Betty 1x01

© achelle Vinberg, Dede Lovelace und Kabrina Adams in Betty (c) HBO
HBO holt die Skateboards aus dem Keller und manch ein Zuschauer fragt sich wohl, ob schon wieder 1999 ist. Dass Tony Hawk, das Aushängeschild der einst so angesagten Brettsportart, inzwischen selbst über 50 ist, sagt eigentlich schon alles über die Aktualität des Themas. Trotzdem erweist sich der Ansatz des Kabelsenders als gar nicht mal so dumm. Denn, auch wenn die erste Reaktion, die die neue Komödie Betty hervorruft, ein sarkastischer Kommentar sein mag, dürfte sich spätestens nach der Sichtung der Pilotepisode, die den seltsam doppeldeutigen Titel Key Party trägt, Zuversicht einstellen.
Kreiert wurde das Format von Crystal Moselle, die bereits den Indiestreifen „Skate Kitchen“ inszenierte, in welchem die Figuren aus Betty ebenfalls schon auftauchen. Es handelt sich bei der Serie demnach um ein Spin-off, wobei nur die wenigsten die Vorlage tatsächlich gesehen haben werden. Sechs jeweils halbstündige Episoden stehen in der Auftaktstaffel, die vergangenen Freitag ihre US-Premiere feierte, zunächst auf dem Plan. Hierzulande hat sich leider noch kein Heimatsender für die Coming-of-Age-Comedy gefunden, obwohl am ehesten wohl Sky infrage kommt...
Worum geht's?
Im Zentrum der Geschichte stehen die Skaterinnen Janay (Dede Lovelace), Kirt (Nina Moran), Honeybear (Kabrina Adams, genannt „Moonbear“), Indigo (Ajani Russell) und Camille (Rachelle Vinberg). In der von Männern dominierten Welt des Skatings müssen sie jeden Tag um ihren Status kämpfen. Das geht schon damit los, dass ihnen der Zutritt für die großen Halfpipehallen verwehrt bleibt, was besonders an regnerischen Tagen äußerst ärgerlich ist, da ihnen so nur die kleinen Parcours im Freien bleiben. Um endlich ernst genommen zu werden, wollen sich die skatenden Damen daher zusammenschließen.
Streng genommen wollen das anfangs eigentlich nur Janay und Kirt, denn Indigo lernt gerade erst skaten und Camille ist so gut, dass sie von den Männern bereits ernst genommen wird. Ihren Kolleginnen dabei helfen, dass sie dieselben Privilegien genießen wie sie selbst, steht nicht weit oben auf ihrer Prioritätenliste. Und Honeybear - nun ja, Honeybear ist nach der ersten Folge noch ein einziges Mysterium. Nach allem, was wir wissen, könnte sie genauso gut von einem anderen Planeten kommen, was sie durchaus sympathisch macht. Vor allem ihr Modegeschmack regt zum Staunen an...

Andererseits sind tatsächlich alle Figuren in Betty echte Unikate. Dieser Bonus ermöglicht es der Serie, die Story an sich eher unspektakulär zu halten. Selbst ein gediegener Spaziergang durch die Straßen von New York wäre mit diesen Charakteren schon interessant genug, um das wöchentliche Einschalten zu rechtfertigen. Auch überzeugt natürlich das Setting, also die sommerliche Großstadt, gerade zu diesen Zeiten, in denen wir dazu gezwungen sind, die meiste Zeit zu Hause zu bleiben. Was die generellen Vibes angeht - ja, Kids, ich bin uncool - erinnert das Ganze leicht an Broad City, was wohl ebenfalls auf den Handlungsort und die Albernheiten der Heldinnen zurückzuführen ist.
Dass der Soundtrack größtenteils aus Hip-Hop-Songs besteht, überrascht wohl wenig. Im Abspann bringt Moselle, die selbst die Regie übernahm, mit dem Can-Stück „She Brings the Rain“ (hier die Hörprobe) derweil ein eher unerwartetes Lied. Gemeint ist mit der Regenbringerin vermutlich Camille, die ihre neu gefundenen Skating-Schwestern am Ende der ersten Episode hintergeht. Sie wird in die heiligen Hallen der Herren hineingelassen, während Janay und Co draußen bleiben müssen. Dabei gab es vorher einen Deal, wonach sie endlich einen Schlüssel kriegen würden, wenn sie einem der Clubmitglieder helfen, einen Taschendieb zu fassen - was ihnen trotz reichlichen Drogenkonsums auch gelingt.
Fazit
Alles in allem bietet die neue HBO-Serie Betty einen sehr gelungenen Einstand, der fraglos Lust auf mehr macht. Atmosphäre und Charakterzeichnung sind superb, genau wie die musikalische Untermalung. Aus diesem Grund könnte das Format sogar für Serienjunkies spannend sein, die sich nicht im Geringsten für das Thema Skating interessieren. Mein eigenes Fachwissen hört auch schon bei Flips und Ollies auf beziehungsweise stammt meine Expertise einzig aus dem PlayStation-2-Spiel „Tony Hawk's Pro Skater 4“, in dem ich als Kind mit Jango Fett auf Alcatraz herumgegrindet bin.
Trotz der tollen Machart schreit bei Betty selbstverständlich alles nach Nischenserie. Vermutlich werden 90 Prozente der Leserinnen und Leser dieses Artikels nie wieder in ihrem Leben von der HBO-Comedy hören. Falls sie es überhaupt jemals nach Deutschland schaffen wird. Tatsächlich ist es schon sehr schwierig, die Filmvorlage auf legalem Weg zu sehen. Wer aber das Glück hat, das Format zu finden, wird sicher großen Spaß damit haben. Der Inbegriff einer Serienperle, kreiert von einem Haufen Kreativer, denen hoffentlich eine große Zukunft gegönnt sein wird.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen HBO-Serienperle „Betty“:
Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 4. Mai 2020Betty 1x01 Trailer
(Betty 1x01)
Schauspieler in der Episode Betty 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?