Bad Influencer: Diesen heißen Trip muss man gesehen haben

© SWR, Maor Waisburd
Das passiert in der Dramedyserie „Bad Influencer“
Donna (Lia von Blarer) hat in Bad Influencer einen wirklich schlechten Lauf. Ihr One-Night-Stand gerät zum Horrortrip, weil sie ausgerechnet an den Manfluencer Pascal (Lukas Sperber) geraten ist, der nur mit ihr schlief, um später mit seinen Taten in den sozialen Medien zu protzen.
Als sie mit fiesen Kommentaren überhäuft, bei der Arbeit begrabscht und anschließend sogar noch gefeuert wird, reicht es ihr. Sie gründet ihren eigenen feministischen Kanal und schafft es dank ihrem Exfreund und neuen Manager Rico (Nils Hohenhövel) nicht nur, Pascal in Sachen Follower Konkurrenz zu machen, sondern sich auch in immer neue Schwierigkeiten zu bringen. Doch ihre Freundin Milou (Salome Kießling) steht ihr mit Rat, Tat und warmherziger Zuneigung zur Seite...
Auf den Punkt getroffen
„Bad Influencer“ ist eines jener kleinen, aber feinen Projekte, in die man sich schon in den ersten 20 Minuten der insgesamt 160-minütigen Laufzeit einfach nur verliebt. Die Geschichte dreht sich um die eigentlich lebensfrohe Donna, die, ohne es zu wissen, mit einem „Pick-up-Manfluencer“ im Bett landet und sich kurz darauf gedemütigt in den sozialen Netzwerken wiederfindet. Für diejenigen unter Euch, die nicht wissen, was ein Manfluencer ist, sei an dieser Stelle kurz erklärt, dass es sich um muskelbepackte, mit reichlich Geld gesegnete „ganze Kerle“ handelt, die ein ebenso überholtes wie toxisches Männerbild präsentieren.
In der Welt dieser oft einflussreichen Content-Creator ist prügeln, Mobbing, dumme Anmache und bis zum Sexismus machohaftes Benehmen kein Grund zum Schämen, sondern Alltagsgeschäft. Last, but not least meint der Ausdruck pickup in dem Fall zudem nichts anderes als das „Aufreißen“ von Frauen, um sie ins Bett zu bekommen. Die Zielgruppe rekrutiert sich aus meist jungen, unerfahrenen und verunsicherten Männern auf der Suche nach einer Identität.
Der wunderbar kaltschnäuzig von Lukas Sperber gespielte Pascal repräsentiert ein solch vollkommen verdrehtes „Charakterschwein“. Für ihn ist alles, was er anderen Menschen antut, lediglich Teil einer Show. Geschäft ist eben Geschäft und wie er in einem Dialog mit Donna nicht ganz zu Unrecht anmerkt, ist die Social-Media-Masse sensationsgierig.
Die Summe aller Teile
Als Donna sich wutentbrannt über sein Verhalten auf oft witzig freche Weise entschließt, einen eigenen Feminismus-Channel aufzuziehen und ihm den Kampf ansagt, bedeutet das für Pascal entsprechend eine Steilvorlage. Einerseits beteuert er unter vier Augen, dass er in Wirklichkeit ja gar nicht so sei und er nur eine Rolle spiele, mit der er Geld verdient. Die angebliche Ambivalenz ist aber letztlich nur vorgeschoben, weil er andererseits keine Gelegenheit auslässt, um Donna zu beleidigen, Lügen über sie zu verbreiten oder sie in irgendeinen moralisch verwerflichen Hinterhalt zu locken.
Unerfahren, wie sie ist, tappt Donna immer wieder in seine Fallen. Die entsprechenden Szenen sind vorbildhaft überzogen komödiantisch und mit viel Wortwitz inszeniert, wobei das Autoren-Team Paul de Vrijer, Anika Sisson und Lilli Tautfest keine Gelegenheit auslassen, uns den angeblich wahren Wert der Protagonisten vor Augen zu führen. Bei jeder in der Serie auftauchenden Person ploppt nämlich die Followerzahl auf.
Pascal ist mit 1,5 Millionen Fans eine Art Hai im Zierfischaquarium, während Donnas Gefolgschaft zunächst unter ferner liefen rangiert und so weiter. Auf diese Weise nehmen die Serienmacher geschickt und pfiffig die Social-Media-Welt auf die Schippe und weisen manchmal mit dem extra noch beschwerten Holzhammer darauf hin, dass ein Mensch eben doch mehr als die Anzahl der Daumen und Herzchen ist, die er für einen Post generiert.
