Chabos 1x01

Chabos 1x01

Mit „Chabos“ widmet sich ZDFneo den wilden 2000erJahren und trifft mit witzigen Zeitsprüngen und Johannes Kienast als Star den Nerv der Zeit.

Die vier „Chabos“: Alba (Loran Alhasan), Peppi (Nico Marischka), Gollum (Arsseni Bultmann) und PD (Jonathan Kriener) und Mascha (Arina Prass).
Die vier „Chabos“: Alba (Loran Alhasan), Peppi (Nico Marischka), Gollum (Arsseni Bultmann) und PD (Jonathan Kriener) und Mascha (Arina Prass).
© ZDFneo, ZDF, Nikolaus Schreiber

Das passiert in „Chabos“

Peppi ist in Chabos 36 Jahre alt und nicht gerade zufrieden mit seinem Leben. Er hasst seinen Job, kann sich auf keine feste Beziehung einlassen und zu allem Überfluss hat seine neue Freundin gerade eben mit ihm Schluss gemacht. Als wäre das nicht schlimm genug, erfährt er auch noch, dass er als Einziger nicht zum Jubiläumsklassentreffen eingeladen ist. Kurzerhand entschließt er sich, von Berlin in seine alte Heimat Duisburg aufzubrechen. Dort angekommen erinnert er sich wehmütig an die gute alte Zeit und ruft dabei Erlebnisse wach, die lange verschüttet waren...

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Mal was Neues

Serien, die auf den Nostalgiefaktor setzen und die 80er Jahre thematisieren, gibt es reichlich und satt. Wer TV-technisch ein wenig in Erinnerungen über die 90er schwelgen möchte hat es da schon schwerer. Beinahe unmöglich wird so ein Vorhaben, wenn man zur Altersgruppe der Millennials gehört und in den 2000ern aufwuchs. ZDFneo hat diese Lücke richtig erkannt und nimmt sich mit „Chabos“ den Zeiten an, in denen Hip-Hop, CDs sowie DVDs in waren und Tokio Hotel, Texas Lightning und Shakira die Charts beherrschten.

Als Aufhänger für die Erzählung nutzen die Serienerfinder und Showrunner Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch den von Johannes Kienast leichtfüßig aber doch melancholisch gespielten 36-jährigen Peppi. Aufgewachsen in einem Duisburger Vorort besuchte er eine Gesamtschule, an der das pure Adrenalin und Testosteron nur so aus den Jungs in seiner Clique herausströmte. Heute ist er ein desillusionierter Millennial, der weder in sich noch in seiner Umwelt ruht. Familienplanung liegt ihm nicht, sein Job langweilt ihn und andere Menschen sind nur wichtig, wenn sie ihm irgendwie nützlich sind. Peppis Leben als rastloser Single dreht sich also nur um sich selbst.

Ein typischer Millennial?

Das, was er „Selbstverwirklichung“ nennt, ist in Wirklichkeit ein einsames Leben ohne Nähe, das von einem Feierabendbier, Nikotin und einem schnellen Auto geprägt wird. Erreicht Peppi damit die vom Drehbuch- und Autorenduo Khaet/Paatzsch gesteckten Ziele, einen „typischen“ Millennial zu porträtieren? Um der Wahrheit die Ehre zu geben wohl eher nicht. Sicherlich gibt es Menschen wie Peppi, doch die gab es in ähnlicher Form schon immer. Männer, die mit Sprüchen wie „Ein ganzer Kerl weint nicht und wehrt sich“ aufgewachsen sind und denen ein gewisses Maß an Sexismus und Gewaltbereitschaft anerzogen wurde, sind kein explizites Attribut der 2000er Jahre. Von dieser Seite aus betrachtet arbeitet die Serie mehr mit alt hergebrachten als mit zeittypischen Männerklischees.

Dieses Manko kann man „Chabos“ durchaus vorwerfen, muss es aber nicht, weil es der Produktion ansonsten sehr unterhaltsam gelingt, die Atmosphäre der anvisierten Ära einzufangen. Als großer Bonus erweist sich dabei Johannes Kienast, der seinem Protagonisten eine große Portion Zynismus, Möchtegern-Coolness und Unsicherheit verleiht. Nach außen ist der 36-Jährige ein cooler Typ, den nichts aus der Bahn werfen kann.

