Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul 1x08

© zenenbild aus Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul (c) Netflix
Es war lange abzusehen. Netflix hat das Geld und offenbar den Anspruch, aus fast jedem Land der Welt eine exzellente, ungewöhnliche Serie zu pressen. Und auch an der Türkei mit ihrem massiven Serienmarkt hatte der Streaming-Gigant schon großes Interesse signalisiert. Nun kommt beides endlich zusammen. Mit dem Drama Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul offenbart sich uns ein großartiges Psychogramm in Form einer Miniserie über die türkische Gesellschaft.
Doch einfach machen die Vermarkter es ihren Zuschauern nicht. Ohnehin stehen die Zuschauer für türkische Serien nicht unbedingt Schlange, bei dem großen Angebot derzeit. Dazu kommt der unglücklich gewählte deutsche Titel aus einer den meisten unbekannten türkischen Redewendung und einem eher lahmen deutschen Zusatz. Im englischen Markt wird die Serie als „Ethos“ angeboten.
Keine Werbung, keine großen Namen und keine Provokation. Manchmal scheint es, als ob Netflix es genießt, uns das Entdecken ungewöhnlicher, guter Serien jenseits des US-Marktes besonders schwer zu machen. Davon abhalten lassen sollte man sich aber nicht.
Wovon handelt die Serie?
„Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul“ zieht den geneigten Zuschauer schnell in seinen Bann, denn von der ersten Szene an ist eines klar: Die Regie ist stark, die Hauptdarstellerin noch besser. In den ersten Minuten begleiten wir Meryem (Öykü Kareyel) auf dem Weg zu ihrem Job als Reinigungskraft eines reichen Mannes in einem schicken Apartment der Stadt. Um dorthin zu gelangen, muss sie über nebelverhangene Felder staken, leere Bergstraßen entlangwandern, Autobahnbrücken überqueren, in vollen Bussen stehen und auf die vergitterten Grundstücke der Reichen kommen. Dabei hat sie nicht einmal ihre eigene Stadt verlassen, Istanbul. Denn das neue Netflix-Drama spielt nicht an den Touristen-Hotspots oder in der Milde der Sonne liegenden Vierteln voller kleiner, heimeliger Gassen wie die meisten Serien aus Istanbul. Nicht einmal zu einem Schwenkblick über den Bosporus im Sonnenuntergang lassen die Serienmacher sich hinreißen. Es ist das Istanbul der Menschen, die dort leben, die in einer zerrissenen Stadt klarkommen müssen.
Meryem stammt aus einem kleinen Dorf und lebt mit ihrem Bruder Yasin (Fatih Artman), ihrer Schwägerin Ruhiye (Funda Eryigit) und deren Kindern in einem alten, langsam verfallenen Haus, das sie von ihrem Großvater geerbt haben. Doch sie hat ein Problem: Sie fällt immer wieder in Ohnmacht. Nachdem die Ärzte keine physische Erklärung dafür finden, schicken sie die Frau zu einer Psychologin. Dort lernen wir Meryem kennen, im Behandlungszimmer von Peri (Defne Kayalar). Die beiden Frauen, die sich da gegenübersitzen, könnten kaum unterschiedlicher sein.
Die eine stammt vom Dorf, die andere aus der Großstadt, die eine kommt aus einer religiösen Familie und trägt Kopftuch, die andere wurde von laizistischen, intellektuellen Eltern erzogen, die religiöse Symbole verabscheuen, die eine ist arm und war nur in der Grundschule, die andere ist reich und hat in den USA studiert. Glücklich sind beide nicht.
Damit steigen wir direkt in einen der krassesten Gegensätze der türkischen Gesellschaft ein. Denn das Aufeinandertreffen von Menschen mit derart unterschiedlicher Herkunft bestimmt das alltägliche Zusammenleben in der Türkei. Die Unterhaltung zwischen den beiden wird in Länge auf die Mattscheibe geholt und offenbart ein großartiges Drehbuch, aus dem die Darsteller das Allerbeste rausholen.
Während Meryem sich zurück in ihr Viertel der Stadt aufmacht, geht Peri zu ihrer eigenen Therapiesitzung, einer Supervision bei ihrer Freundin Gülbin (Tülin Özen). Dort erfahren wir, dass das vorangegangene Gespräch auch bei ihr seinen Tribut fordert. Es ist nicht leicht für sie, mit der religiösen Frau umzugehen: „Ich war auf der Uni in Amerika und ich bin zurückgekommen. Es war eine andere Welt. Und sie haben hier die Macht, sie sind hier die Mehrheit. (...) Du und ich wir können das unmöglich verstehen, es ist, als wenn wir in einem anderen Land leben“, sagt sie verzweifelt zu Gülbin. Doch wer dieses „Sie“ ist und wer zum eigenen „Wir“ gehört, das ist nicht immer auf den ersten oder zweiten Blick zu sehen in der Türkei. Das muss auch Peri erfahren, als sie nach der Sitzung mitbekommt, dass die Frau in Gülbins Wartezimmer keine Patientin, sondern ihre Schwester ist - eine Frau mit Kopftuch.
