEO Jeffrey Skilling führte bei dem Energiedienstleister in den Neunzigern ein neues Arbeitsklima ein, das hauptsächlich aus Angst und Arroganz bestand. Skillings Devise lautete: Wer unterdurchschnittliche Leistungen erbringt, hat in seinem Unternehmen nichts verloren. Stück für Stück erhöhte er den Druck auf seine Untergebenen, die wiederum den Druck auf ihre Untergebenen erhöhten und so weiter und so fort...

Wer bei Enron überleben wollte, musste lernen, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten. Aus Angst, den Vorgesetzten zu erzürnen, etablierte sich schnell das Prinzip der beschönigten Zahlen. Niemand wollte zum Überbringer schlechter Neuigkeiten werden, weshalb es niemandem auffiel, als sich Enron finanziell allmählich in gefährliche Gefilde begab.

Interessanterweise war es eine Frau - ihr Name war Sherron Watkins -, die als eine der ersten das Problem benannte. Sie und die wenigen anderen Whistleblower wurden als „schlechte Teamplayer“ gebrandmarkt, als Verräter oder Sandkorn im vermeintlich sonst so gut geölten Getriebe. Dabei bemerkte das im Gruppendenken gefangene Getriebe aber nicht, dass es selbst nur noch aus Sand bestand. Watkins schrieb später ein sehr lesenswertes Buch mit dem Titel „Power Failure“, während Skilling zu 24 Jahren im Gefängnis verurteilt wurde (nach 14 Jahren kam er frei).

Wer all dies liest und die Miniserie Chernobyl bereits gesehen hat, wird zahlreiche Parallelen bemerkt haben. Die korrupten Machtstrukturen der UdSSR sind schuld, dass die gefährlichen RBMK-Reaktoren in Tschernobyl und auch im Rest der Sowjetrepubliken eingesetzt wurden. Sie sind schuld, dass Sicherheitsmängel verschwiegen und nicht etwa behoben wurden. Und sie sind schuld, dass nach Eintritt der Katastrophe die Menschen von Prypjat nicht schnell genug evakuiert wurden.

Enron ist Tschernobyl, obwohl im Dezember 2001, als das US-Unternehmen schließlich Insolvenz anmelden musste, natürlich niemand starb. Und Enron ist keineswegs das einzige Tschernobyl: Die Titanic ist Tschernobyl. Die Challenger-Katastrophe, die sich nur vier Monate vor Tschernobyl ereignete, ist Tschernobyl. Die Explosion der Deepwater Horizon ist Tschernobyl. Die letzte Weltwirtschaftskrise ist Tschernobyl. Doch nichts ist so sehr Tschernobyl wie Tschernobyl selbst...

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Ausschnitt aus Chernobyl: Wenn Dummheit die Befehle gibt...
Ausschnitt aus Chernobyl: Wenn Dummheit die Befehle gibt... - © HBO/Sky

Helden ohne Pathos

In meiner Besprechung der Pilotepisode von Chernobyl vor wenigen Wochen wies ich darauf hin, dass diese Serie, keine Heldengeschichte erzählt, sondern eine Geschichte des Scheiterns und der Suche nach den Schuldigen. Nachdem nun die Finalfolge Vichnaya Pamyat (1x05) - sozusagen das russisch-orthodoxe R.I.P. - erschien, muss ich meine Behauptung aber revidieren. Nur haben wir es nicht mit der klassischen Sorte von Helden zu tun, die wir im Westen gewöhnt sind.

Ist ein Held nun jemand, der seine Pflicht erfüllt und selbstlos jedes Opfer eingeht, in dem festen Glauben, der Allgemeinheit zu dienen? Oder ist ein Held jemand, der alles hinterfragt, eigene Entscheidungen fällt und sich notfalls der vermutlich fehlgeleiteten Masse in den Weg stellt? Ich würde sagen, dass beide beschriebenen Heldentypen schlichtweg zwei gegenüberliegende Seiten ein und derselben Medaille abbilden. Was zählt, ist das Motiv.

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Hollywood hat aufgrund des hohen Stellenwerts der individuellen Freiheit in der amerikanischen Gesellschaft ganz klar ein Faible für letzteren Heldentypus. Doch wer würde abstreiten, dass die sowjetischen Soldaten, Feuerwehrmänner, Kohlekumpel oder auch die Ärztinnen und Ärzte und nicht zuletzt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die nach Tschernobyl geschickt wurden und dort Jahre ihrer Lebenserwartung einbüßten, um die Katastrophe wieder unter Kontrolle zu bringen, Helden sind? Es braucht Mut, einem Befehl zu widersprechen, doch es braucht auch Mut, manchen zu befolgen.

