Barbaren: Kritik zum Start der deutschen Historienserie bei Netflix

© arbaren (c) Netflix
Netflix lässt nun die Barbaren auf uns los! Richtig rau und realistisch sehen sie aber nicht aus, sondern eher, als würden sie gerade frisch von der Kosmetik kommen. Dazu gesellen sich die fiesen Römer, die direkt nach dem Latein-LK zum nächsten Kostümgeschäft gehuscht sind, um sich bunte Rüstungen auszuleihen, die daher ja nicht schmutzig werden dürfen. So gut wie alles an der neuen deutschen Eigenproduktion des Streamingservice schreit lauthals Überinszenierung! Zum Glück verleiten einen die schwülstigen Dialogzeilen oft genug zum Augenrollen, sodass man ohnehin nicht alles sehen muss.
Man merkt, wie die Macher unbedingt Vikings imitieren wollten und dabei nicht verstanden haben, was die Erfolgsserie von History tatsächlich so besonders macht: Brutalität und Mystizismus. Zwar gibt es auch Brutalität in Barbaren, allerdings erscheint sie unpassend zum sonstigen Theaterstil, an dem man sich hierzulande immer wieder festklammert.
Das Drehbuch stammt vom Showrunner-Gespann Arne Nolting und Jan Martin Scharf, die gemeinsam schon das VOX-Drama Club der roten Bänder schrieben und auch bei Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei beteiligt waren. Die ersten vier Folgen der sechsteiligen Auftaktstaffel wurden von der österreichischen Tatort-Regisseurin Barbara Eder umgesetzt. Für das Finale und die große Schlacht im Teutoburger Wald hat man sich die Dienste des Iren Steve St. Leger gesichert, welcher einst selbst beim Vorbild Vikings mitgewirkt hat. Kann er den missglückten Auftakt gegen Ende noch zurechtbiegen?
Im Cast sind unter anderem David Schütter (Acht Tage) als Nicht-Ragnar alias Folkwin und Jeanne Goursaud (Der Lehrer) als Nicht-Lagertha alias Thusnelda. Laurence Rupp spielt den germanischen Volkshelden Arminius. Als Schurke Varus darf derweil der Italiener Gaetano Aronica auftreten, während Bernhard Schütz den Stammesvater Segestes spielt.
Worum geht's?
Die Geschichte spielt im Jahr 9 nach Christus. Varus und seine römischen Schergen schikanieren den Stamm der Cherusker im heutigen Ostwestfahlen. Immer wieder werden die Zwangstribute erhöht, sodass die Unterdrückten zu verhungern drohen. Zur Wehr setzen können sich die Germanen gegen die südliche Übermacht aber nicht, zumal ihre Stämme untereinander verfeindet sind. Trotzdem tun sich die stolzen Barbaren schwer damit, vor Rom niederzuknien. In einem symbolischen Akt stiehlt das Liebespaar Folkwin und Thusnelda eine römische Adlerstandarte, was fatalen Folgen nach sich zieht...

Varus schickt seinen germanischen Ziehsohn Arminius, um blutige Rache zu üben. Die Pilotepisode trägt daher den schönen Titel Wolf und Adler - wobei der Doppelagent, der von seinen Kindheitsfreunden nur Ari genannt wird, ja irgendwie beides ist. Folkwin und Thusnelda sehen ihn anfangs vor allem als Verräter, denn sie und auch er selbst ahnen da noch nicht, dass er bald zum unsterblichen Freiheitskämpfer Hermann aufsteigen und dem römischen Reich eine der schmerzvollsten Niederlagen aller Zeiten zufügen wird. Und wer darin einen Spoiler sieht, hat in der Schule wohl nicht aufgepasst.
Die Schlacht ist das große Finale von Barbaren, auf das alles hinarbeitet. Hier kommt also der entscheidende Moment für Netflix, um zu beweisen, dass auch die deutsche Serienschmiede mittlerweile Betriebstemperatur erreicht hat. Und tatsächlich geht es ganz am Ende der ersten Staffel, die, je nach Erfolg vermutlich nicht die letzte sein wird, heiß her. Vikings-Regisseur St. Leger inszeniert den schrecklichen Kampf im Teutoburger Wald sehr eindringlich - auch, wenn er auf die ständigen Slow-Motion-Sequenzen und das lahme Voice-over gern hätte verzichten können. Auch die Hauptdarstellerin Goursaud blüht im Verlauf der Erzählung sichtlich auf und wird nur noch durch ihr vollkommen unnötiges Liebesdreieck zurückgehalten.
Fazit
Barbaren wird mit der Zeit also eher besser als schlechter, krankt aber trotzdem bis zum Schluss an typisch deutschen Serienschwächen: Dialog, Regie und Schauspiel sind überall ein bisschen übertrieben. Als Außenstehender hat man oft den Eindruck, dass sich die Serienmacher im angeblichen Land der Dichter und Denker immer ein kleines bisschen zu wichtig nehmen, während ihre amerikanischen Kollegen vor allem unterhalten wollen. Die Produzenten von Vikings waren sich darüber im Klaren, dass sie nicht Goethe auf die Bühne zaubern müssen beziehungsweise sollen, sondern einfach die Welt der Wikinger möglichst mitreißend zum Leben erwecken. Dass die Deutschen bei sowas dazu neigen, etwas verkrampfter vorzugehen, wird schon am fehlenden Witz in ihren Werken deutlich. Ein Historiendrama muss keine Sitcom sein, aber neben all dem Pathos wäre etwas Humor sicherlich willkommen. Dann wären auch die Charaktere nicht so ermüdend.
Doch bevor wir uns zu sehr in vielleicht unfairen Vorurteilen verlieren, lieber noch was Positives über Barbaren: Man spürt, dass alle Beteiligten etwas Großes auf die Beine stellen wollten. Zwar mag diese aufgestaute Energie am Set hin und wieder in die falschen Bahnen gelenkt worden sein, doch generell ist das sicherlich was Gutes. Und dass Netflix seinen tendenziell eher jungen Mitgliedern etwas Geschichte einbläuen will, ist auch nicht zu verachten. Zumal man die Zuschauer sogar zum Untertitellesen zwingt, da die Römer historisch akkurat ja nur Latein sprechen. „Roma locuta, causa finita.“
Wer indes Probleme mit den deutschen Dialogen hat, kann das Ganze notfalls übrigens auch in einer Fremdsprache schauen. Tatsächlich wirkt die Serie deutlich souveräner, wenn man sie auf Englisch oder Französisch schaut. Vermeiden sollte man derweil, direkt nach dem Finale von Barbaren aus Lust und Laune spontan nochmal die Anfangsszene aus „Gladiator“ zu schauen, denn dieser Vergleich rückt vieles wieder in ein klares Licht. Und wer im Schatten steht, ist klar...
Hier abschließend noch der Trailer zur Netflix-Serie Barbaren: