Das neue Showtime-Finanzdrama Billions wartet mit einem hochkarätigen Ensemble auf, kann sich in der Pilotepisode aber noch nicht entscheiden, was es sein will - pulpiger Thriller oder realitätsnahes Drama? Überdies bleiben die Motivationen der Hauptakteure nebulös.

In „Billions“ duellieren sich Paul Giamatti (l.) und Damian Lewis. / (c) Showtime
In „Billions“ duellieren sich Paul Giamatti (l.) und Damian Lewis. / (c) Showtime

Es dauert bis zum Ende der Auftaktepisode des neuen Showtime-Formats Billions, bis seine beiden begnadeten Hauptdarsteller aufeinander losgelassen werden. Bei einer Podiumsdiskussion beobachtet Staatsanwalt Chuck Rhoades (Paul Giamatti) seine Nemesis, den Hedgefonds-Milliardär Bobby „Axe“ Axelrod (Damian Lewis), wie der gerade einen unliebsamen Gegenspieler degradiert. Danach dürfen Giamatti und Lewis ihr gesamtes Talent auffahren, was in dem besten Dialogsatz des Piloten gipfelt: „What's the point of having fuck-you money if you never say fuck you?

Mercy is a word that pussies use

Die Zeile ist nicht nur äußerst amüsant, sondern auch richtungsweisend. Während über den Verlauf der Auftaktepisode nicht ganz klar wird, in welche Richtung die neue Dramaserie eigentlich will, macht das dieser Satz schon deutlicher - in „Billions“ steckt wohl mehr House of Cards als Borgen, mehr Pulp als Realismus, mehr Soap als tiefschürfendes Drama. Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, zumal das Ensemble so glänzend besetzt ist. Ein tiefes Abtauchen in die komplizierten Vorgänge der entfesselten Finanzmärkte sollte man jedoch nicht erwarten - hier geht es vielmehr um das metaphernreiche Duell rivalisierender Alphatiere.

Das ist kaum überraschend, schaut man sich das Repertoire der Serienschöpfer an. Brian Koppelman und David Levien waren bereits für die Drehbücher von solch saftigen Zockerfilmen wie „Rounders“ und „Runner Runner“ verantwortlich sowie die Soderbergh-Produktionen „The Girlfriend Experience“ und „Ocean's Thirteen“. Ihr Kollege Andrew Ross Sorkin kommt jedoch aus dem finanzjournalistischen Fach und wurde wohl für die Bodenhaftung engagiert. Allzu viel lässt sich davon jedoch noch nicht erkennen.

Bobby Axelrod leitet den von ihm gegründeten Hedgefonds Axe Capital, ist dort der Schlauste unter vielen Schlauen und geriert sich gerne als Philantrop und Selfmade-Man. Mit seiner Ehefrau Lara (Malin Akerman) trifft er sich zum Mittagessen im Pizzaladen um die Ecke statt im noblen Fünf-Sterne-Restaurant. Er hat es geschafft, in den Augen der Öffentlichkeit nicht als raffgieriger Egoist dazustehen wie sämtliche seiner Kollegen, sondern als großzügiger Lebemann. Trotzdem treibt ihn auch die Geltungssucht an, und so widmet er sich ausschweifend der Frage, ob er sich ein Strandhaus für 83 Millionen Dollar zulegen soll.

Bobby %26bdquo;Axe%26ldquo; Axelrod (Damian) mag; was er sieht. © Showtime
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Neben diesem größenwahnsinnigen Investment wirft seine trübe Vergangenheit einen dunklen Schatten auf das blütenweiße Image. Als Einziger seiner alten Firma überlebte er die Terrorangriffe des 11. September in New York, weshalb er den Hinterbliebenen mit Stipendien eine gute Ausbildung ermöglicht. Leidet er lediglich unter dem Überlebenden-Syndrom oder steckt mehr dahinter? Wenngleich diese Frage im Piloten nicht eingehend beleuchtet wird, gibt es doch genügend Hinweise, um über eine Verschwörung zumindest spekulieren zu können.

Unleash holy fucking hell

Zusätzliche Brisanz erhält dieser potenzielle Handlungsbogen, weil auch Laras Bruder bei den Angriffen ums Leben kam. Noch führen die Axelrods jedoch eine harmonische Beziehung. Bobby kann sich der vollen Rückendeckung seiner Ehefrau sicher sein. Ihren beiden Söhnen lassen sie schon beim Abendessen eine Erziehung zukommen, die sie wohl auf ein erfolgreiches Berufsleben vorbereiten soll. Sie werden nicht nur zu Fakten der amerikanischen Geschichte abgefragt, sondern bekommen auch Lektionen in Geschäftstaktiken. Sympathischer macht das die Eheleute nicht gerade.

