Better Things 1x10

„I suck as a daughter, suck as a mom“, wirft sich Sam (Pamela Adlon) im Selbstgespräch vor, nachdem sie den angekündigten Wochenendausflug mit ihrer Mutter Phyllis (Celia Imrie) so kurzfristig wie möglich abgesagt hat. Das stimmt natürlich nicht, wie wir eindrucksvoll in der grandiosen ersten Staffel von Adlons Comedy Better Things sehen konnten. Aber manchmal stimmt es eben doch, manchmal kann selbst die Vorzeigemutter Sam nicht die Kraft aufbringen, um auch eine Vorzeigetochter zu sein.
No „Pretty Little Liars“
Den Kern der Serie, bei der Adlon tatkräftige Unterstützung von Louis C. K. erhält, in Only Women Bleed etwa als Koautor, bildet das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern. Ein Verhältnis, das ständiger Veränderung ausgesetzt ist, das niemals stagniert, das mal kompliziert, mal liebevoll, mal schwer zu ertragen und mal wunderbar leicht ist. Adlon und Konsorten ist es gelungen, das in der ersten Staffel ein ums andere Mal auf wundersame Weise einzufangen - und das sowohl in dramaturgischer wie auch in visueller Hinsicht.
Die Finalepisode ist dafür ein nahezu perfektes Beispiel, sie gehört zu den besten Folgen der an solchen sehr reichen Staffel. Sie folgt keiner klaren narrativen Richtung, sondern bemüht sich viel eher darum, tief in das Seelenleben ihrer Protagonistinnen einzutauchen und uns Zuschauern ein Gefühl davon zu vermitteln, was es bedeutet, den Fox-Haushalt zusammenzuhalten. Dabei kommt es immer wieder zu überraschenden Wendungen, die die vermutete Stoßrichtung der Episode auf den Kopf stellen und sie auf einmal zu etwas ganz anderem, aber ebenso interessantem machen.
Zu Beginn will Sam mit ihrer Mutter zu erwähntem Kurzurlaub aufbrechen. Die beiden pflegen ein äußerst ambivalentes Verhältnis zueinander, dessen Ursprung uns Zuschauern noch nicht weiter erhellt wurde. Sam strengt dazu gegenüber ihrer Freundin Tressa (Rebecca Metz) eine Überlegung an: „One of the reasons I hate her so much is that she's in my life every day.“ Das könnte eine Erklärung sein, schließlich zeigt sich schon beim Einräumen des Kofferraums, wie kompliziert Phyllis sein kann. Sie wegen ihrer schwierigen Persönlichkeit aber gleich zu hassen, scheint eine Überreaktion zu sein.

Wie schwer, ja geradezu unmöglich es für Sam ist, all ihre Verpflichtungen miteinander zu vereinbaren, zeigt sich an den unterschiedlichen Reaktionen ihrer Töchter. Duke (Olivia Edward) weint bitterlich, weil sie ihre Mutter keine zwei Tage missen will: „I want me to have a special time.“ Max (Mikey Madison) ist hingegen so uninteressiert an der Abreise ihrer Mutter, dass sie zum Abschied nicht mal von ihrem Handy aufschaut. Vielleicht weiß sie ja schon, dass das Wiedersehen nicht allzu lange auf sich warten lassen wird.
No, mom. You don't understand.
Ob es nun Phyllis' Ankündigung ist, Zeitungsartikel für ihre Tochter ausgeschnitten zu haben, oder doch die Sehnsucht der kleinen Duke - Sam realisiert noch vor dem Verlassen der Einfahrt, dass sie unter keinen Umständen dazu bereit ist, ein ganzes Wochenende nur mit ihrer Mutter zu verbringen: „I'm past the point where I could do this with you.“ Phyllis versucht, gelassen zu reagieren, jedoch sehen wir dank Imries genialem Spiel deutlich, wie betroffen sie ist. So schwer Sam diese kurzfristige Entscheidung auch gefallen sein mag, so froh ist sie nun darüber, nicht nach Santa Barbara fahren zu müssen - und das trotz der Erkenntnis, bei allen ihren häuslichen Pflichten zu versagen.
Solche zerrissenen Figuren sind es, mit denen wir heutzutage dank Tony Soprano und dem von ihm eingeläuteten Golden Age of Television mitfiebern dürfen. Das Identifikationspotential ist hoch. Wer kennt nicht auch einen Haushalt, in dem es an einem ganz normalen Wochentag chaotisch zugeht? Adlon nimmt uns als Regisseurin mit auf einen im Leben ihrer Protagonistin, der für Sam damit beginnt, Duke nach einem schlimmen Traum zu beschwichtigen und ihr zu erlauben, nicht in die Schule zu gehen, obwohl offensichtlich ist, dass sie ihre Erkältung nur vorspielt. Weiter geht es mit der Schlichtung eines Garderobenstreits zwischen Max und Frankie (Hannah Alligood), die davon gar nichts wissen wollen: „This is between sisters.“
Zwischendurch versucht Sam im Schlafdress, Nacktbilder an ihren unbekannten Liebesgespielen zu schicken, den sie im Handy nur unter „nobody“ abgespeichert hat. Unterbrochen wird sie dabei von Haushälterin Esperanza (Lidia Porto), die trotz offensichtlicher Gebrechen zur Arbeit erschienen ist, und Ray, der Sam wohl bei den Finanzen hilft, sich aber auch nicht zu schade ist, sie beim Packen der Lunchpakete für die Kinder zu unterstützen. Gekrönt wird dieser Auflauf durch die Ankunft mehrerer Freunde, die den Lärmpegel im Haus so sehr erhöhen, dass der fantastische Song „O Superman“ von Laurie Anderson kaum noch zu hören ist.

