Cassandra 1x01

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Das passiert in der Pilotfolge der Serie „Cassandra“
David (Michael Klammer), Samira (Mina Tander) und ihre Kinder Fynn (Joshua Kantara) und Juno (Mary Tölle) sind in Cassandra gerade in ein kleines Dorf gezogen, um den Suizid von Samiras Schwester zu verarbeiten. Das von ihnen gekaufte Haus entpuppt sich bald als Smarthome-Relikt aus den 70er Jahren.
Wider Erwarten gelingt es Fynn, den alten Server in Gang zu setzen und das System zu aktiveren. Und nun erwacht auch Cassandra, der intelligente Hausroboter und gute Geist ihres neuen Heims. Kurz darauf stellt sich jedoch heraus, dass Cassandra mehr ist, als sie ihren Besitzern vorgaukelt und schon bald wird die Situation für alle bedrohlich...
Denkende und fühlende Roboter: ein Schreckensszenario
Für das Szenario von Supercomputern, die für ihre Anwender bestimmte Aufgaben übernehmen - also zum Beispiel einen Haushalt führen - nennt die Medienwissenschaftlerin Dr. Rebecca Haar in ihrem lesenswerten Buch „Kann der Bordcomputer denken?“ im Wesentlichen zwei mögliche Narrative.
Erstens übergibt eine hochtechnologisierte Gesellschaft freiwillig Aufgaben an eine künstliche Intelligenz, wobei sie sich scheinbar über die möglichen Gefahren bewusst ist, aber dennoch von den folgenden schwerwiegenden Konsequenzen überrascht wird. Die zweite Option besteht in der Gestaltung des Alltags durch Computer, wobei der Beginn des Verantwortungsverlusts zumindest teilweise so lange in der Vergangenheit liegt, dass sich niemand mehr daran erinnert.
Auf die deutsche Sci-Fi-Thrillerserie „Cassandra“ trifft eindeutig das erste Narrativ zu. Mit anderen Worten ist die von Drehbuch-Autor und Regisseur Benjamin Gutsche erdachte Prämisse also nicht ganz neu. Das schmälert allerdings weder die Spannung als solches noch die Art und Weise, wie Gutsche das Format präsentiert.
Schon in der Eröffnungssequenz wird nämlich sehr deutlich, dass wir es hier mit einer wahren Horrorvorstellung zu tun bekommen, die die Philosophen und Soziologen Barry Dainton, Will Slocombe und Attila Tanyi kürzlich in einem hochspannenden Fragenkatalog zusammengefasst haben. Falls künstliche Intelligenzen irgendwann intelligenter als Menschen sind und vielleicht sogar ein Bewusstsein entwickeln, wie gehen wir dann mit ihnen um?
Welche Art von Beziehung entwickeln wir zu unseren von Menschenhand konstruierten Mitbewohnern? Sollten wir ihre Existenz begrüßen oder müssen wir uns gar davor fürchten, dass KIs irgendwann die Welt übernehmen? Das sind die Fragen, die in dieser ebenso
spannend wie interessant gemachten Serie - ausgehend von der Pilotfolge - mitschwingen und deshalb einführend hier erwähnt werden.
Als Ausgangsbasis dient dafür ein alternativ historischer Ansatz, der auf den seit 1973 tatsächlich gebräuchlichen SPS-Zentralrechnern zur Steuerung der Peripherie von Häusern basiert, diesen aber mit einer hochentwickelten künstlichen Intelligenz verknüpft, wie es sie hoffentlich niemals geben wird.
Das ist recht pfiffig, da die Serie so einerseits mit der derzeit beliebten Retro-Welle der 70er- und 80er-Jahren spielen kann, in die eine moderne Familie mehr oder weniger freiwillig hineingeworfen wird. Andererseits ist da aber auch Cassandra, der Hausroboter und gute Geist, der sich schnell als äußerst bedrohliche Entität entpuppt.
Denn Cassandra ist mehr als nur ein Roboter. Sie ist bestimmend, intrigant, eifersüchtig, rücksichtslos und offensichtlich mörderisch. Darüber hinaus ist sie aber noch etwas anderes: emotional - und hier beginnt das große Dilemma, das David, Samira und ihre Kinder in Gefahr bringen wird...
Der Aufbau
Erzählerisch kommt „Cassandra“ dabei sehr schnell zur Sache, wie wir oben bereits andeuteten. Die Debütepisode beginnt mit einem jungen Mann der 70er, der nachts im Auto seines Weges fährt und plötzlich einen schwer verunfallten Wagen erblickt. Der Fahrer wurde durch die Windschutzscheibe geschleudert und ist tot. Doch auf den Rücksitzen befinden sich noch seine Frau und das gemeinsame Kind, die es nun zu retten gilt.
Doch kaum aus dem rauchenden Wrack befreit, zeigt sich, dass die Verletzte große Angst hat. Ein spannungsvoller Kameraschwenk in die Dunkelheit verrät uns auch, wovor. Ein paar Meter neben dem zerstörten Fahrzeug steht ein Roboter. Die Worte „sie ist hier“ komplettieren das beklemmende Gefühl, mit dem wir in die Geschichte einsteigen.
