Brand New Cherry Flavor: I Exist - Review der Pilotepisode

© rand New Cherry Flavor (c) Netflix
Obwohl man Netflix für immer vorhersehbarer und mainstreamiger hält, schüttelt der Streamingservice hin und wieder doch noch Überraschungsserien aus dem Ärmel. Darunter fällt nun auch ein neuer Achtteiler vom Channel Zero-Gespann Nick Antosca und Lenore Zion, welcher den wunderschönen Titel Brand New Cherry Flavor trägt. Das Horrordrama knöpft sich das Film- und Fernseh-Mekka Hollywood vor; und vermischt dabei reale Schrecken mit paranormalen Phänomenen.
Die ausstrahlungsstarke Hauptdarstellerin Rosa Salazar, die man aus Amazons eindrucksvoller Rotoskopieserie Undone und aus „Alita: Battle Angel“ kennt, spielt eine junge Regisseurin, die selbstbewusst ihren Traum verfolgt, doch schnell vom Takt der Traumfabrik gebrochen wird. Catherine Keener (Kidding), Eric Lange (Lost), Manny Jacinto (The Good Place) und Jeff Ward (Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D.) sind ebenfalls im Ensemble.
Die Inszenierung der einstündigen Auftaktfolge I Exist (zu Deutsch: „Ich existiere“) stammt von Arkasha Stevenson, die mit den Autoren Antosca und Zion schon bei Channel Zero kooperiert hatte. Stilistische Anleihen nahm sie sich offenbar bei Twin Peaks von David Lynch und auch bei Filmemachern wie David Cronenberg, Paul Verhoeven und Nicolas Winding Refn. Das Skript zur Serie basiert derweil auf einem gleichnamigen Roman von Todd Grimson.
In der folgenden Besprechung gehen wir auf Spoiler der ersten Episode ein. Wir empfehlen Euch erst selbst einen Blick in die Serie zu werfen, bevor ihr weiterlest. Denn so viel sei gesagt: Sie ist sehr gut und lohnt sich zweifelsohne!
Worum geht's?
Die Protagonistin von Brand New Cherry Flavor heißt Lisa N. Nova (Salazar). Mit ein paar vielversprechenden Kurzfilmen in der Tasche bricht sie auf nach Los Angeles, wo sie eigentlich nie landen wollte. Sie glaubt nämlich anders zu sein als die anderen und will nicht denselben Weg gehen, den alle gehen. Aber, als mit Lou Burke (Lange) ein waschechter Hollywood-Produzent über eines ihrer Werke stolpert, stimmt Lisa einem Treffen selbstverständlich zu. Denn niemand wird ihr ihren ersten eigenen Kinofilm bis vor die Füße tragen, wie Katzen ihren Besitzern tote Mäuse schenken.
Trotzdem verlaufen die Verhandlungen zwischen Lisa und Lou erstaunlich unkompliziert. Dass er sie ständig mit langweiligen Anekdoten unterbricht und sie selbst kaum zu Wort kommen lässt, stört sie nicht, solange er sich für sie stark macht und ihr Regiedebüt ermöglicht. Gleich am ersten Tag in Hollywood schafft sie das, wovon alle träumen: Sie unterschreibt ihren ersten Vertrag. Ihr Exfreund Code (Jacinto), bei dem sie zwischenzeitlich auf der Couch schlafen darf, freut sich ganz offen für sie. Und selbst Christine (Hannah Levien), Codes jetzige Partnerin, kann ihre Anerkennung kaum verbergen.

Bis aus dem Traum ein Albtraum wird, müssen wir nicht lange warten. Noch bevor die übernatürlichen Elemente ins Spiel kommen, sorgen ganz irdische Schrecken für den Stimmungswandel. Lou entpuppt sich bald als Harvey-Weinstein-Charakter, der seinen Schützling sexuell missbrauchen will. Anfangs gibt Lisa dem Produzenten sogar die Chance, sich würdevoll zu rehabilitieren. Doch Lou lässt einfach nicht locker - und als er merkt, dass sie nicht mitmacht, feuert er sie kurzerhand. Sie verliert ihren Film und ein Stück weit auch den Respekt vor sich selbst.
Kurz vor dem Ende der ersten Episode kommt dann die faszinierende Figur von Catherine Keener ins Spiel, die ihren ersten Auftritt zwar schon etwas früher hat. Jedes Wort, was sie als Hexe Boro spricht, wirft Rätsel auf. Und Lisa ist sofort von ihr in den Bann gezogen - und andersrum genauso. Boro bietet der gebrochenen Künstlerin die Chance, sich an ihrem Peiniger zu rächen. Dabei verdrängt diese in der Wut, dass jeder Pakt mit dem Teufel oder einer seiner Dienerinnen einen Haken hat...
Wie ist es?
Brand New Cherry Flavor ist eine Serie, die man am besten spät am Abend schaut, wenn keine SMS oder Alltagssorge einen ablenken kann. Gerade dann dürfte das stimmungsvolle Horrordrama einen voll verschlingen und erst nach einer ausgiebigen Mindfuck-Massage wieder ausspucken. Das Format von Nick Antosca und Lenore Zion weckt neonfarbene Erinnerungen an die eingangs erwähnten Filmemacher, die ja zu den ganz Großen gehören. Ich persönlich muss vor allem an „The Neon Demon“ von Winding Refn denken. Doch die dargestellte Selbstverständlichkeit des Grotesken steht natürlich auch in der Tradition des David-Lynch-Klassikers Twin Peaks (ein Vergleich, der ehrlicherweise viel zu oft bemüht wird).
Die Pilotepisode dürfte insgesamt die zurückhaltendste Ausgabe des Achtteilers sein, denn der Crazy Shit beginnt erst ganz am Ende des Auftakts. Die Regisseurin Arkasha Stevenson darf sich beim finalen Gang zur Hexe erstmals richtig austoben und füttert uns an für das, was kommt. Zombies? Teuflische Tattoos? Mundgeborene Kätzchen? Check, check und check!
Weil wir an dieser Stelle in Sachen Symbolismus noch nicht allzu tief ins Detail gehen wollen, versprechen wir in der Euphorie des Ersteindrucks der Serie einfach mal eine baldige Staffelkritik, in der wir die Diskussion dann richtig ausbreiten können. Daran, dass Netflix' Brand New Cherry Flavor ein Format ist, das man bis zum Ende schaut, besteht erst mal kein Zweifel.
Mit Rosa Salazar und Catherine Keener wurden auch zwei großartige Hauptdarstellerinnen verpflichtet, die ihrer erstklassigen Bühne mehr als nur gerecht werden. Sie und die Inszenierung der Serie wirken so gelungen, dass man nur hoffen kann, dass auch das Drehbuch letztendlich mithalten kann, sodass am Ende ein perfektes Gesamtwerk zustande kommt. Der heutige Start ist schon mal ziemlich prickelnd - es ist wird ein gutes Streaming-Wochenende!
Hier abschließend der Trailer zur Netflix-Serie Brand New Cherry Flavor:
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