Bruder: Wie gut ist Sibel Kekillis neue Serie?

Bruder: Wie gut ist Sibel Kekillis neue Serie?

Mit der Serie Bruder - Schwarze Macht zeigt ZDFneo mit einer ehemaligen Tatort-Kommissarin, wie Krimi aus Deutschland richtig gut funktioniert. Nicht zuletzt ist das den Hauptdarstellern Sibel Kekilli und Yasin Boynuince zu verdanken.

Sibel Kekilli und Yasin Boynuince in der Serie „Bruder - Schwarze Macht“ / (c) ZDF, Gordon Timpen
Sibel Kekilli und Yasin Boynuince in der Serie „Bruder - Schwarze Macht“ / (c) ZDF, Gordon Timpen
© ibel Kekilli und Yasin Boynuince in der Serie „Bruder - Schwarze Macht“ / (c) ZDF, Gordon Timpen

Im Juni war sie das letzte Mal als Tatort-Kommissarin Sarah Brandt zu sehen, nun ist Sibel Kekilli zurĂŒck auf der Mattscheibe - endlich. Denn mit ihrer Mischung aus Talent, Mut und Charisma sollten sich die deutschen Fernsehmacher bemĂŒhen, sie nicht gehen zu lassen. Mit der ZDFneo-Miniserie Bruder - Schwarze Macht beweist sie einmal mehr, dass sie es einfach drauf hat. Auch ihr Kollege, Nachwuchsschauspieler Yasin Boynuince trĂ€gt seinen Teil dazu bei, dass man die vier Episoden am liebsten direkt hintereinander weg schauen wĂŒrde.

Wovon handelt die Serie?

Sibel ist eine deutsch-tĂŒrkische Polizistin in und aus Hamburg, die an das System des Rechtsstaats glaubt. So sehr, dass sie ihren Kollegen anzeigt, als er einen Mann verprĂŒgelt, der seine Frau misshandelt hat. Wir gehen in diese Geschichte mit der Einsicht, dass Sibel den Organen des deutschen Staates zutraut, die Dinge zu regeln. Auch wenn es schwer wird, sie geht den offiziellen Weg, in der Annahme, dass er am Ende der einzig Richtige sein wird.

Privat scheint ihr das GlĂŒck gewogen zu sein, mit ihrem Mann Kurt (Bjarne MĂ€del, Der Tatortreiniger) und ihrer kleinen Tochter Miriam (Tauhida A. El-Latif) lebt sie in einer chaotisch-charmanten Altbauwohnung. Kurt versucht sich eine Existenz als Restaurator alter Möbel aufzubauen.

Doch auch dort lauert das UnglĂŒck, verursacht durch andere. Die Beziehung zu ihrer Mutter Berrat (HĂŒrdem RiethmĂŒller) ist nach dem Tod des Vaters belastet, die GefĂŒhle fĂŒr den jĂŒngeren Bruder Melih (Yasin Boynuince) ebenfalls nicht ungetrĂŒbt. Der 21-JĂ€hrige findet seinen Platz in der Gesellschaft nicht und sieht sich aufgrund seiner Herkunft benachteiligt. Ob es nun seine Hautfarbe oder seine Schuhe sind, die den TĂŒrsteher dazu animieren, ihn nicht in den Club zu lassen, bleibt offen. Doch als wir Melih kennen lernen, ist es ohnehin schon ziemlich spĂ€t. Statt einer Arbeit geht er einer undurchsichtigen TĂ€tigkeit nach, bei der er gemeinsam mit seinem Freund Tobi (Rouven Israel) in einem dubiosen Internetladen abhĂ€ngt, um dessen Besitzer bei seinen BetrĂŒgereien zuzuarbeiten. Das geht dann einmal zu weit und Melih wird von der Polizei festgenommen, nachdem er in einem Kiosk versucht hat, das KartenlesegerĂ€t durch ein manipuliertes auszutauschen.

