
Die Pilotepisode der Serie „Blackstone“ setzt damit ein, dass die Kamera drei junge Reservatbewohner in den Drogenrausch folgt. Unkommentiert, keine Ablenkung. Und mit Voranschreiten der Episode wird die Serie wird nicht leichter zu verdauen, nicht lockerer. Es ist ein Blick in eine andere Welt, in die Welt der Ureinwohner Kanadas, die in Reservaten leben - viele mit einem Bein in der Vergangenheit, mit einem Bein in der Sucht.
Der Schockmoment zu Beginn
Ein Augenmerk der Serie liegt auf der Familie Stoney, zwei erwachsene Schwestern, Leona (Carmen Moore, Flash Gordon) und Gail (Michelle Trush), sowie Natalie (Roseanne Supernault), Gails Teenager-Tochter. Leona und Gail, auch wenn sie vielleicht gar nicht so unterschiedlich scheinen, sind an zwei verschiedenen Punkten in ihrem Leben. Leona lebt in der Stadt und arbeitet als Suchtberaterin, eigene Erfahrungen in dieser Thematik haben sie geprägt. Gail lebt auf dem Reservat und ist schwer alkoholkrank. Gemeinsam versuchen sie, sich um Natalie zu kümmern, die ebenfalls bereust drogenabhängig ist. Und was sie zu diesem Schicksal gebracht hat, davon bekommt der Zuschauer in der Pilotepisode einen kurzen Eindruck. Es sind nur wenige Tage, die die Kamera sie verfolgt und in dieser Zeit wird sie zweimal vergewaltigt. Doch sie setzt dem selbst ein Ende und wählt den Freitod. Dabei setzt die Serie Blackstone auf leise Töne. Die Kamera verfolgt beide Begebenheiten bis kurz vor der eigentlichen Ausübung der Gewalt. Und setzt erst wieder ein wenn Natalie mit den Folgen dieser Taten umgeht. Es sind schwer zu ertragende Szenen, die nachwirken.
Neben den Stoney-Schwestern steht Victor Merasty (Nathaniel Arcand, Longmire), ein junger Familienvater, der sich um die Kultur des Stammes bemüht, indem er die Geschichten der Älteren aufzeichnet.
Inside Blackstone
Eins lernt der Zuschauer schnell: Das Reservat ist eine in sich geschlossene Gesellschaft, in der einiges schief läuft. Der gewählte Band Chief, Andy Fraser (Eric Schweig, „Cashing In“), umgibt sich mit einer undurchsichtigen Truppe und scheint mehr am eigenen Wohl als am Wohl der Gemeinschaft interessiert zu sein. Die Pilotepisode setzt an einem Wendepunkt in der Geschichte des Reservats ein: Leona tritt - unterstützt durch Victor - zum ersten Mal gegen Andy als Band Chief an und gewinnt nach kurzem Wahlkampf.
Doch die Probleme sitzen tiefer, Andy bringt seine loyale Truppe gegen den neuen Chief in Stellung, während im Hause Stoney noch um Natalie getrauert wird.
Es sind die Probleme im Reservat, die im Fokus der Serie stehen. Es ist nicht der Kampf um Unabhängigkeit von der nationalen Regierung, den Andy so vehement zu führen vorgibt, der im Mittelpunkt steht. Die Serie Blackstone verfolgt die Probleme, die sich innerhalb der geschlossenen Gemeinschaft des Stammes ergeben, die durch einen Mix aus Misswirtschaft, vielleicht gar Betrug, Suchtproblemen und Gewalt untereinander verschärft werden.
Gail ist keine schlechte Mutter von sich aus, sie liebt ihre Tochter, das wird deutlich. Doch ihre Alkoholsucht macht sie zu einem Problem im Leben ihrer Tochter. Der erste Mann, den wir sehen, der sich an Natalie vergeht, sitzt morgens in ihrem Wohnzimmer, ein Überbleibsel eines nächtlichen Gelages ihrer Mutter, die volltrunken auf dem Boden im Badezimmer schläft.
Mit feinfühligen Bildern, aber auch schmerzhafter Offenheit porträtiert die Serie das Leben der Figuren, die Ohnmacht und die wiederrum darauf resultierenden Probleme. Schon die erste Episode zeigt den Teufelskreis, aus dem auszubrechen schwierig werden dürfte.
Fazit
In Kanada konnte die Serie Blackstone bereits mehrere wichtige Auszeichnungen einstecken. Und das überrascht wenig, denn die Serie über ein First Nation Reservat ist in ruhigen Tönen so eindringlich und schmerzhaft realistisch gezeichnet, dass Zuschauen oft ein bisschen weh tut.
Es ist eine Serie für diejenigen, die einen Gegenpol suchen zu den Hochglanzserien und Dramen der US-Industrie. Für diejenigen, die anderes sehen möchten als Verfolgungsjagden oder Schönheitsoperationen. Die auch stille Töne zu schätzen wissen.