Dass Chernobyl die Komplexität menschlicher Moral zu keinem Zeitpunkt vernachlässigt, sondern regelrecht mit ihr jongliert, ist eines der vielen Wunder dieser Miniserie. Von übertriebenem Heldenpathos nehmen der Chefautor Craig Mazin und Regisseur Johan Renck aber dennoch großen Abstand. Nur einmal, nämlich in der Episode Open Wide, O Earth (1x03), als der sowjetische Kohleminister Bergarbeiter für eine der vielen Selbstmordmissionen rekrutiert, wirkt die sonst so authentische Inszenierung etwas gestelzt. Doch mit welchem Resultat? Aufgrund der Seltenheit solcher Stilisierungen handelt es sich für mich persönlich um die wirkungsvollste Szene der gesamten Serie, wenn nicht sogar des ganzen Serienjahres.

Selbstdisziplin und Respekt gegenüber den Opfern sind die zwei größten Tugenden der Serienmacher. Im offiziellen Podcast zur Entstehungsgeschichte von Chernobyl erklärt Mazin sogar, dass er bei seiner Recherche stets versucht habe, sich an die unspektakulärste Version der Story zu halten. Schließlich entstanden über die Jahrzehnte zahlreiche Mythen über Tschernobyl, die die Serie - selbst, wenn sie wahr gewesen wären - zu reißerisch hätten aussehen lassen können.

Einen absoluten Anspruch auf Authentizität erheben Mazin und Konsorten natürlich trotzdem nicht. Tatsächlich erklärt der Autor in besagtem Podcast zu jeder einzelnen Folge, was er wann und wieso abgeändert hat. Immerhin ist Chernobyl keine Doku, sondern ein Dokudrama, das nicht nur aufklären, sondern auch berühren will. Und im besten Fall fühlt sich die dramatisierte Darstellung realer Geschehnisse sogar realistischer an als echte Aufzeichnungen. Die volle Wahrheit kann sowieso niemand begreifen, also konzentriert man sich stattdessen auf die Essenz der Wahrheit.

Aus demselben Grund kann man der Serie sogar verzeihen, dass sie nicht auf ein russisches und ukrainisches Schauspielensemble setzt, sondern hauptsächlich auf britische Stars. Soll heißen: All die Sowjets in Chernobyl sprechen Englisch. Und, wenn man bedenkt, dass wir andernfalls auf die phänomenale Darbietung von Jarred Harris hätten verzichten müssen, ist man fast schon dankbar für diese heutzutage sonst so ungern gesehene kreative Entscheidung. Genauso dankbar sollten wir übrigens auch dafür sein, dass auf aufgesetzte russische Akzente verzichtet wurde.

Was die Schauwerte der Serie betrifft, haben Renck und Mazin derweil keine Kosten und Mühen gescheut, um alles bis auf kleinste Detail geschichtsgetreu zu halten. Gedreht wurde hauptsächlich in Litauen, aber auch in der Ukraine, wo man sich teilweise sogar alter KGB-Gefängnisse bediente, um das Leben in der UdSSR so realistisch wie möglich zu rekonstruieren. Mazin behauptet im nun mehrfach erwähnten Podcast, dass jeder Knopf im Kontrollzentrum von Tschernobyl nachgebildet wurde. Wieso? Weil es noch immer Zeitzeugen gibt, die dieses Ausmaß an Authentizität schlichtweg verdient hätten.

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Ausschnitt aus Chernobyl: Nichts ist seltener als wahrer Mut...
Ausschnitt aus Chernobyl: Nichts ist seltener als wahrer Mut... - © HBO/Sky

Durch und durch ein Leninist

Wenn ich sage, dass Chernobyl nicht an der ganzen Wahrheit interessiert ist, sondern nur an ihrem Kern, heißt das nicht, dass die Serie die Dinge allzu sehr vereinfacht. Besonders mit Blick auf die wissenschaftlichen Hintergründe von Tschernobyl, die durchaus kompliziert sind, versucht Mazin, so wenige Abstriche wie möglich zu machen. Der Autor scheut sich nicht vor der Verwendung von Fachterminologien, sondern vertraut auf die Neugier von uns Laien, die wir in den ausufernden Erklärungen im finalen Gerichtsprozess im Optimalfall eine intellektuelle Herausforderung sehen. Man muss kein Atomphysiker sein, um alles zu verstehen, aber schaden kann es sicherlich nicht.

