Borgen 4x01

Borgen 4x01

Anfang Juni brachte Netflix das dänische Politdrama Borgen mit der Revival-Season Power & Glory zurück, welche von der Klimakrise handelt. Birgitte Nyborg, gespielt von Sidse Babett Knudsen, ist diesmal die Außenministerin.

Sidse Babett Knudsen in Borgen - Power & Glory (c) DR1/Netflix
Sidse Babett Knudsen in Borgen - Power & Glory (c) DR1/Netflix
© idse Babett Knudsen in Borgen - Power & Glory (c) DR1/Netflix

Als der Streamingdienst Netflix und der dänische Sender DR1 im Frühling 2020 die Bestellung einer vierten Staffel von Borgen (alias „Borgen - Gefährliche Seilschaften“) bekanntgaben, waren viele Fans des Politdramas, das damals von 2010 bis 2013 lief, durchaus überrascht. Zumal der Serienschöpfer Adam Price eine Fortsetzung lange kategorisch ausgeschlossen hatte, obwohl „Borgen“ international sehr viel Anerkennung erhielt. Man gewann sogar einen Peabody Award und die Hauptdarstellerin Sidse Babett Knudsen wurde für einen Emmy nominiert.

Wirklich spannend wurde das Revival, als allmählich der thematische Fokus durchsickerte: Grönland, die frühere Kolonie Dänemarks, sollte auf Öl stoßen, wodurch Kopenhagen ins Zentrum eines drohenden Konflikts der Großmächte China, Russland und Amerika rücken könnte. Auch der Klimakatastrophe wurde eine Schlüsselrolle zugeschrieben, was im Serienbereich leider noch eine Seltenheit ist (Apple TV+ will das bald mit der Anthologie Extrapolations ändern).

Das heimliche Hauptthema der neuen Staffel ist allerdings die Frage, wie es Frauen in Machtpositionen heutzutage ergeht. Das betrifft sowohl Birgitte Nyborg (Knudsen), die unter der neuen Premierministerin Signe Kragh (Johanne Louise Schmidt) - deren Wahlslogan Die Zukunft ist weiblich auch als Titel der Auftaktepisode dient - nun das Außenministerium leitet, als auch die Journalistin Katrine Fonsmark (Birgitte Hjort Sorensen), die zur Nachrichtenchefin eines ganzen Senders wird und bald kurz vor dem Burnout steht. Wird hier das beliebte TV-Klischee vom #Girlboss begraben?

Aus technischen Gründen können wir momentan die Sonderzeichen in den dänischen Namen nicht nutzen. Wir bitten um Verständnis.

Worum geht's?

Die Geschichte setzt knapp zehn Jahre nach dem früheren Serienfinale an. Ich muss gestehen, dass meine eigene Erinnerung nicht mehr allzu zuverlässig war, aber das ist beim Revival zum Glück kein Problem. So können theoretisch auch Quereinsteiger:innen reinschauen. Unsere Heldin Birgitte befindet sich in einer besonderen Phase ihres Lebens, in der sie so viel Zeit für ihre politische Karriere hat wie nie zuvor. Sie muss keinen Partner vernachlässigen, und auch ihre Kinder sind ja mittlerweile flügge. Wenngleich ihr Sohn Magnus (Lucas Lynggaard Tonnesen) ein Talent dafür hat, sich Ärger einzufangen. Während er eigentlich im Hörsaal sitzen sollte, nimmt er lieber als Tierschutzaktivist Schlachthöfe ins Visier, was bald für landesweite Schlagzeilen sorgt.

Die perfekte Vorlage, um die gesellschaftlich noch immer sehr gespalten geführte Klimadebatte und den damit zusammenhängenden Generationenkonflikt durch Familie Nyborg stellvertretend auszufechten. Leider wird diese Chance gegen Ende der Staffel ziemlich verschwendet, denn die Argumentationen, die der Chefautor Price der Boomerin Birgitte und dem Zoomer Magnus in den Mund legt, wirken trotz der Aktualität des Themas etwas überholt. Es geht weniger um das Klima als um Attitüden, wie darüber diskutiert wird, was genau der Grund ist, dass nichts vorankommt. Ähnlich oberflächlich bleibt es dann auch bei der Grönland-Frage, die zusätzlich noch eine historisch sehr spannende Dimension hätte...

DR1/Netflix
DR1/Netflix - © DR1/Netflix

Das Revival hat mit dem realistischen Szenario eines großen Ölfundes in Grönland einen genialen Ansatzpunkt gewählt, um die ganze Komplexität in Sachen Klimagerechtigkeit aufzuzeigen. Jeder kann nachvollziehen, dass sich die Bewohner:innen der arktischen Insel, allen voran der Rohstoffminister Hans Eliassen (Svend Hardenberg), wahnsinnig freuen über den milliardenschweren Bodenschatz. Durch das Öl könnte das Land sich endlich seine Unabhängigkeit leisten. Doch ausgerechnet Dänemark, verantwortlich für Jahrhunderte der Unterdrückung, will wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Wegen der Klimakrise könne man sich fossile Brennstoffe nicht mehr leisten, obwohl der historische Fußabdruck Grönlands im Vergleich zu den westlichen Ländern verschwindend gering sein dürfte.