Sibel eilt zum Gericht, um ihren Bruder aus den Klauen der Justiz zu sich zu holen, und zwar im eigentlichen Sinne. Denn die Richterin erspart Melih nur die U-Haft, wenn er bis zum Prozess bei seiner Schwester wohnt. Das findet zwar niemand in der Familie so richtig gut, aber da es der einzige Weg ist, macht auch die Mutter nicht mehr, als ihre Tochter enttĂ€uscht zu beleidigen. „Sie ist schon lange besser als wir, deutscher als wir“, lĂ€sst sie auf dem Weg aus dem Gericht wissen.

Doch lange hĂ€lt die Idylle unter einem Dach nicht an, denn Sibel nimmt den Internetladen hoch und Melih findet Anschluss in einer Moschee. Dort wird er durch seinen Freund Tobi, der zum Islam konvertiert, immer weiter in den aufkeimenden Salafismus gezogen, den er zunĂ€chst belĂ€chelt. Doch dann fĂ€llt er dem Kollegen seiner Schwester in die HĂ€nde, der sich an Sibel fĂŒr die Anzeige rĂ€chen will und Melih verliert den letzten Glauben daran, dass er es in der deutschen Gesellschaft zu etwas bringen kann. Nachdem er untertaucht, beginnt fĂŒr seine Schwester ein Wettrennen gegen die Zeit, ihren Bruder zu finden, bevor etwas Schlimmes passiert.

Wie kommt es rĂŒber?

Über vier Episoden erzĂ€hlen die Macher eine Geschichte, die alle interessiert und von der kaum jemand weiß, wie es wirklich lĂ€uft: der Abstieg eines jungen Mannes, geboren und aufgewachsen in Deutschland, in die Arme des Terrors, der am Ende bereit ist, zu töten. Und sie erzĂ€hlt die Geschichte aus der Sichtweise seiner Verwandten, der Menschen, die mit Ă€hnlichen Voraussetzungen leben, aber andere Wege eingeschlagen haben und nun zusehen mĂŒssen, was mit ihrer Familie passiert.

Melih fĂŒhlt sein Anderssein in jedem Moment, anders als seine Schwester, die sich ihrem Platz in der Gesellschaft sicher ist. Es sind manchmal die kleinen Dinge, die Melih zu schaffen machen, dass er nicht in eine Disko kommt. Tobi versichert ihm, dass es nichts mit seiner Hauptfarbe, sondern mit seinen Schuhen zu tun habe. Aufgelöst werden diese ZusammenhĂ€nge nicht. Die Serie fĂ€llt nicht in das Loch der OberflĂ€chlichkeit, uns einen rechtsradikalen TĂŒrsteher zu prĂ€sentieren, der sich eindeutig zuordnen lĂ€sst. Es ist die UnfĂ€higkeit, zu beweisen, was vor sich geht, aber eindeutig zu wissen, dass es nicht normal ist, was Melih zusetzt. So wie Rassismus eben im Alltag oft aussieht.

Radikalisierungen passieren schnell und leise“, schreibt ZDF-Redakteurin Karina Ulitzsch in Ihrem Vorwort zur Serienmappe. So stellt sich auch die Story dar, oft leise, aber in hohem Tempo. Wir folgen Sibel und Melih in ein Chaos aus Angst, Wut und dem Wunsch, irgendwo einen Ort der Ruhe zu finden, aus dem nur noch harte Arbeit und der Zufall heraushelfen können.

Fazit

Dank dem geballten Charisma und Talent der beiden Hauptdarsteller finden wir schnell in die Story. Bruder - Schwarze Macht ist eine starke Serie, die man gesehen haben sollte. Die Themen, die uns alle angehen und beschĂ€ftigen, werden aus einer Sichtweise beleuchtet, die die meisten von uns nicht erfahren mĂŒssen. Und lassen erkennen, wie angsteinflĂ¶ĂŸend normal alles verlĂ€uft bis zu dem Punkt, an dem es zu spĂ€t ist.

Wenn Tatort heute Abend (und an den drei kommende Sonntagen) zu Ende ist, lohnt sich also ein RĂŒberschalten zu ZDFneo, denn mit ihrer neuen Kommissarinnenrolle macht Sibel Kekilli so einiges richtig. Und Bjarne MĂ€del ist immer ein gutes Argument, reinzuschauen.

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