Barcelona for Beginners - Familie und andere Katastrophen: Review der Pilotfolge der spanischen Dramedy-Serie bei ONE

Barcelona for Beginners - Familie und andere Katastrophen: Review der Pilotfolge der spanischen Dramedy-Serie bei ONE

Mit „Barcelona for Beginners - Familie und andere Katastrophen“ bringt ONE eine mehrfach ausgezeichnete achtteilige Tragikomödie, die sich allerdings in der Pilotfolge wenig komisch präsentiert und daher ihren Anspruch verfehlt. Was uns sonst noch missfällt, lest Ihr im Review zur ersten Folge.

Szenenfoto aus der Serie „Barcelona for Beginners“
Szenenfoto aus der Serie „Barcelona for Beginners“
© NDR und Kiku Piñol

Das passiert in der ersten Folge zur Serie „Barcelona for Beginners - Familie und andere Katastrophen“

Mariana (Aina Clotet) und Samuel (Marcel Borrás) ziehen in eine gute Wohngegend in den Hügeln von Barcelona und führen mit ihren Nachbarn ein idyllisches Leben. Um sich gegenseitig zu helfen, gründen sie eine Familientherapiegruppe. Alle Eltern machen mit, nur nicht die aus Schweden zugezogene Annika. Das überzogene Bild, dass diese eine perfekte Mutter und ein Vorbild für alle ist, fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen, als sich Annikas Sohn aus dem Fenster stürzt...

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Geschmacksfragen

Barcelona for Beginners ist als Tragikomödie deklariert, wobei ich mir bei der Begutachtung der Pilotfolge des Öfteren die Frage stellte, wo denn nun eigentlich der Witz an der Sache ist. Sicherlich, Annika wird von den anderen Mamis hoffnungslos glorifiziert, weil sie aus Schweden stammt und das Land bis zum Plot-Point der Folge als eine Art Paradies für Kinder gezeichnet wird. Den im Pressetext der ARD Mediathek erwähnten „cringen Humor“ suche ich hingegen immer noch.

Mag sein, dass sich die Serie in den folgenden sieben Teilen ihrer ersten Staffel mehr in diese Richtung entwickelt. Wer jedoch gute Situationskomik und witzige Dialoge erwartet, wird möglicherweise vorzeitig aufgeben. Der dramatische Teil ist hingegen durchaus ansprechend geschrieben und die Hauptrolle wird grandios von Aina Clotet gespielt. Auch die absichtlich übertriebenen Good-Feel-Aspekte des offensichtlich gehobenen Mittelstandes, wo alles angeblich perfekt läuft und es den Menschen überdurchschnittlich geht, sorgen für Unterhaltung.

Eine heftige Wendung

Das Problem ist indes, dass der große Wendepunkt von „Barcelona for Beginners - Familie und andere Katastrophen“ für die in den ersten 37 Minuten zur Schau getragene Leichtigkeit recht hart ist. Um die Scheinidylle der angeblichen Wohlfühlnachbarschaft zu entlarven, hätte auch ein weniger drastischer Schritt als der Suizid von Annikas Sohn genügt. Mit anderen Worten fällt der Kontrast an dieser Stelle für eine Serie, die sich eben auch als Comedy definiert, viel zu drastisch aus.

Die Frage, ob die dramaturgische Entscheidung letztlich für die Geschichte Sinn ergibt, stellt sich dabei gar nicht. Das bis dato vollkommen uninteressante Leben der Protagonisten muss schlicht und ergreifend durchbrochen werden, um der Serie eine Chance auf Tiefsinn zu gewähren. Andererseits bemüht das Schreibteam hier in gewisser Weise eine Haudraufrhetorik, um das Publikum aus dem zuvor mühsam aufgebauten narrativen Safe Space herauszureißen. Das kann man mögen, muss man aber nicht.