Alles gelogen
Ein weiterer heftiger Seitenhieb geht in Richtung Werbeindustrie, die die Macht von Influencern schon längst für sich entdeckt hat und sie zu mehr oder weniger gut erkennbaren Produktplatzierungen animiert, um so neue Kunden zu akquirieren. Echt ist da, wie „Bad Influencer“ unterhaltsam charmant, aber auch beinhart ehrlich feststellt, natürlich gar nichts.
Im Gegenteil ist das Herstellen von Content ein blühendes Geschäft, in dem Ehrlichkeit weder gefragt noch gewünscht ist. Statt einer wohlmeinenden, guten Message zählt nur noch der nächste Werbevertrag, egal, wie man diesen an Land zieht.
Eine weitere witzige Idee ist der Blick in die heiligen Hallen der Industrie selbst. Mit ihren grundehrlichen Posts schafft Donna es zunächst, bekannter zu werden, doch sie gerät zunehmend selbst in die Suchtspirale aus Klicks und Likes. Schließlich bekommt auch sie in Folge drei einen Werbevertrag, für den sie in erotischen Posen nackt vor der Kamera posieren soll.
Als sie sich weigert, setzt das Unternehmen alle möglichen psychologischen Tricks ein. So lässt sich Donna gegen den Rat ihres sie managenden Exfreundes Rico (gut gespielt von Nils Hohenhövel) auf die Kampagne ein und findet sich schließlich einige Zeit später in verfänglichen Posen und im Großformat auf einer Litfaßsäule wieder. Dem Versprechen der Fürsorglichkeit seitens ihres Auftraggebers folgt das böse Erwachen.
Profis am Werk
Dass es die Serienmacher gut meinen und eine starke Message im Angebot haben, steht also außer Frage. Allerdings trifft dies auf viele Projekte bei den Öffentlich-Rechtlichen zu. Ein gutes Beispiel für den Trend junger, lockerer aber tiefsinniger Formate sind unter anderem die Serien Schwarze Früchte sowie Made in Germany. Beide wissen thematisch zwar punkten, haben aber sowohl schauspielerisch als auch technisch Luft nach oben.
Bei „Bad Influencer“ liegt der Fall allerdings erfreulicherweise anders. Lia von Blarer spielt ihre Donna geradezu kühn dynamisch und frech und präsentiert sich in bester Spiellaune. Es macht großen Spaß, sie auf ihrem Weg zum Social-Media-Star zu begleiten, vor allem, wenn sie wieder einmal mit Pascal aneinandergerät und die beiden sich gegenseitig nichts schenken.
Doch auch Salome Kießling als Donnas beste Freundin Milou macht eine gute Figur. Milous einfühlsamer Umgang mit ihr entkräftet die Verrücktheiten, Lügen und das affektierte Gehabe der Influencer-Szene und entmachtet sie damit ein Stück weit. Ohne Milou würde die Geschichte an Halt und Erdung verlieren.
Über Lukas Sperber sprachen wir indes weiter oben bereits. Er ist ein gestandener Mime mit langjähriger Bühnen- und Kameraerfahrung. Die so erworbene Berufspraxis bringt der Hamburger voll in seine Rolle ein und lässt damit selbst die absurdesten Szenen glaubwürdig erscheinen.
Im Gegensatz zu den oben genannten Projekten, die auf schauspielerische Ebene manchmal leider den Eindruck einer auf das Fernsehen losgelassenen Laientruppe hinterlassen, spürt man hier mit anderen Worten in jeder Faser die professionelle Handhabung und technische Umsetzung.
Fazit

„Bad Influencer“ ist witzig, frech, dramatisch, jung und flott und hat damit alles, was es für einen unterhaltsamen Abend braucht. Das gewählte Format von 20-minütigen Folgen entspricht den gefühlten Sehgewohnheiten des Young-Adult-Zielpublikums, wobei über 160 Minuten hinweg bei allem Charme eine unter die Haut gehende Geschichte um Respekt, Gleichberechtigung, Menschlichkeit, Geldgier und sogar Gerechtigkeit erzählt wird. Das Ensemble trägt das Ganze professionell und motiviert vor und technisch ist ebenfalls nichts zu bemängeln.
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