Chernobyl hält oder verkauft seine Zuschauerinnen und Zuschauer niemals für dumm. Auch das ist so erfrischend an der Serie. Den selbst in der UdSSR geborenen Filmemacher Michael Idov, der derzeit für „Deutschland 89“ schreibt, hat dieser selbstlose Verzicht auf Klischees offensichtlich so gerührt, dass er sein eigenes Schaffen via Twitter jüngst komplett in Frage stellte. Idov bezieht sich in seinem äußerst lesenswerten Thread in erster Linie auf die Art von Klischees, die Hollywood seit jeher über Menschen aus Russland und Osteuropa perpetuiert.

Seine niederschmetternde Selbsterkenntnis: Auch er, der im Westen wohl gerade deshalb gefragt sein dürfte, weil er aus Erfahrung wissen sollte, wie der sowjetische Alltag tatsächlich aussah, habe nie wirklich versucht, es besser zu machen. Dass nun ausgerechnet ein US-Autor wie Craig Mazin, der zuvor Klamaukkomödien wie „Hangover 2“ oder „Scary Movie 3“ schrieb, erstmals bewiesen hat, dass die Vorurteile über den langjährigen Erzfeind der Zeit des Kalten Krieges ausgedient haben, hat schon fast etwas Ironisches. Dennoch kann man vor Idovs Demut natürlich nur den Hut ziehen...

Nun habe ich schon viel gesagt zu dieser bahnbrechenden Miniserie - die laut IMDb momentan bemerkenswerterweise als am besten bewertete Serie aller Zeiten gelistet wird -, doch der Name ihrer Hauptfigur, gespielt von Jared Harris, fiel bislang noch nicht. Waleri Legassow ist der Mann, aus dessen Perspektive wir die Geschichte hauptsächlich erzählt bekommen. Auch hier wäre es für ein amerikanisch-britisches Produktionsteam üblich gewesen, den Protagonisten zum Querdenker im Unrechtsregime zu machen. Doch die Wahrheit lautet: Waleri ist durch und durch ein Leninist.

Man könnte sogar behaupten, dass der sowjetische Chemiker vom Kreml - damals angeführt von Michail Gorbatschow, der in der Serie ebenfalls nicht zu dem Helden verklärt wird, den wir im Westen oftmals in ihm sehen wollen - gerade deshalb zum Leiter des Untersuchungskomitees der Katastrophe von Tschernobyl ernannt wurde, weil ebenjener Legassow als überaus parteitreu galt. Das Wohl der UdSSR ist ihm wichtiger als alles andere, weshalb sein späterer Aufstand gegen den sowjetischen Staat keinesfalls als Liebesgruß Richtung Amerika missverstanden werden darf. Bei einer internationalen Anhörung in Wien belügt Legassow die vermeintlichen Feinde im Ausland über die wahren Ausmaße von Tschernobyl sogar.

Erst, als der Fall auf heimischem Terrain verhandelt wird - in einem lupenreinen Scheinprozess, um bei der ganzen Wahrheit zu bleiben -, rückt er mit selbiger ganzen Wahrheit heraus. „Ich habe noch weitere Beweise vorzulegen“, sagt Legassow mit zitternder Stimme, nachdem der einschüchternde Staatsanwalt, gespielt von Michael McElhatton, der übrigens nur einer von erstaunlich vielen Game of Thrones-Alumni in der Serie ist, längst genug gehört hat. Er ist der eigentliche Richter im Raum, womit über das sowjetische Justizsystem schon alles gesagt sein sollte, und er hat die Schuldigen längst ausgemacht: Anatoli Djatlow (Paul Ritter), Viktor Bryukhanov (Con O'Neill) und Nikolai Fomin (Adrian Rawlins).

Sie trugen die Verantwortung in Tschernobyl und haben mit ihrem Enron-artigen Führungsstil maßgeblich zur Katastrophe beigetragen, besonders Djatlow, der seinen Untergebenen Befehle gab, die diese klar als falsch erkannten. Hier sind wir wieder bei der Frage, ob man nun ein Held ist, wenn man Befehle befolgt oder ihnen widerspricht. In diesem Fall würden die meisten wohl fürs Widersprechen plädieren, doch wäre man im Umkehrschluss gleich ein Feigling, wenn man nicht den Mut aufbringen kann, gegen das System zu rebellieren? Vermutlich wäre man nur ein ganz normaler Mensch...