Zwischen Desinteresse und bemühtem Witz

Szenenfoto aus der Serie „Barcelona for Beginners“
Szenenfoto aus der Serie „Barcelona for Beginners“ - © NDR und Kiku Piñol

Die einzigen spaßigen Momente der ersten Folge gehen zulasten von Vater Samuel, der Haus und Kinder hütet, während Marina in der Weltgeschichte herumtingelt, um ihren persönlichen Traum zu leben. Nichts gegen die Konstellation als solches, doch die beinahe schon trottelige Art, mit der Samuel von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt, sieht schon verdächtig nach einer Ohrfeige in Richtung der männlichen Fähigkeit der Familienorganisation aus.

So kommt er beispielsweise in keiner Weise mit seiner sechsjährigen Tochter Lia zurecht. Sie rebelliert auf allen Ebenen, mag ihre Avocado nicht, die er ihr regelrecht aufzwingt (weil gesundes Essen eben zum Perfektsein dazugehört) und verquatscht sich den Müttern vor der Schule. Das führt dazu, dass Lia sich in die Hose macht, obwohl sie ihm mehrfach zu vermitteln versucht, dass sie aufs Klo muss. Damit hat sich Samuel den Preis als „unfähigster Vater des Jahres“ absolut verdient. Wie realistisch das Ganze letztlich ist, steht auf einem anderen Blatt...

Technisches

Noch bezeichnender ist jedoch die Belanglosigkeit, mit der die insgesamt 39 Minuten vor sich hinplätschern. Ausgehend von der Debütfolge ist mir die Auszeichnung als beste Serie mit dem Prix Europa jedenfalls vollkommen unverständlich. Das soll die oben bereits erwähnten guten schauspielerischen Leistungen in keiner Weise schmälern. Abgesehen von der durch Jungdarstellerin Violeta Sanvisens wenig überzeugend gespielten Rolle der Lia liefert das Ensemble einen guten Job ab. Kinder sind allerdings vor allem aufgrund ihrer schauspielerischen Unerfahrenheit immer ein schwieriges Thema, also Schwamm drüber.

Die Inszenierung schwankt zwischen typischen humorigen Einstellungen (schräg gelegte American Shots, der Einsatz von Smartphonekameras, Zeitlupe, wenn die angeblich perfekte Annika ins Spiel kommt et cetera) und solchen, die üblich für Dramaserien sind (Magnus stürzt in der Halbtotalen auf ein Auto, während die Kamera auf den Wagen fixiert ist). Tagsüber ist die Welt in strahlendes Sonnenlicht getaucht und verbreitet Urlaubsstimmung, der Suizid von Magnus geschieht jedoch im Dunkeln. Derartige häufig eingesetzte Stilmittel durchziehen die erste Folge wie ein roter Faden, womit man der Serie bislang nicht einmal eine innovative Inszenierung bescheinigen kann.

Fazit

Barcelona for Beginners“ präsentiert sich in seiner Debütepisode als durchschnittliche Dramedy, bei der sich die komödiantischen Aspekte bislang auf einige wenige Szenen beschränken, über deren humorigen Gehalt man dann auch noch streiten kann. Andererseits überfluten uns die Autorinnen und Autoren geradezu mit unwichtigen Informationen. Ob Mariana in irgendeinem moslemischen Land in den Bergen Teppiche kauft oder die Therapeutin Martha die ganze Welt bereist hat, interessiert mich einfach nicht.

Ich möchte mehr über die Menschen erfahren, die ich immerhin acht Folgen lang begleiten soll, um die Geschichte hinter dem Drama um Magnus' Freitod zu erfahren. Ob außerdem ein Suizid der richtige Aufhänger für eine Dramedy ist, lassen wir an dieser Stelle einmal ganz außen vor. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass es Menschen gibt, die diesen Ansatz wenig empathisch finden. Wie oben betont, kann es gut sein, dass sich das Bild ab Episode zwei wandelt und wir es mit einer wundervoll emotionalen Geschichte um Aufarbeitung, Schuld und Verständnis zu tun bekommen. In den ersten 40 Minuten ist davon jedoch nicht viel zu spüren.

Die belgische Produktion Der Club (Die ausführliche Kritik von „The Club“) macht es da um Längen besser und stellt mir sympathische, lebendige und vor allem realistische Protagonisten zur Seite, denen ich gerne folge.

Wir vergeben daher zunächst zweieinhalb von fünf alleinerziehenden Vätern.

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