Bull 1x01

Bull 1x01

CBS schickt diesen Herbst NCIS-Urgestein Michael Weatherly mit der neuen Serie Bull an den Start. In dieser widmet sich der Titelheld mit einem Team den psychologischen Aspekten eines Gerichtsverfahrens. Die Pilotepisode ödet jedoch größtenteils an und wirkt mitunter extrem unglaubwürdig.

„Bull“ mit Michael Weatherly / (c) CBS
„Bull“ mit Michael Weatherly / (c) CBS

Der Name Dr. Phil dürfte auch hierzulande vielen Leuten ein Begriff sein. Der Fernsehpsychologe hat sich mit der Ausübung seiner Berufung vor einem Live-Publikum einst eine goldene Nase verdient und erfreut sich auch heute noch großer Bekanntheit und Beliebtheit. Gemeinsam mit Paul Attanasio (House) hat sich Phillip McGraw nun als Serienschöpfer probiert und das Law-Drama Bull aus dem Boden gestampft (unter anderem mit der fleißigen Hilfe von Steven Spielbergs Produktionshaus Amblin Television), das Bezug auf das frühe Leben des Psychologen nimmt.

Der aus NCIS bekannte Michael Weatherly, seit diesem Jahr nicht mehr Teil des langlebigen CBS-Crime Procedurals, schlüpft dabei in die Hauptrolle des Psychologen Dr. Jason Bull, der etwas andere Lösungsvorschläge für verzwickte Gerichtsverfahren und Anklagen anbietet. Zusammen mit seinen Mitarbeitern evaluiert er zum Beispiel Jurymitglieder und führt Testanhörungen durch, um den Verlauf des eigentlich Verfahrens zu Gunsten seiner Klienten zu lenken und zu manipulieren. Dass Bull dabei der Beste seines Faches, unfehlbar und schrecklich allwissend ist, versteht sich von selbst.

Trial science

Tatsächlich spielen bei Gerichstverhandlungen in den USA „weiche“ Faktoren keine unwesentliche Rolle bei der Verurteilung oder eben Freisprechung durch eine Jury. Wie sieht der soziale oder ethnische Hintergrund des Angeklagten aus, wie verhält er oder sie sich während der Anhörung, welches Bild zeichnen die Medien von dem mutmaßlichen Straftäter und so weiter und so fort. Uninteressant ist es also nicht, wenn sich eine Serie einmal etwas genauer der Frage widmet, was uns dazu verleitet, ein Urteil zu fällen und wie wir beeinflusst werden können, um eine bestimmte Entscheidung zu treffen.

Calling the shots

Leider wird in Bull aus einer ordentlichen Grundprämisse herzlich wenig gemacht, wobei so einiges in der Pilotepisode passiert. Anstelle aber etwas subtiler die emotionale, nicht immer rationale Seite des amerikanischen Justizsystems zu beleuchten, geht man extrem oberflächlich vor und versteift sich geradezu darauf, dass einfache Küchenpsychologie der Weg zum Erfolg angesichts einer Anklage ist. So wird in dem hier vorliegenden Fall (ein 18-Jähriger wird angeklagt, eine junge Frau ermordet zu haben) zum Beispiel nicht einmal auf echte Fakten oder stichhaltige Beweise verwiesen. Nein, es reicht die Manipulation der Geschworenen und vorgeladenen Zeugen sowie das unrechtmäßige Ausspionieren amerikanischer Bürger, die eh nur Schachfiguren auf dem Spielbrett des lässig-charmanten, immer eine Antwort auf jede Frage habenden Dr. Bull sind.

Der gesamte Prozess, den wir in der Pilotepisode präsentiert bekommen, wirft unzählige Fragen auf, was nur wenig zur Glaubwürdigkeit der Serie beiträgt. Man nehme zum Beispiel nur den eigentlichen Star-Anwalt des angeklagten 18-Jährigen, der nach eigenen Aussagen hochdekoriert und ungemein erfahren ist, aber dennoch in ein Fettnäpfchen nach dem anderen tritt und schnell zu einem furchtbar schlechten sowie naiven Rechtsvertreter avanciert. Warum das Ganze? Damit Bull glänzen, den piekfeinen Anwalt vorführen und uns ein paar seiner besten Weisheiten in der Manipulation von Menschen und das Offenlegen ihrer Psyche um die Ohren hauen kann.