Als die Kinder endlich in der Schule sind, startet Sam einen neuen Versuch der Funkwellenintimität. Jedoch wird auch dieser durch einen Anruf von Frankies Lehrerin verhindert, woraufhin Sam in die Schule eilen muss. Dort stellt sich heraus, dass Frankie für einen Tag suspendiert wurde, weil sie die Jungstoilette benutzen wollte. Erst jetzt fängt die eigentliche Geschichte dieser Episode an. Beim gemeinsamen Mittagessen legt die mittlere Tochter überzeugend und anhand eines sehr drastischen Beispiels dar, dass sie sich nicht als Junge identifiziere, sondern die Mädchentoilette einfach nur eklig finde.
Dedicated to my daughters
Vielleicht aus Bequemlichkeit, vielleicht aus Naivität gibt sich Sam mit dieser Ausführung zufrieden, wird aber hernach von ihrer ältesten Tochter, Max, eines Besseren belehrt. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass Frankie ein Junge ist - und sagt das auch genau so. Nicht etwa, dass sich ihre kleine Schwester als Junge fühle oder idenfiziere, sondern dass sie ein Junge sei. Sam nimmt das zum Anlass, Frankie einfach nur fest in den Arm zu nehmen. Sollte es ein Gespräch zwischen den beiden gegeben haben, lässt uns Adlon nicht daran teilnehmen, sondern schneidet direkt zur wunderbaren Abschlussmontage, deren Song, „Only Women Bleed“ von Alice Cooper, dieser Episode den Titel gibt.
Über weite Strecken ist es eine gut gelaunte, Hoffnung spendende Montage. Sam und ihre Kinder singen fröhlich ein Lied mit, das von einer misshandelten Frau erzählt und nach seiner Veröffentlichung wegen angeblicher Misogynie kritisiert wurde. Wie schon über den gesamten Verlauf der ersten Staffel von Better Things wird noch einmal der große Zusammenhalt innerhalb dieser familiären Frauenbande verdeutlicht, jedoch gibt es mit Phyllis auch eine Zurückgelassene, die von diesem erhabenen Moment ausgeschlossen ist. So sehr wir uns alle bemühen, gute Menschen, Eltern und Kinder zu sein, so oft misslingt uns das.
So viel weiß auch Sam: „Everybody always gets a little bit screwed, even if I do my best. It ain't ever enough.“ Und selbst, wenn sie stets die richtige Vermutung hätte, wie zum Beispiel bei Frankie, wüsste sie trotzdem nicht immer, wie sie darauf reagieren soll. In der mutmaßlichen Identifikation von Frankie als Transperson kulminiert ein Thema, das sich durch Adlons gesamte Karriere zieht und schon in der Benennung ihrer Hauptfiguren erkennbar war. Gleichzeitig steht dieses Thema selbst dann nicht im Vordergrund, wenn es den A-Plot einer Episode bildet.
Wie die Widmung am Ende der Episode beweist, geht es Better Things vielmehr darum, den starken Zusammenhalt zu zeigen, den Frauen, Mütter und Töchter miteinander pflegen müssen, um in dieser Welt zurechtzukommen. Das gelingt der Serie außerordentlich gut.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 11. November 2016(Better Things 1x10)
Schauspieler in der Episode Better Things 1x10
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