Legassow ist, zumindest in der Serie Chernobyl, aber kein normaler Mensch, denn er findet den Mut und spricht auch dann noch, als besagter Staatsanwalt ihm den Mund verbietet. Unterstützung kriegt er von Boris Shcherbina (Stellan Skarsgard), dem offiziellen Krisenmanager von Tschernobyl, der anfangs genauso ignorant ist wie alle anderen Staatsmänner, im Lauf der Zeit jedoch eine innige Männerfreundschaft zu und somit endloses Vertrauen für Legassow entwickelt.

In der zweiten herausstechenden Pathosszene dieser Serie, die genau wie die des Kohleministers aber ebenfalls sehr geschmackvoll bleibt, wird Genosse Shcherbina sogar zum wichtigsten Helden von allen gekürt. Er hatte als Einziger den Mut, zuzuhören und einzusehen, dass er als einfacher Handwerker, der nur dank des sozialistischen Gleichheitsprinzips zu einem derart wichtigen Entscheidungsträger werden konnte, in manchen Bereichen lieber auf das Urteil von Experten wie Legassow vertrauen sollte. „Aus all den Ministern und all den Abgeordneten der gesamten Gemeinschaft von gehorsamen Narren haben sie versehentlich den einen guten Mann geschickt.

So rührend diese letzte Unterhaltung von Legassow und Shcherbina auch sein mag, wissen wir alle, dass eigentlich jemand anders die Lorbeeren verdient hat: eine Figur namens Ulana Khomyuk (Emily Watson). Sie ist die Sherron Watkins von Chernobyl. Und im Gegensatz zu den beiden Herren ist ihr Charakter völlig frei erfunden und repräsentiert stattdessen all die namenlosen Männer und Frauen, die trotz drohender Strafen unermüdlich an der Aufdeckung der Wahrheit über Tschernobyl geforscht haben, an der Aufdeckung der ganzen Wahrheit.

Khomyuk ist es auch, die Legassow kurz vor der Verhandlung den entscheidenden Anstoß gibt, Rückgrat zu zeigen und die eigentlichen Verbrecher, also die Politiker, die weit über den Sündenböcken Djatlow, Bryukhanov und Fomin stehen, zur Rechenschaft zu ziehen. Oder zumindest öffentlich anzukreiden, auch, wenn das ein Leben hinter Gittern für den Wissenschaftler und Kronzeugen bedeuten würde oder vielleicht sogar den Tod...

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Ausschnitt aus Chernobyl: Die Unschuldigen leiden am meisten...
Ausschnitt aus Chernobyl: Die Unschuldigen leiden am meisten... - © HBO/Sky

Unsagbare Schrecken

Weder Shcherbina noch Legassow werden den Untergang der UdSSR noch erleben. Shcherbina darf nach Tschernobyl noch ein paar Krisen managen, bevor er im August 1990 im Alter von 70 Jahren stirbt. Legassow wird nicht hingerichtet, ist aber nach dem Prozess kein freier Mann mehr. In einem letzten noblen Akt entlastet er seine Kollegen und gibt an, seine öffentliche Blamage des sowjetischen Staates alleine zu verantworten. Exakt zwei Jahre nach der Explosion des Reaktors Nummer vier des Kernkraftwerks Tschernobyl nimmt sich Legassow schließlich das Leben.

Schlechtere Serien hätten dies als letzten großen Twist inszeniert, während Chernobyl dieses tatsächlich genau so stattgefundene Ereignis schon gleich am Anfang andeutet. In 13 Reasons Why-Manier hinterlässt Legassow vor seinem Suizid noch diverse Tonbänder, in denen er seine Vorwürfe gegen die hochrangigen Beamten, die bis heute allesamt unbestraft blieben, noch einmal untermauert. Laut Mazin machten ebenjene Aufzeichnungen erst aufgrund von Legassows Selbstmord, dem wohl drastischsten Zeichen des Protests, in sowjetischen Wissenschaftlerkreisen irgendwann die Runde.

Bis heute bleibt Tschernobyl eines der schlimmsten Verbrechen, das sich die Menschheit je selbst zugefügt hat. Auch das will Mazin mit seiner Serie klarstellen: Nicht die Atomkraft ist schuld an der Katastrophe, nicht die Wissenschaft, nein, es waren die Menschen, die nicht verantwortungsvoll genug mit der gefährlichen Technologie umgegangen sind.