Gejagt wird Bobby von Staatsanwalt Chuck Rhoades, wobei im Verlauf der Auftaktepisode nie klar wird, wieso der ein solch gesteigertes Interesse an der Ergreifung des Milliardärs hat. Rhoades geriert sich als standhafter Kämpfer gegen die Korruption an der Wall Street, lässt aber nicht durchblicken, warum es im Meer der Finanzjongleure gerade dieser Hai ist, den er so unbedingt vor die Harpune bekommen will. Seine kompromisslose Härte gegen white collar-Kriminelle lässt er indes in einem Meeting durchscheinen, das sein Vater Chuck senior (Jeffrey DeMunn) anberaumt hat. Letztgenannter will einem alten Freund aus der Patsche helfen, was Chuck junior aber mit größter Entschiedenheit ablehnt.

Seine übrige Zeit verbringt Rhoades hauptsächlich damit, einen Weg zu finden, seinem Widersacher ein Bein zu stellen. Dessen potenzielles 83-Millionen-Dollar-Investment könnte für die damit verbundene PR-Schlacht das fehlende Puzzleteil darstellen. Fortan würde Axelrod in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr als bescheidener Philantrop dastehen, sondern als raffgieriger Milliardär wie all die anderen Superreichen. Dann wären die Informationen über möglichen Insiderhandel bei „Axe Capital“, die Rhoades von SEC-Mann Ari Spyros (Stephen Kunken) bekommt, gleich mehr wert.

Wendy (Maggie Siff) ist bislang die interessanteste Figur der neuen Serie. © Showtime
Wendy (Maggie Siff) ist bislang die interessanteste Figur der neuen Serie. © Showtime

Axelrod weiß das natürlich, weshalb er seinerseits Vorkehrungen trifft, um sich gegen den aufziehenden Sturm zu wappnen. Am Ende hilft es jedoch nichts - von seinem Spitzel Hall (Terry Kinney) erfährt er am Ende, dass bei der Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen ihn eröffnet wurde. Fortan werden wir den beiden Schwergewichten des Finanzmarktes wohl dabei zusehen, wie sie sich gegenseitig umkreisen - immer darauf bedacht, den nächsten, potenziell ausknockenden Hieb des Gegenübers zu antizipieren.

They are dying to boo

Eine weitere Komplikation erhält das Duell durch die Tätigkeit von Rhoades' Ehefrau Wendy (Maggie Siff) als Psychologin bei „Axe Capital“. Hier besteht ein glasklarer Interessenskonflikt, weshalb Chuck zu Hause auch auslotet, ob Wendy noch zufrieden ist mit ihrem Arbeitgeber. Sie ahnt sogleich, was er damit wirklich beabsichtigt, und hält ihm eine Tirade darüber, wie respektlos sein Vorgehen ist. Der Streit bedeutet jedoch nicht, dass sie ihm die abendliche BDSM-Session vorenthalten würde, bei der nicht nur Schmerzen, sondern auch Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden - Showtime eben.

Siff liefert in ihren Szenen eine wunderbare Darstellung ab. Wendy ist energisch, selbstbewusst und angriffslustig - so ziemlich das genaue Gegenteil zu ihrer Rolle in Sons of Anarchy, wo sie meist das hilflose Opfer darbot. Die Verquickung zwischen „Axe“ und der Staatsanwaltschaft mag weit hergeholt sein, aber das ist ganz offensichtlich der Modus Operandi dieses Formats. Es bleibt abzuwarten, ob es nur die Pilotepisode war, die lediglich an der Oberfläche komplizierter Finanzmarkt-Verflechtungen kratzt, oder ob noch tiefer in die Materie abgetaucht wird.

Zu wünschen wäre letzteres, wie es derzeit auch in höchst amüsanter und verständlich aufbereiteter Form im Kino zu sehen ist. Der witzige Finanzthriller „The Big Short“ von Adam McKay geht mit einem lachenden und einem bitterlich weinenden Auge an die Materie heran und lässt beispielsweise eine sektschlürfende Margot Robbie im Schaumbad erklären, was Collateralized Debt Obligations sind und warum sie einer Volkswirtschaft eigentlich nur schaden können.

Soviel augenzwinkernde Chuzpe lässt sich in Billions bislang nicht ausmachen, fürs Erste genügt jedoch die vitale Präsenz der Hauptdarsteller und ihre offensichtliche Lust am Material.

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