Beat 1x01

Beat 1x01

Wo im Grundgesetz steht eigentlich geschrieben, dass jede deutsche Serie ein Krimi sein muss? Auch Beat von Amazon passt in dieses Schema. Im Gegensatz zum Vorgänger You Are Wanted kann die einheimische Eigenproduktion aber wenigstens mit Atmosphäre punkten.

Beat (Jannis Niewöhner) weiß, wie man Spaß hat und genießt die Berliner Partyszene in vollen Zügen. (c) Amazon Prime Video
Beat (Jannis Niewöhner) weiß, wie man Spaß hat und genießt die Berliner Partyszene in vollen Zügen. (c) Amazon Prime Video
© eat (Jannis Niewöhner) weiß, wie man Spaß hat und genießt die Berliner Partyszene in vollen Zügen. (c) Amazon Prime Video

Turbulente Zeiten in Berlin: Unser/-e junge/-r Held/-in gehört zum Feiervolk der Bundeshauptstadt des Vergnügens und macht die Nächte sprichwörtlich zu Tagen. Auf den Straßen und in der Unterwelt toben politische Unruhen, während man in den angesagten Klubs dem Sex, den Drogen und den Klängen der Musik verfällt. Doch das unbeschwerte Leben der Hauptfigur nimmt eine jähe Wendung: Ein/-e Polizist/-in verwickelt sie in einen komplizierten Kriminalfall, der sich bald schon in das größere Bild der Korruption und Verschwörung eingliedert. Die Prämisse zur neuen Amazon-Serie Beat klingt vertraut für Euch? Ganz einfach: Ihr kennt sie bereits von Babylon Berlin.

Knapp 90 ereignisreiche Jahre liegen zwischen der „Babylonierin“ Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) und dem „Beatnik“ Robert Schlag (Jannis Niewöhner), ihrem unbekannten Seelenverwandten aus einem anderen Serienuniversum. Berlin überstand indes nicht nur eine, sondern gleich zwei Unrechtsregime, gilt aber auch heute noch als eine der Partyhochburgen Deutschlands und der Welt, eben ein Mekka für junge Lebemenschen. Wer hier groß wird, übersieht häufig, welchen Charme die Stadt an der Spree in den Augen von Besuchern haben kann - eine mehr als nachvollziehbare Wahl für den Schauplatz einer deutschen Dramaserie mit internationalen Ambitionen also.

Und tatsächlich kann man Beat keinen Vorwurf machen, dem SKY- und ARD-Erfolg Babylon Berlin - zumindest auf dem Papier - so ähnlich zu sein. Höchstwahrscheinlich hatte der Serienschöpfer Marco Kreuzpaintner („Krabat“) das Werk seiner Kollegen Tykwer, Handloegten und von Borries nicht einmal im Hinterkopf, als er gemeinsam mit dem Drehbuchautor Norbert Eberlein („Dorfpunks“) an der Story seiner siebenteiligen Auftaktstaffel tüftelte (seit Freitag, den 9. November weltweit bei Amazon Prime Video zu finden). Ohnehin scheint es irgendein Gesetz zu geben, dass jede deutsche Serie ein Krimi mit politischer Relevanz sein muss. Allzu abgedroschen wirkt das Endprodukt im Gegensatz zu You Are Wanted, dem vorherigen Versuch einer Amazon-Streamingserie „made in Germany“, erfreulicherweise aber nicht.

Techno statt Swing

Besonders die allererste Episode von Beat ist durchaus vielversprechend und erfrischend. Kreuzpaintner, der für die Hellinger/Doll Filmproduktion, Warner Bros. Film Productions Germany, Pantaleon Films und Amazon zugleich als Regisseur der Serie fungiert, gelingt ein atmosphärischer Einstieg. Den Protagonisten Beat - ein englischer Spitzname, abgeleitet vom Nachnamen Schlag - präsentiert er uns zunächst nur rücklings. Dank einer Plansequenz kann aber trotzdem schnell Intimität entstehen - und unwillkürlich will man sich an Indiestreifen wie „Victoria“ oder „Enter the Void“ erinnert fühlen...