Nach dem Cold Open geht es im ersten Akt erst einmal ruhiger zu. Wir lernen die Figuren kennen, erkunden mit ihnen ihre neue Umgebung und erfahren in kurzen, aber prägnant geschriebenen Dialogen etwas über ihre Motivation. Das geht recht schnell von der Hand und ist daher auch keineswegs langweilig.
Noch in der Einführungsphase lassen sich allerdings einige bemerkenswerte Details erfassen, die auch dem Jugendlichen Fynn und seiner kleinen Schwester Juno auffallen. Überall befinden sich fernsehartige Bildschirme, die - wie wir nun lernen - zum ersten echten Smarthome gehören, welches 50 Jahre zuvor erbaut wurde. Der Gedanke, dass es sich um das Heim der im Auftakt zu sehenden, unglücklichen Familie handelt, drängt sich spätestens in diesem Moment geradezu auf, vor allem, als Juno Cassandras körperliche Inkarnation entdeckt und David begeistert vor dem hübsch Retro-mäßigen Server im Stile eines Supercomputers steht.
Leider funktioniert das Teil nicht mehr, also legt der junge Hobbybastler Hand an und setzt damit brandgefährliche Ereignisse in Gang. Cassandra erwacht und stellt sich zunächst als besagter guter Geist des Hauses vor, der den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern jeden Wunsch von den Augen ablesen wird. Als Zuschauender wissen wir indes natürlich mehr als die Protagonisten und können nur tatenlos dabei zusehen, wie sich die Familie einwickeln lässt. Über all diesen scheinbar harmlosen Augenblicken schwebt allerdings ein unheilvolles Bedrohungsmoment, das sowohl narrativ als auch audiovisuell gut zu unterhalten weiß.
Wenn Cassandra etwa Fynn mit einer Karaoke-Session zum Rosenberg-Schlager „Er gehört zu mir“ unterhält, ist das an sich putzig, doch schon im nächsten Moment erfahren wir, warum die künstliche Intelligenz das tut. Mit einem einzigen Satz gelingt es, das Mädchen gegen ihre Eltern und diese gegeneinander auszuspielen - eine tolle Idee.
Ihr gehört zu mir

Schon vorher ist zudem klar geworden, dass die Roboterdame keinerlei Empathie oder Rücksichtnahme kennt. Im Gegenteil ist sie brutal und richtiggehend kaltblütig. Eine kleine Maus, die sich an den Swimmingpool verirrt hat, überfährt sie einfach und behauptet hinterher, das Tier wäre aufgrund seines Alters verendet. Während des Rasenmähens trifft sie mit ihren Messern einen Stein, der durch das Fenster fliegt und Samira trifft. Handelt es sich um Absicht? Oder fehlt dem System etwa eine Sicherheitsvorkehrung in Form der drei Asimov'schen Gesetze?
Wie dem auch sei, es läuft alles darauf hinaus, dass Cassandra sich des kleinen Fynns bemächtigen möchte, um nicht allein sein zu müssen. Außerdem wird deutlich, dass sie eben sehr wohl Emotionen wie Eifersucht und Wut empfinden kann, was die Familie in der letzten Szene der Pilotfolge dann auch in große Gefahr bringen wird...
Der kleine Cliffhanger fördert den Wunsch, weiterzuschauen, ist nicht zu lang und nicht zu spektakulär. Das ist in diesem Fall auch nicht nötig, da die Episode die Bedrohung und den Spannungsbogen über die rund 45 Minuten Laufzeit kontinuierlich aufgebaut hat und damit bereits deutlich zum Ausdruck bringt, dass die Angst bald schon das Leben der Menschen in diesem Horrorhaus bestimmen wird.
Fazit
Mir hat die Pilotfolge zu „Cassandra“ gut gefallen. Das Szenario ist trotz des alternativ-realen Ansatzes irgendwie erschreckend realistisch, das Retro-Feeling greift gut, die schauspielerischen Leistungen gehen voll in Ordnung und audiovisuell muss sich die Serie nichts vorwerfen lassen.
Die Bühnenbildner und Requisiteure haben viel Liebe zum Detail in das Schreckenssmarthome gesteckt, um uns einerseits zurück in die 70er Jahre zu versetzen, ohne uns aber andererseits vergessen zu lassen, dass die Serie in den 2020ern spielt.
Die Erzählung weist keine großen Längen auf. Lediglich Davids erster Schultag fällt ein wenig aus dem Rahmen und ist eher uninteressant, zumal wir nichts entscheidend Neues über ihn erfahren. Doch das ist Meckern auf hohem Niveau. Ich freue mich jedenfalls auf Episode zwei.
Wir verteilen daher zunächst vier von fünf Bildschirmen.
Verfasser: Reinhard Prahl am Donnerstag, 6. Februar 2025Cassandra 1x01 Trailer
(Cassandra 1x01)
Schauspieler in der Episode Cassandra 1x01
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