Nach und nach steigen wir in die Leben der anderen Figuren ein, wir lernen Meryems Schwägerin Ruhiye kennen, die unter schweren Depressionen leidet, ein Leiden, das von ihrem Hodscha, der religiösen Führungsperson der Nachbarschaft, als Undankbarkeit bezeichnet wird.
Sie ist in ihrer Kindheit in ihrem Dorf im Osten des Landes missbraucht worden und versucht sich während der Serie ohne professionelle Hilfe damit auseinanderzusetzen.
Wir erfahren mehr von Gülbin und dass sie einen behinderten Bruder hat, um den sie sich mit den neuesten Möglichkeiten der Medizin kümmern will, während sie sich mit ihrer Schwester darüber streiten muss, ob das der richtige Weg ist. Wir lernen an Peris Seite Melisa (Nesrin Cavadzade) kennen, eine berühmte Seifenoperndarstellerin, die sich wünscht, in einer echten Serie mitspielen zu können: „Unsere Seifenoper ist für arme Leute gemacht, je schlechter, desto begeisterter sind die Leute.“ Wir lernen Hayrunnisa (Bige Önal) kennen, die Tochter des Hodscha, die in Konya studiert und mit ihrem Kopfhörer voller Techno und Gesprächen über Game of Thrones wie ein Fremdkörper in dem ärmlichen Viertel wirkt.
Wie kommt es rüber?
Wir begleiten diese Menschen, die uns zum Teil fremd, zum Teil vertrauter sind, über gut ein Jahr und dürfen durch ihre Augen sehen. Wir werden zum Teil der Vorurteile der Figuren und letztlich damit auch zum Teil deren Auflösung oder zumindest Enttarnung. Dabei spielt das Drehbuch auch geschickt mit den Vorurteilen der Zuschauer und legt den Finger in die richtigen Wunden. So dürften viele lange bangen, ob der Hodscha Meryem verbieten wird, in die Therapie zu gehen, was uns wiederum mit der Verzweiflung zurücklassen würde, dass religiöse Fanatik die Lösung eines Problems verhindert hat. Doch am Ende fragt der Hodscha nur, ob der Besuch der Therapie Meryem guttut und erteilt ihr nicht einmal einen Rat. Stattdessen kommt ihr frustrierter Bruder mit seiner Hilflosigkeit nicht mehr klar und lässt seine Wut an Meryem und der Veränderung aus.
Die Serienmacher achten darauf, niemanden herablassend zu behandeln, unabhängig von seinem sozioökonomischen Hintergrund. Alle Figuren dürfen vielschichtig sein, dürfen widersprüchliche Gefühle und Charakterzüge haben und werden im Laufe der Episoden zu interessanten Menschen.
Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul spielt mit gängigen Vorurteilen, um sich daran zu reiben, nicht unbedingt, um sie zu enttarnen, denn es geht den Machern mehr um die Geschichte des Einzelnen als um das Anprangern. Das macht die alle dargestellten Lebenswege so bezaubernd.
Anders als die ersten türkischen Dramen des Streamingdienstes, The Protector und Atiye, zieht die neue Serie ihre Authentizität nicht aus Geschichten der türkischen Vergangenheit. Sie untersucht und durchleuchtet die türkische Gesellschaft, erstellt nach und nach mit jeder Episode ein Psychogramm, das sich zu einer faszinierenden Karte einer zerrissenen Stadt zusammensetzt.
In der Türkei hat die Serie große Wellen geschlagen und stößt international und in ihrem Heimatland auf wohlwollende bis begeisterte Kritik. Das liegt auch daran, dass sie universelle Geschichten von Menschlichkeit erzählt, nur vor dem Hintergrund einer besonders spannungsgeladenen Gesellschaft. Doch es geht vor allem um Einsamkeit, Angst, Hochmut, Eifersucht, um schwierige Gefühle in Familie und Freundschaft. Es geht um universelle Gefühle, die jeder kennt und jeder nachfühlen kann. Geduldig entspinnen die Autoren zwischenmenschliche Tragödien, von denen manche hoffnungsvolle, manche verzweifelte Wendungen nehmen. Wir sind dabei, wenn Kommunikationsprobleme zu großen Desastern führen und wissen selbst oft nicht mehr, wie man da noch vermitteln kann.
Arm wie reich, wir erleben das Unglück aller Figuren und dass es meistens von anderen Menschen stammt, die das nicht unbedingt beabsichtigt haben. Wir sehen auch, was es kostet, um über ein Trauma hinwegzukommen und was dazu führt, dass manche es schaffen, andere nicht. Es ist eine wundervolle, traurige Studie über das Leben abseits der großen Seifenoperngefühle.
Hier noch der Trailer:
Verfasser: Loryn Pörschke-Karimi am Samstag, 28. November 2020(Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul 1x08)
Schauspieler in der Episode Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul 1x08
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