Gorbatschow soll im Rückblick einst gesagt haben, dass Tschernobyl der wahre Grund für den Untergang der UdSSR gewesen sei. Vielleicht auch nur, um denjenigen Landsleuten Paroli zu bieten, die seine Reformprogramme Glasnost und Perestroika als Auslöser betrachten, für die er im Westen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. In meinen Augen war Tschernobyl aber wieder nur als Synonym für die Last der systematischen Lügen der Grund für das Ende des Imperiums, das in seiner Hochzeit immerhin den ersten Mensch ins Weltall beförderte. Das eigentliche Tschernobyl war nur ein Symptom.

Das soll aber keinesfalls bedeuten, dass das Leid von Tschernobyl unbedeutend wäre. Bei allem, was ich über die Miniserie bislang gesagt habe, darf eines auf keinen Fall vergessen werden: die unsagbaren Schrecken dieser Katastrophe. Hierbei kommt schließlich der Regisseur Johan Renck zurück ins Spiel, der mit seiner brutalen Umsetzung selbst die meisten Gruselfilme in den Schatten stellt. Das bestätigen sogar die Horrorfürsten John Carpenter und Stephen King...

Man denke nur an das Ende der zweiten Episode zurück, die den Titel Please Remain Calm (1x02) trägt: Drei todesmutige Taucher dringen in das Innerste des explodierten Reaktors vor. Und selbst, als ihre Taschenlampen erlöschen, machen sie einfach weiter. Sie sind ohne Frage Helden, denn so verrückt ihr Befehl auch sein mag, tun sie das, was sie tun in dem Glauben, etwas Gutes zu bewirken, statt wissentlich einen Super-GAU zu fabrizieren wie die Männer im Kontrollzentrum.

Doch damit nicht genug: Auch das Leid der Tierwelt lässt uns Renck nicht erspart. Eines der grausamsten Details der ganzen Serie liegt in der Routine, mit der einer der zahlreichen „freiwilligen“ Helfer vor Ort, die man auch als Liquidatoren bezeichnete, atomar verseuchte Hunde ausfindig macht und umbringt. Die Bürger von Prypjat mussten ihre Vierbeiner bei der Evakuierung zurücklassen, obwohl sie da noch nicht wussten, dass sie nie wieder nachhause zurückkehren würden.

Die grenzwertigsten Horrorszenen gelten dem Ehepaar Lyudmilla (Jessie Buckley) und Vasily Ignatenko (Adam Nagaitis). Er war in der Nacht der Explosion als Feuerwehrmann direkt am Reaktor im Einsatz. Ihn und seine tapferen Kollegen erwartet der schlimmste Tod. Die Strahlung verbrennt seinen Körper regelrecht von innen. Irgendwann platzen sogar seine Adern, sodass die völlig überforderten Mediziner seine Schmerzen nicht mal mehr mit Morphium behandeln können.

Neben der isländischen Komponistin Hildur Gudnadóttir - die für den innovativen Soundtrack der Serie verantwortlich ist, der beispielsweise die Geräusche von Geigerzählern imitiert - ist der Make-up-Artist Daniel Parker wohl der heimliche MVP der Produktion. Seine albtraumauslösenden Masken der Strahlungsopfer lassen sogar The Walking Dead alt aussehen. Im Podcast berichtet Mazin jedoch, dass man trotzdem versucht habe, den Bogen nicht zu überspannen.

Der Grund, warum Tschernobyl so gruselig ist und auch heute noch eine solche Wirkung auf uns alle hat, liegt nicht in Bildern von Verbrennungsopfern. Es ist gerade die Unsichtbarkeit der Gefahr, die sie beängstigend macht. Vampire, Werwölfe und Zombies wirken einfach lächerlich im Vergleich zu diesem realen Horror, so selten er zum Glück auch auftreten mag.

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Ausschnitt aus Chernobyl: Die Absurdität des Tragischen...
Ausschnitt aus Chernobyl: Die Absurdität des Tragischen... - © HBO/Sky

Das große Land der Bitterkeit

Wenn ein Ort auf dieser Welt ohnehin genug Leid erlebt hat, dann Tschernobyl. Tyrannen wie Hitler, Stalin und Napoleon legten die ukrainische Region an der Grenze zu Weißrussland immer wieder in Schutt und Asche, bis der Super-GAU sie 1986 endgültig beziehungsweise für tausende Jahre unbewohnbar machte. Teilweise wirkt Rencks Regie schon zynisch, wenn er beispielsweise ein sowjetisches Banner inmitten der verseuchten Sperrzone zeigt, auf dem der Slogan „For the Happiness of All Mankind“ geschrieben steht (übrigens auch der Titel der vierten Episode).