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Beat (Jannis Niewöhner) soll Emilia (Karoline Herfurth) und den EU-Behörden als Navigator in der Berliner Unterwelt dienen.
Beat (Jannis Niewöhner) soll Emilia (Karoline Herfurth) und den EU-Behörden als Navigator in der Berliner Unterwelt dienen. - © Amazon Prime Video

Die Serie zeigt uns Beat in seinem Element: Berauscht in seinem Klub herumstolzierend - oder eigentlich dem Klub seines Kumpels und Geschäftspartners Paul (Hanno Koffler) - und auf der Suche nach einer hübschen Frau oder einem hübschen Mann, die oder den er mit nach Hause nehmen kann. Dass Beat bisexuell ist, wird nur als Randnotiz erwähnt, denn dies ist nicht die Geschichte eines bisexuellen Berliners, sondern eines Berliners, der eben zufällig bisexuell ist. Ohnehin hat die Figur bald ganz andere Sorgen als ihre persönlichen Vorlieben bei der Partnerwahl, denn der Tod zieht in ihr Leben ein.

Ein religiöser Spinner quatscht Beat im Klub dumm von der Seite an. Der Partyplaner ahnt zunächst noch nicht, was sich hinter den wirren Worten der Schattengestalt verbirgt. Doch dann ertönen Schreie von der Tanzfläche, denn von der Decke baumeln zwei zurecht drapierte Leichen - genauer gesagt: zwei unbekleidete Frauen, die wie Engel über den sogenannten Sündern schweben. Die Szene an sich, aber auch die Figur des Mörders erzeugen gewisse Flashbacks an die fünfte Staffel der Showtime-Serie Dexter, die leider Gottes eine der schwächsten war. Allgemein zählen Psychokiller im Jahr 2018 zum wohl ausgelutschtesten Klischee, das man im Fernsehen zur Schau stellen kann. Tappt Beat also in die deutsche Krimifalle?

Die Party ist vorbei

Tatsächlich macht die Amazon-Serie nach ihrer mörderischen Wendung deutlich weniger Spaß, da sich nun die langweiligen Konventionen geradezu stapeln. Mit Karoline Herfurth als mysteriöse Staatsbedienstete Emilia wird zunächst der obligatorische love interest für Beat eingeführt. Sie ist es auch, die den Klubpromoter, der viele wertvolle Kontakte zum Milieu der Kriminellen hat, als Spitzel engagieren will. Sie handelt im Auftrag des europäischen Geheimdienstes ESI. Ihr Chef ist ein gewisser Richard Diemer, gespielt von Christian Berkel, der als geschliffener Anzugträger in einem schicken Büro natürlich selbst Dreck am Stecken haben muss.

Diemers zwielichtige Verstrickungen reichen sogar bis hin zu besagtem Mörder, der Beat inzwischen als regelrechter Stalker auf die Nerven geht. Enthüllt wird uns der Mann als Schlagermusikfan Jasper (Kostja Ullmann). Ihn und unseren Helden verbindet eine gemeinsame Kindheit im Internat. Das Leben der beiden begann also am selben Startpunkt, doch aus einem von ihnen wurde aufgrund vieler unglücklicher Umstände die wohl widerwärtigste Kreatur, die man sich nur vorstellen kann: ein Liebhaber der Songs von Peter Alexander - naja, und natürlich ein brutaler Serienkiller. Die überspitzte Antithese zwischen dem „guten Genre“ Techno und dem „bösen Genre“ Schlager ist eines der kreativen Highlights dieser Serie.