Viele seiner Verhaltensweisen gehen aber, wie wir in den für die Erzählung erforderlichen Rückblenden erfahren, auf eine Jugend zurück, die von einem teils toxischen Männer- und Frauenbild geprägt waren. Das macht Peppi stellenweise sogar zu einer tragischen Figur. In verkrusteten Strukturen und Konventionen gefangen, ist er nicht in der Lage, sich aus ihnen zu befreien und neue Wege auszuprobieren, die vielleicht zu einem echten Lebensglück führen könnten.

Peppi

Szenenfoto aus der Serie „Chabos“
Szenenfoto aus der Serie „Chabos“ - © ZDF und Nikolaus Schreiber

Peppi dient indes nicht nur als Hauptfigur, er führt uns kommentierend sowohl durch die Gegenwart als auch von ihm verklärte Erinnerungen, die aber offensichtlich in Wahrheit oft nicht halb so gut waren, wie er es in Sätzen wie „Eine geile Zeit war das“ darstellt. Er idealisiert, verklärt und glorifiziert sogar Ereignisse.

Genau daraus bezieht „Chabos“ allerdings seinen auf Kontrastierung setzenden Humor. Peppi berichtet beispielsweise über eine heiße Nacht in der Großraum-Disco, die aber damit endete, dass ihr Kumpel Alba keinen Eintritt erhielt, weil er Ausländer ist. Das lustige Vorglühen mit Wodka und Red Bull mündete schließlich nach einem Rauswurf aus dem Kino, in dem die Teenagergruppe mit gefälschten Ausweisen Eintrittskarten für „Saw II“ kauften, vor dem Computer. Der von „Gollum“ in mehr als zwei Stunden heruntergeladene Film läuft vor sich hin, während die Kids schlafen und das Modem unbarmherzig Einheiten sammelt.

Das Klassentreffen

Es ist witzig mit anzusehen, wie oft Erinnerungen und Realität auseinanderklaffen und knochentrocken von Peppi kommentiert werden. Das große Erwachen aus der Erwachsenenträumerei beginnt indes, als er von einem Klassentreffen erfährt, zu dem er als einziger nicht eingeladen wurde. Tief getroffen macht er sich von seinem Wohnort Berlin aus auf den Weg nach Duisburg und trifft dort angekommen unvermittelt auf seinen alten Schulfreund PD (David Schütter, dem sein als Jugendlicher an dem schwachen „Gollum“ (Max Mauff/Arsseni Blutman) ausgelebter Sadismus nun ausgerechnet als Streifenpolizist nützlich ist.

Das Wiedersehen der beiden ist urkomisch in Szene gesetzt und passt bestens zum Gute-Laune-Level der Serie, obwohl der melodramatische Teil ebenfalls nicht zu kurz kommt. Daher ist die durch das ZDF vorgenommene Genre-Klassifizierung Comedy auch zumindest teilweise irreführend. Tatsächlich haben wir es mit einer handfesten Dramedy zu tun, in der komödiantische Elemente zwar eine große Rolle spielen, die innere Unruhe und Leere von Peppi aber ebenfalls stark im Fokus der Pilotfolge steht.

Fazit

Mir hat die Pilotfolge von „Chabos“ gut gefallen, wenn mir persönlich die verwendeten Klischierungen auch zu wenig zeitspezifisch sind. Toxische Männlichkeit ist kein Phänomen der 2000er Jahre, sondern eines, mit dem die Menschheit wahrscheinlich seit Anbeginn ihrer Existenz zu kämpfen hat.

Mobbing, gefälschte Ausweise, um Einlass in eine Disco zu bekommen - all das mag sich in den Erinnerungen des Autoren-Duos festgesetzt haben, doch auch das sind Themen, die die heutigen Millennials nicht weniger geprägt haben als die auf die Boomer folgende Generation X. Dies ist bitte aber nur als kleines Manko zu verstehen, denn ansonsten gelingt es der Serie punktgenau in die anvisierte Zeit einzuschwenken. Die Pilotfolge beschwört jedenfalls ein Feeling herauf, wie man es nur als junger Mensch erleben kann und das sich in Form von schönen, gerne von Zeit zu Zeit hervorgekramten Erinnerungen manifestiert.

Wir verteilen daher vier von fünf Trinkspiele.

Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 22. August 2025

Chabos 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Chabos 1x01)
Titel der Episode im Original
Hinein ins Weekend Feeling
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 22. August 2025 (ZDF)
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Freitag, 22. August 2025
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 22. August 2025
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 22. August 2025

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