© CBS
© CBS

Conman

Michael Weatherly macht sich ja nicht schlecht als smarter Charmebolzen mit exzellenten Timing, doch die gesamte Einführung und Etablierung seiner Figur kann einem den letzten Nerv rauben. Teilweise stellen diverse unwichtige Nebenfiguren nur noch offensichtlich einfache Fragen, die mit gekonntem Lächeln und Leichtigkeit von Jason Bull beantwortet werden, am besten noch mit einem frechen one-liner zum Abschluss garniert. Erkennt man einmal dieses sehr simple Schema der Exposition, macht sich ratzfatz Langeweile breit, die bis zum Ende der Episode nicht wirklich wieder weichen will. Weatherly beziehungsweise Bull ist die Hauptattraktion. Alles andere wird diesem Charakter gnadenlos untergeordnet.

Es ist mitunter sehr frustrierend, wie leicht es sich die Autoren bei der Einführung ihrer übermächtigen Hauptfigur machen, die natürlich zum Abschluss der Auftaktfolge etwas geerdert werden muss. Ein Dasein als Puppenspieler, der die Psyche von Menschen zu seinem Vorteil benutzen kann, ist alles andere als erfüllend. Das schreit geradezu nach einer dramatischen, persönlichen Hintergrundgeschichte, die uns im Laufe der ersten Staffel sicherlich noch serviert werden wird und Dr. Bull letztlich ein wenig die Augen öffnet.

The system is rigged

Bis es so weit ist, dürfen wir Zuschauer uns noch etwas länger darüber wundern, wie egal es anscheinend jedem ist, dass eine ehemalige Homeland Security-Angestellte sich durch die privaten Daten und Leben von auserwählten Geschworenen wühlt, ohne dabei auch nur einen Anflug von schlechtem Gewissen zu zeigen. Die moralische Komponente der Arbeit von Bulls Firma wird mit Sicherheit noch thematisiert werden, dass dieser Aspekt in der Pilotepisode aber so gut wie komplett ausgeblendet wird, mutet schon arg eigenartig an. Dafür wird uns aber ein ereignisreicher Gerichtsprozess aufgetischt, in dem ein paar deftige Wendungen nicht fehlen dürfen (der Vater des angeklagten 18-Jährigen wird sogar niedergeschossen, um des Dramas Willen), um uns bei der Stange zu halten.

The boss

Nach einem zugegeben recht emotionalen Outing des Angeklagten und dessen Freispruch hat Bull mit seinen Methoden den Tag gerettet. Und im Handumdrehen wird dann noch die eigentlich Mörderin gefasst, Bull sei Dank. Bei dieser handelt es sich im Übrigen um die Mutter der ebenfalls kurz unter Verdacht stehenden, heillos in den Angeklagten verliebten Freundin desselbigen. Der Mann der Täterin befand sich darüber hinaus in einer homosexuellen Beziehung mit dem Angeklagten, falls es zu diesem Zeitpunkt noch jemanden interessiert. All diese Entwicklungen sind nicht nur extrem absehbar, sie sind auch anstrengend, weil es anscheinend nichts zu geben scheint, was unser Titelheld nicht kann.

Letztlich möchten uns die Serienmacher von Bull eine lockerleichte Vorabendshow servieren, die uns einen kleinen, sehr vereinfachten Blick in die menschliche Psyche geben soll. Crime-Formate haben sich bewährt und Gerichtsdramen sind ohnehin gerade beliebter denn je. Das ist ja auch alles in Ordnung, wäre das Endprodukit nicht so trivial und unspannend. Neben Alleskönner Bull existiert im Grunde genommen kein anderer Charakter aus seinem Team, auch wenn dieses fix vorgestellt wird. Ich möchte der Serie nicht absprechen, dass sie als Procedural-Format mal den einen oder anderen launigen Treffer landet und auf simpelster Ebene unterhält. Der Auftakt bietet gelinde gesagt aber schlichtweg zu wenig an, um hier in Zeiten, in denen wir wöchentlich mit vielversprechenderen TV-Produktionen überhäuft werden (Entschuldigung vorab für das Wortspiel), am „Bull“ zu bleiben.

Trailer zur neuen CBS-Serie „Bull“:

Verfasser: Felix Böhme am Mittwoch, 21. September 2016

Bull 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Bull 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Die Halskette
Titel der Episode im Original
The Necklace
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 20. September 2016 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 11. Januar 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 4. August 2017
Autoren
Paul Attanasio, Phil McGraw
Regisseur
Rodrigo García

Schauspieler in der Episode Bull 1x01

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?