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Der Psychopath Jasper (Kostja Ullmann) liebt Schlagermusik und ist besessen von seinem Kindheitshelden Beat.
Der Psychopath Jasper (Kostja Ullmann) liebt Schlagermusik und ist besessen von seinem Kindheitshelden Beat. - © Amazon Prime Video

Kreuzpaintner und Konsorten belassen es im Lauf der Staffel allerdings nicht bei dem Handlungsstrang des religiösen Fanatikers, sondern setzen noch ein zweites, viel schlimmeres Monster obendrauf: den skrupellosen Investor Philipp Vossberg (Alexander Fehling) - fies bis in die Spitzen seiner perfekt gestylten Haare. Wenn dieser Mann den Mund aufmacht und von den Prinzipien des Kapitalismus und Sozialdarwinismus faselt, wirken die alttestamentarischen Tiraden Jaspers im Vergleich schon fast human. Dialogtechnisch sind jedenfalls beide Schurken keine große Offenbarung.

Politik und Paranoia

Auf der einen Seite ist es natürlich lobenswert, dass sich Kreuzpaintner in Beat solch aktuellen Themen wie dem Leid von Asylsuchenden in Deutschland oder der Arbeit der EU widmet. Konkret geht es darum, dass Vossberg und seine Adjutanten - allen voran die kaltblütige Handlangerin Lina (Anna Bederke) - eine unvorstellbar perverse Methode entwickelt haben, um günstig an wertvolle Organe heranzukommen. Sie entführen nämlich Flüchtende - allen voran Kinder -, die bei den Behörden noch nicht registriert sind und vergreifen sich an ihren wehrlosen Körpern. Wer nicht offiziell gemeldet ist, kann auch nicht vermisst werden - ein solch zynischer Gedanke, dass er in einer einfachen Unterhaltungsserie völlig fehl am Platz erscheint.

Auf Verbrechen hinzuweisen, ist zwar immer wichtig, doch im Fall von Beat wirkt die Bühne einfach nicht groß genug, um dem ganzen Ausmaß dieses Albtraumes gerecht zu werden - besonders, weil sich vieles nur im Nebenhandlungsstrang ereignet. Zudem will man sich als Zuschauer vehement dagegen wehren, einen Menschen, der derart unaussprechliche Dinge tut, auch nur im Geringsten faszinierend zu finden. Und genau diesen Verdacht erweckt die Charakterisierung Vossbergs leider: Wir sollen es lieben, ihn zu hassen. Aber für manche Taten ist das Gefühl des Hassens einfach viel zu wenig ernst.

Insgesamt steht am Ende der Eindruck, dass Kreuzpaintner in seiner neuen Amazon-Serie vielleicht zu viel auf einmal wollte. Wenn sich Beat statt Mord und Verschwörung bloß um das irdische Nachtleben von Berlin dreht, scheint die Geschichte jedenfalls erfrischender - zumal die persönlichen Akzente des Regisseurs hier eher zur Geltung kommen. Im besten Fall gelingt natürlich beides: eine Geschichte voller Spannung sowie eine Atmosphäre mit Authentizität. Und auch auf die Gefahr hin, das Beispiel zu überstrapazieren: Babylon Berlin gelingt dieses Kunststück deutlich besser. Mit Blick auf die Optik und das Schauspiel ist nur wenig zu beanstanden, Potential ist also auf alle Fälle erkennbar.

Der offizielle Trailer zur neuen deutschen Amazon-Serie „Beat":

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Verfasser: Bjarne Bock am Freitag, 9. November 2018

Beat 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Beat 1x01)
Titel der Episode im Original
BEAT
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 9. November 2018 (Amazon Prime Video)
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 9. November 2018
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 9. November 2018
Autor
Norbert Eberlein
Regisseur
Marco Kreuzpaintner

Schauspieler in der Episode Beat 1x01

Darsteller
Rolle
Jannis Niewöhner
Christian Berkel
Alexander Fehling
Kostja Ullmann
Hanno Koffler
Anna Bederke
Claudia Michelsen
Karl Markovics

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