
Das Heldenepos Beowulf, Expertenmeinungen zufolge irgendwann im frühen achten Jahrhundert entstanden, stellt eine der ältesten literarischen Erzeugnisse Englands dar. Die Geschichten um den unerschrockenen Krieger, der sich den verschiedensten Fabelwesen und Monstern stellt, wurde mehrfach für Film und Fernsehen adaptiert. Vielen dürfte dabei der eher unsägliche Versuch aus dem Jahr 2007 in Erinnerungen geblieben sein, als die klassische Sage komplett animiert und stark verändert unter dem deutschen Titel „Die Legende von Beowulf“ erschien. Trotz Starbesetzung (Ray Winstone, Angelina Jolie, Anthony Hopkins, Brendan Gleeson und John Malkovich) ging die Verfilmung schwer nach hinten los und geriet zu Recht schnell in Vergessenheit.
Nun haben sich die Serienschöpfer James Dorner und Michael A. Walker daran gemacht, den ruhmreichen Helden abermals in ihrem epischen Fantasydrama Beowulf (Untertitel: Return to the Shieldlands aufleben zu lassen und der Saga einen etwas moderneren Schliff zu geben. In Zeiten, in denen das Thema Fantasy auf dem TV-Markt regelrecht boomt und immer wieder gerne literarische Vorlagen aus diesem Genre für das Fernsehen adaptiert werden - ein Trend, der mit George R. R. Martins A Song of Ice and Fire und Game of Thrones vor einigen Jahren seinen Anfang fand -, springt nun noch der britische Sender ITV auf diesen Zug mit auf.
A name to remember
Die Pilotepisode kann sich durchaus sehen lassen. Etwas negativ fällt nur die Vorhersehbarkeit der Handlung auf, die nicht gerade vor Originalität strotzt. Als „geübter“ Serienkonsument erkennt man schnell die klassischen Abläufe einer Handlung, die sich um einen äußerst fähigen und auf seine eigene Art charmanten Protagonisten dreht, der nach Jahren der Verbannung in seine Heimat zurückkehrt, wo er auf einen eifersüchtigen Halbbruder trifft, womöglich in ein fatales Liebesdreieck verspinnt wird und auch noch Rache üben muss. Da wir diese Art der Erzählung bereits etliche Male gesehen haben, geht „Beowulf“ stellenweise die Spannung ab. Die schwierige Aufgabe, die sich den Serienmachern stellt, ist, die sehr vertraute und geläufige Geschichte so zu verpacken, dass man trotzdem gerne einschaltet und erfahren möchte, wie es mit Beowulf weitergeht.

Banished
Ein Weg, dieses Ziel zu erreichen, stellen zum Beispiel die Charaktere dar. Das Fantasydrama ist ohne Frage prominent besetzt - die bekanntesten Namen dürften wohl William Hurt, Joanne Whalley, David Harewood und David Bradley (die beiden letzteren sind in der ersten Episode noch nicht zu sehen) sein. Die Darstellerinnen und Darsteller können im Großen und Ganzen auch überzeugen. Ob die Figuren, die uns in der ersten Folge des Formats vorgestellt werden, aber letztlich genug hergeben, um die Geschichte aufzupeppen, bleibt abzuwarten. Mit dem vorwiegend aus anderen Serien bekannten Kieran Bew (u.a. aus Da Vinci's Demons oder Crusoe) als Hauptdarsteller hat man eine solide Wahl getroffen, das gewisse Etwas geht dem englischen Schauspieler aber noch abhanden. Dies kann sich in den nächsten Folgen noch fügen. Die schauspielerischen Fähigkeiten, seinen vielschichtigen Charakter überzeugend zu porträtieren, scheint er zu besitzen. Zwar dauert es ein Weilchen, bis man in ihm nicht mehr Sean Bean als Boromir aus der „Herr der Ringe“-Trilogie sieht, für die optische Ähnlichkeit kann Bew jedoch nicht viel.
Was dessen Kolleginnen und Kollegen angeht, störe ich mich persönlich am meisten an Edward Speleers in der Rolle von Beowulfs argwöhnischen Halbbruders Sleane, der seine unsympathischen Figur allzu monoton darstellt. Der Rest der Charaktere bleibt blass und darf sich nur kurz in manchmal etwas hölzern wirkenden Dialogen vorstellen. Laura Donnelly als potentielles Objekt der Begierde für unseren Helden (gleichzeitig ist ihre Figur der Elvina mit Sleane verbandelt, den Konflikt sieht man bereits jetzt schon) macht sich nicht schlecht, ebenso wie Joanne Whalley als Rheda, die Witwe des alten Herrschers Hrothgar, die nun dessen schweres Erbe antritt und sich in einer von Männer dominierten Welt behaupten muss. Und mit dem Casting von William Hurt als natürliche Autoritätsperson Hrothgar, welcher Beowulf einst unter seine Fittiche genommen hat und der, wie sich am Ende der Folge herausstellt, sogar dessen leiblicher Vater ist, kann man ohnehin nicht viel verkehrt machen.