Auch Birgitte erkennt das moralische Dilemma, was ihr als Vorwand dient, diesbezüglich gleich mehrmals ihre Position zu verändern. Zum Glück hat sie mit Asger Holm Kirkegaard (Mikkel Boe Folsgaard) einen fantastischen Botschafter nach Grönland geschickt, der ihren Schlingerkurs vertritt. Dessen unangebrachte Romanze mit seinem grönländischen Gegenpart Emmy Rasmussen (Nivi Pedersen) gehört erstaunlicherweise zu den Highlights der Staffel, obwohl die Sache zunächst stark nach Klischee roch. Allgemein bin ich sehr beeindruckt von der Chemie, die der Neuling Folsgaard zudem mit der Hauptdarstellerin Knudsen entwickelt (eine echte Bereicherung).

Aber auch die meisten Altstars der Serie sorgen im Revival für Freude, allen voran natürlich die zweite Hauptdarstellerin Sorensen, selbst wenn ihre Figur Katrine es diese Season sehr, sehr schwer hat. Sorensen gelingt es auf beeindruckende Art und Weise, die innerlich zunehmende Anspannung der frisch gekürten Nachrichtenchefin zu spielen, sodass man beim Zusehen schon gestresst wird. Was die so wichtige Frage zu Frauen in Führungspositionen angeht, ist ihr Handlungsbogen sogar interessanter aufbereitet als der von Birgitte. Ohne zu viel vorwegzunehmen, kann man sicher feststellen, dass die ehemalige Premierministerin am Ende ein relativ unglaubwürdiges Wendemanöver hinlegt, wodurch die Staffel insgesamt etwas auseinanderfällt. Immerhin bleibt so der Spielraum für eine erneute Fortsetzung...

Wie ist es?

Alles in allem bin ich sehr glücklich über das Borgen-Revival, weil das dänische Politdrama ein Mal mehr beweist, wie viel authentischer es zum Beispiel im Vergleich mit US-Dramen wie House of Cards oder Scandal rüberkommt. Zumal Sidse Babett Knudsen und Co kein Stück an Schauspielgewalt verloren haben, eher im Gegenteil. Dass der Serienschöpfer Adam Price die dänischen Affären durch den Grönland-Plot zunehmend auf die internationale Bühne geholt hat, war ebenfalls ein sehr vielversprechender Ansatz. Die einzige Enttäuschung liegt wohl darin, dass das Potential noch deutlich größer erschien als im Endresultat erkennbar. Besonders zum Staffelfinale merkt man, dass keine Antworten auf die großen Fragen gefunden wurden, die gestellt werden. Folglich wählt man einen einfachen Ausweg, der zwar emotional sein mag, aber nicht zum sonstigen Realismus des Werkes passt.

Vor allem bei der Klimafrage, die mich persönlich extrem beschäftigt, lässt man uns ein bisschen hängen. Klar will man „Borgen“ schon dafür applaudieren, dieses Thema überhaupt mal auf die Agenda zu setzen. Aber von einem brillanten Autor wie Price hätte man sich dann doch mehr Tiefe oder einzigartige politische Perspektiven diesbezüglich erwartet. Andererseits liegt seine brutale Aussage vielleicht genau darin, dass selbst die anständigeren Führungspersönlichkeiten wie eine Birgitte Nyborg das Klima und damit alle künftigen Generationen notfalls unter den Wagen werfen, um an der Macht zu bleiben. Genau das erleben wir ja momentan weltweit. Nur hätte man sich von einer Serie irgendwie erhofft, dass sie ein fiktives Szenario findet, das uns gedanklich weiterführt, statt selbst in diesem Patt festzustecken.

Hier abschließend noch der Trailer zum Revival Borgen - Power & Glory beim Streamingdienst Netflix:

Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 11. Juli 2022

Borgen 4x01 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 1
(Borgen 4x01)
Deutscher Titel der Episode
Die Zukunft ist weiblich
Titel der Episode im Original
TBA
Erstausstrahlung der Episode in Dänemark
Donnerstag, 14. April 2022 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 2. Juni 2022
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Donnerstag, 2. Juni 2022
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 2. Juni 2022
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Donnerstag, 2. Juni 2022
Autoren
Adam Price, Maja Jul Larsen, Martin Lidegaard
Regisseur
Per Fly

Schauspieler in der Episode Borgen 4x01

Darsteller
Rolle
Sidse Babett Knudsen
Birgitte Hjort Sorensen
Mikael Birkkjaer

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