
Wenn es um die Kritik an der deutschen Serie geht, wird gerne darauf hingewiesen, dass die hiesigen Produzenten selbst keinerlei gute Ideen haben und sich immer wieder bei bereits bestehenden bedienen. Natürlich stechen deutsche Produktionen wie Der Tatortreiniger „64178“ nur in Ausnahmefällen hervor, doch die Adaption einer Serie ist keine Besonderheit.
So bedient sich der so oft gelobte, amerikanische Serienmarkt derzeit vor allem an Comics (Gotham, The Flash), Filmen (Fargo, Sleepy Hollow) oder an internationalen Vorlagen (The Returned (2014), Gracepoint). Auch bedeutet eine Adaption nicht sofort, dass diese selbst keinen eigenen Weg einschlagen kann, wie ich bereits an Formaten wie Pastewka „62212“ oder Stromberg „63980“ aufzeigte. Doch im Kontrast zu den letzteren, kreativ gelungenen Adaptionen bietet die neue RTL-Isolationsserie Block B leider eine Eins-zu-eins-Umsetzung, die in keinster Weise an das Original heranreichen kann.
Beas verrückte Reise durch Zeit und Raum
Als Grundlage von Block B dient die australische Gefängnisserie Wentworth von 2013, die wiederum auf der 1979 gestarteten und äußerst erfolgreichen Serie Prisoner beruht. Um den Serienpiloten von „Block B“ in diesem Rahmen vergleichen zu können, ziehe ich deshalb die Pilotepisoden von „Prisoner“ und „Wentworth“ als Vergleich hinzu. Wenn ich also fortlaufende Entwicklungen der beiden Serien außen vorlasse, bitte ich das zu entschuldigen.
Die Dramasoap Prisoner war nicht nur mit ganzen 692 Episoden ein ziemlicher Kassenschlager, bereits die zehn Jahre laufende RTL-Gefängnisserie Hinter Gittern - Der Frauenknast mit der bis heute noch legendären Christine Walter (Katy Karrenbauer) basierte auf dieser.
In dem Piloten zu Prisoner werden zu Beginn zwei junge Frauen in das Wentworth Prison gebracht. Während die junge Karen Travers (Peta Toppano), ein Opfer von ehelicher Gewalt, selbst zur Täterin wurde, sitzt Lynn Warner (Kerry Armstrong) fälschlicherweise im Gefängnis, da ihr der Mord an einem Baby angehängt wurde. Für uns dagegen wesentlich interessanter ist die Rolle der Bea Smith (Val Lehman), die nicht nur eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Figur der Red (Kate Mulgrew) aus Orange Is the New Black hat, sondern auch die Fehden im Gefängnis in der Hand zu haben scheint. So bestraft sie Lynn für ihre angeblichen Taten und führt eine eiserne Hand über die Frauen in der Wäscherei.
Die Neuauflage Wentworth fokussiert die Hintergrundgeschichte dieser inhaftierten Grand Dame und zeigt, wie die junge Bea Smith (Danielle Cormack) in das titelgebende Gefängnis zieht. Während es sich somit auf der Ebene der Charaktere um ein Prequel handelt, ist dieses jedoch in der Jetztzeit angesetzt und nach der Chronologie eher ein Sequel. Im Zentrum steht dabei neben der Inhaftierung Beas der Konflikt zwishen der ebenfalls aus „Prisoner“ bekannten Franky Doyle (Nicole da Silva) und der Altinsassin Jacs Holt (Kris McQuade).
Interessanterweise scheinen sich in der Charakterisierung von Bea Smith zudem die beiden Schicksale von Lynn und Karen aus Prisoner zu vereinigen. Sie sitzt aufgrund eines Versuchs, ihrem Ehemann wegen häuslicher Gewalt einen Selbstmord anzuhängen, was jedoch scheiterte. Während Karen im „Prisoner“-Piloten als Mörderin dargestellt wurde, inszeniert Wentworth ihre Hauptrolle von vornherein als gescheiterte Mörderin. Zudem gestaltet sich die Adaption um einiges dramatischer, was Themen wie Drogenkonsum, Gewalt oder ausgeübte Bisexualität angeht, die wesentlich deutlicher als in der Vorlage dargestellt werden.
Nachdem der Charakter der Bea Smith somit von Prisoner zu Wentworth durch einen Zeitstrudel geschickt wurde, gewährt RTL ihr nun auch eine Überführung nach Berlin und möchte ihr diesen anscheinend so gemütlich wie möglich gestalten. So werden nicht nur einzelne Kameraeinstellungen wie die Perspektive aus der Sicht der Überwachungskameras eins zu eins übernommen, auch die Ästhetik (Insassenkleidung), die Dialoge („Muschilecker“) und sogar einzelne Namen bleiben einfach gleich. So wird aus Bea Smith nun eben Bea Kröger (Gisa Zach) und aus „Block H“ wird „Block B“.
Plattner Is the New Walter
Zach zur Seite wird dabei das schauspielerische Zugpferd Katrin Sass gestellt, die die Rolle der Rita Plattner (die deutsche Jacs) übernimmt. Doch während „Hinter Gittern“ die überzogenen Geschichten durch schauspielerische Darstellungen ausgleichen konnte, scheint es bei Block B genau andersrum zu sein. Die Pilotepisode von „Wentworth“ schafft es tatsächlich, die für eine Gefängnisserie erforderliche Bedrohung der Mitinsassen und der Wärter rüberzubringen. Die RTL-Fassung dagegen verhebt sich vor allem durch die schlechten schauspielerischen Leistungen an diesem Thema. Was in der Vorlage authentisch und krass wirkt, wird in der deutschen Adaption schlichtweg lächerlich und unauthentisch.
Man hätte davon ausgehen können, dass die direkte Umsetzung einer durchaus spannenden Vorlage, die zumindest im Piloten locker mit der Netflix-Erfolgsserie Orange Is the New Black mithalten kann, gar nicht so schieflaufen kann. Zumindest, wenn man die Arbeit, die nicht in das Drehbuch investiert wurde, durch die Schauspieler auffängt. Doch RTL präsentiert mit dieser Serie ein Paradebeispiel der ambitionslosen Adaptionsversuche, die zu Recht hierzulande kritisiert werden. Hinzu kommt, dass ein einfaches Übernehmen einer Kultur in die andere etwas Mühe erfordert, um diese authentisch zu gestalten. Mag man die davor laufende Serie Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei auch für schrecklich inszenierte Action halten - zumindest war das eine eigene Idee aus dem Hause des Privatsenders. Es tut uns leid, Bea Smith, diese Adaption ist selbst für eine potentielle Mörderin eine zu harte Strafe.