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Dennoch versuchen sich die Serienmacher auf eindrucksvolle Art und Weise in den Schmerz der Opfer einzufühlen. Mazin gelingt das nicht zuletzt durch den Rückgriff auf ein Gedicht von Konstantin Simonow, der vom „großen Land der Bitterkeit“ spricht, für dessen Verteidigung er und seine Brüder und Schwestern geboren worden seien. Die Opferbereitschaft all jener, die Tschernobyl ihre Heimat nannten, verdient unendlich große Anerkennung. Doch, wie uns der Abspann der Serie klarmacht, wurde der Gerechtigkeit niemals genüge getan.

Die UdSSR, die eben immer eine Diktatur war, angeführt von egoistischen Oligarchen, die sich als Männer des Volkes stilisierten und jeden Gedanken der Freiheit mit Gewalt vernichteten, hat die offiziellen Opferzahlen nie auf mehr als 31 Tote beziffert. Die genauen Zahlen sind natürlich unmöglich herausfinden - zumal der Schaden, den Tschernobyl angerichtet hat, auch heute noch vererbt wird -, doch zu sehen, wie die Statistiken so schamlos beschönigt wurden, ist einfach unerträglich.

Aber noch unerträglicher ist vielleicht folgender Gedanke: Tschernobyl hätte zwar auch in vielen anderen Ländern stattfinden können - eben überall dort, wo Menschen mit Macht nicht zum Wohle aller Menschen („For All Mankind“) entscheiden, sondern aus Egoismus -, doch unter Kontrolle gebracht werden können hätte die Katastrophe wohl nur in einem Land wie der UdSSR, wo einzelne Menschenleben überhaupt keinen Wert hatten und nur das große Ganze wichtig war.

Selbst der uns sympathische Waleri Legassow schickt in Chernobyl zahlreiche Männer in den Tod, ohne überhaupt zu wissen, dass ihr Opfer am Ende einen Unterschied macht. Der Tunnel, den die Kohlekumpel graben, wird zum Beispiel nie benötigt und trotzdem starb später jeder vierte Mann, der an diesem Himmelfahrtskommando beteiligt war.

Warum sollten wir uns um etwas Sorgen machen, was sowieso nicht passiert?“, fragt einer der vielen austauschbaren KGB-Offiziere, die sinnbildlich für die wahren Täter in der Serie stehen, Legassow in der letzten Szene dieser so eindrucksvollen Miniserie. Legassow erwidert fast belustigt: „Genau das sollten wir auf unser Geld drucken, Genosse.

Kürzlich kam aus dem Kreml, wo heutzutage erneut ein gefährlicher Despot residiert, der den Menschen in der Ukraine seit einigen Jahren wieder Leid zufügt, die Nachricht, dass Russland seine eigene Version der Geschichte aufbereitet hat. Die Produzenten haben dabei eine unsägliche Verschwörungstheorie beleuchtet, wonach CIA-Spione das Kraftwerk heimlich manipuliert und so die Kernschmelze verursacht hätten (wir bericheten).

Vielleicht sind wir Menschen gar nicht in der Lage, aus fremden Fehlern zu lernen, da wir niemals glauben, dass wir selbst von schlimmen Ereignissen betroffen sein könnten. Skarsgards Shcherbina stellt diese Theorie zumindest in den Raum, kurz bevor er seinem Freund Legassow enthüllt, dass die Strahlung auch ihn todkrank gemacht hat.

Diejenigen, die selbst nach dem Schauen von Chernobyl noch bezweifeln, dass sie in dieselbe Falle tappen würden, können sich zum Abschluss ja mal fragen, ob sie beispielsweise glauben, dass sie die globale Erwärmung ernst genug nehmen. Wer weiß, vielleicht wird der von Menschen gemachte Klimawandel irgendwann das letzte große Tschernobyl sein...

Wer übrigens jetzt schon über den ersten Rewatch nachdenkt, kann sich stattdessen hier alle Drehbücher herunterladen.

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Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 9. Juni 2019
Episode
Staffel 1, Episode 5
(Chernobyl 1x05)
Titel der Episode im Original
Vichnaya Pamyat
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 3. Juni 2019 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 11. Juni 2019
Autor
Craig Mazin
Regisseur
Johan Renck

Schauspieler in der Episode Chernobyl 1x05

Darsteller
Rolle
Jared Harris
Stellan Skarsgard

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