Bold choices
Durchaus positiv empfinde ich derweil die Entscheidung der Macher, vieles in der Auftaktepisode von Beowulf einfach passieren zu lassen und auf zu ausschweifende Exposition zu verzichten. Insbesondere in derartigen Fantasygeschichten lassen sich oft solche Figuren finden, deren einzige Daseinsberechtigung es ist, uns mit Informationen zu der Welt zu versorgen, in der wir uns als Zuschauer wiederfinden. In „Beowulf“ fällt dieser Aspekt eher weniger ins Gewicht, gelegentlich übernimmt der Titelheld ein paar kleinere Erklärungen, für die meiste Zeit obliegt es aber dem Zuschauer selbst, sich in die Fantasywelt der Shieldlands, den Herrscherverhältnissen, Charakterkonstellationen sowie Mythen um sagenumwobenden Gestalten hineinzuarbeiten.
Manchmal würde ich mir gar ein paar mehr Erklärungen wünschen, oder zumindest Namen von Figuren (Beowulfs Mitstreiter oder eine taffe junge Schmiedin bleiben für mein Empfinden doch recht anonym), um eine Basis an Wissen über die hier gezeigte Serienwelt zu erhalten. Andererseits finde ich es immer positiv, wenn man es dem (aufmerksamen) Zuschauer überlässt, eigenständig Informationen zu sammeln und so in die Geschichte einzutauchen. Die dargestellte mythische Welt hat nicht nur ein paar sehenswerte Landschaftsaufnahmen zu bieten, die hier und da mit Hilfe von Computertechnik etwas aufgehübscht werden, sondern auch das eine oder andere Fabelwesen, mit dem es unser Held sogleich zu tun bekommt.
Dark dirt
Besagte Wesen zeichnen sich zunächst vor allem durch sich auffällig abhebende CGI-Animationen aus, die jedoch im Rahmen des Produktionsbudgets von ITV (das für die Verhältnisse des Senders angeblich sehr hoch sein soll) in Ordnung gehen - vorsichtig formuliert. Vielleicht ist es auch nur meine subjektive Wahrnehmung, aber die nahen Aufnahmen von den animierten Kreaturen sprechen mich mehr an als die aus größerer Distanz. Rein inhaltlichen wird es interessant sein zu sehen, wie prominent verschiedenste Fabelwesen in die Handlung eingearbeitet werden. Dass es sich bei dem Wesen, welches Elvina entführt, um eine missverstandene Kreatur handeln könnte, macht diesen Aspekt zumindest nicht komplett zu einer Schwarz-Weiß-Angelegenheit. Werden die Geschöpfe zu Unrecht vorverurteilt? Möglich ist jedoch auch eine regelmäßige Monsterhatz, was sich aber relativ schnell abnutzen könnte.
Darüber hinaus deutet sich gerade zum Ende der Pilotepisode noch großes Drama an, mit dem man ins gleiche Horn wie andere Genrevertreter stoßen will: Die rechte Hand des verstorbenen Herrschers Hrothgar wird zunächst ermordet aufgefunden, etwas unglücklich wird Beowulf als Schuldiger zum Tode verurteilt. Schlussendlich fällt der Verdacht auf die Bestie, die Elvina attackiert hatte. Wie sich aber herausstellt, wurde der treue Lakai erdolcht, was vermuten lässt, dass am Hofe von Rheda bereits ordentlich intrigiert wird. Beowulf wird wohl nun in diese undurchsichtige Machtspielchen involviert werden, während Rheda um ihre gerade erst gewonnene Position als neue Herrscherin über die Shieldlands kämpfen muss. Auch hier fehlt der Geschichte etwas Frische, nebulöse Charaktere wie der von Edward Hogg gespielte Varr oder selbst Sleane, der übergangene Sohn Rhedas, vermutet man bereits jetzt schon am andere Ende eines finsteren Plans, Rheda zu stürzen.

Blood for blood
Für die nächsten Episoden würde ich mir wünschen, dass einige kleinere bis mittelgroße Probleme abgestellt werden, so zum Beispiel die absolute Unfähigkeiten eines jeden Soldaten, mit dem es Beowulf zu tun bekommt. Ebenfalls etwas eigenartig muten die wenigen actionreichen Sequenzen an, in denen Spannung aufgebaut werden soll, welche jedoch extrem schnell wieder verpufft, gelingt Beowulf doch stets erschreckend einfach die Flucht. Die Gegenüber und Feinde unseres Protagonisten nimmt man so nicht wirklich ernst. Was man sich dabei gedacht hat, in einer Szene auf den allseits bekannten Wilhelmsschrei zurückzugreifen, mag ich mir auch nicht recht erklären können. Eventuell möchte man das Ganze hier und da etwas auflockern, was sich unter anderem auch in der Figur des Aufreißers Breca (Gisli Örn Gardarsson) zeigt, dessen Bemühungen, mit ein paar flapsigen Sprüchen für ein klein wenig Humor zu sorgen, eher untergehen.
Der Auftakt zu Beowulf ist insgesamt aber solide, die nächste große Neuentdeckung im Fantasygenre sollte man aber gemessen an der Pilotepisode nicht erwarten. Trotz einiger sehr gelungenen Entscheidungen, wie man die Fantasywelt der Shieldlands einführt und was für Darsteller und Darstellerinnen man in welchen Rollen besetzt, vermisst man etwas den Zug zur Sache. Das macht den Start wiederum etwas holprig, doch was nicht ist, kann bekanntermaßen ja noch werden.
Serientrailer zu „Beowulf“: