Babylon Berlin 2x05

Babylon Berlin 2x05

Hat man sich damit abgefunden, dass Babylon Berlin von einem Handlungspunkt zum nĂ€chsten hetzt, kann man sich darauf konzentrieren, die VorzĂŒge der Serie zu genießen. Eine verpasste Chance ist das leider trotzdem, auch in der vorletzten Doppelepisode der zweiten Staffel.

Wolter (Peter Kurth) nimmt Maß. (c) Sky
Wolter (Peter Kurth) nimmt Maß. (c) Sky
© olter (Peter Kurth) nimmt Maß. (c) Sky

Die deutsche Prestigeserie Babylon Berlin bleibt ein visuelles PrunkstĂŒck, lĂ€sst derzeit in dramaturgischer Hinsicht aber einiges zu wĂŒnschen ĂŒbrig. Nachvollziehbare Charakterkonflikte sind beinahe gar nicht mehr vorhanden, stattdessen springt das Format von einem Handlungsstrang zum nĂ€chsten, ohne auch nur einmal Luft zu holen. StĂ€ndig werden Figuren erschossen oder erleben sonst wie dramatische Misshandlungen, ohne dass wir Zuschauer davon besonders betroffen wĂ€ren - ganz einfach, weil uns diese Figuren nicht wichtig genug sein können.

Wir haben verloren

Das Problem hatten wir schon beim Mord an Stefan JĂ€nicke (Anton von Lucke), der sterben musste, weil er zu viel wusste, was momentan aber gar keine Rolle mehr spielt. Die Serie ist lĂ€ngst zu weiteren, vermeintlich aufsehenerregenden ErzĂ€hlbögen weitergehetzt. Und dabei war JĂ€nicke eine noch halbwegs gut ausgearbeitete Figur. Wir kannten seine Familie und wussten ĂŒber seine Zuneigung zu Kollegin Lotte (Liv Lisa Fries) Bescheid. Aber was wissen wir ĂŒber den Informanten, der zu Beginn der sechsten Episode erschossen wird? Gar nichts. Also lĂ€sst uns das kalt.

Ebenso der Mord am Kommunisten Fritz (Jacob Matschenz) durch die Geheimpolizei. Der passiert ebenfalls aus heiterem Himmel und hat lediglich zum Zweck, dass sich Greta (Leonie Benesch) gegen ihren Arbeitgeber Benda (Matthias Brandt) wendet. So ansehnlich nahezu jede Einstellung dieser Serie auch ist, so deutlich treten leider auch die NĂ€hte zutage, mit denen das Drehbuch zusammengestĂŒckelt wurde. Das wird immer deutlicher, je höher die Bedeutungsebenen werden. Hat die Serie einst als CharakterstĂŒck um Gereon Rath (Volker Bruch) begonnen, ist sie mittlerweile lĂ€ngst zum historischen Politkrimi geworden.

Das tut ihr nicht gut. Nun weiß ich nicht, wie ausgeglichen das VerhĂ€ltnis in der Buchvorlage ist, aber spĂ€testens seit Beginn der zweiten Staffel hat sich die Serie eindeutig dazu entschieden, eine Geschichte mit grĂ¶ĂŸten Auswirkungen auf internationaler Ebene zu erzĂ€hlen. Das geht zu Lasten der Figurenkonstellationen. Wenn immer aus irgendeiner Ecke eine Hindenburg ex Machina, ein Stresemann (Werner Wölbern) oder Briand (Rolf Kanies) auftauchen können, nimmt das den eigentlichen Hauptfiguren die Luft zum Atmen. Sie sind dann Zuschauer in ihrer eigenen Geschichte.

Operation Prangertag ist in vollem Gange.
Operation Prangertag ist in vollem Gange. - © Sky

Hinzu kommen die vielen ZufĂ€lle, die den Plotfortschritt orchestrieren. Frau Behnke (Fritzi Haberlandt) findet beim Putzen zufĂ€llig das wichtigste Beweismittel gegen Generalmajor Seegers (Ernst Stötzner), das Rath dann genau im richtigen Moment, wĂ€hrend des Verhörs, vor die Augen fĂ€llt. Dieser glĂŒckliche Umstand veranlasst hernach das gesamte PrĂ€sidium, schon einmal die Knorken knallen zu lassen, obwohl sie doch genau wissen, mit wem sie es zu tun haben, obwohl zum Beispiel PolizeiprĂ€sident Zörgiebel (Thomas Thieme) noch kurze Zeit zuvor von Oberst Wendt (Benno FĂŒrmann) wortwörtlich abgewatscht worden war.

Der Gegner ist stark

Die nĂ€chste Niederlage stecken Rath, Benda und Co anschließend nur ein, weil sich der ReichsprĂ€sident höchstpersönlich in die Angelegenheit einmischt. GeĂŒbte Fernsehzuschauer wussten natĂŒrlich schon beim Klirren der SektglĂ€ser, dass in der drittletzten Episode der Staffel kein entscheidender Schlag gegen die schwarze Reichswehr gelingen wĂŒrde. Immerhin gelingt es Rath vorher, den endgĂŒltigen Staatsstreich gegen Stresemann und seinen französischen Amtskollegen zu verhindern. Die dazugehörige Sequenz wirft, so brillant sie auch inszeniert sein mag, weitere Fragen auf.

Eine davon: Wie stellt Rath die Verbindung zwischen dem her, was er im Radio hört, und den eigentlichen AnschlagsplĂ€nen? Er weiß Bescheid ĂŒber die Existenz der Operation Prangertag, aber wieso geht er davon aus, dass diese im Theater stattfinden wird? Weil sein Neffe Moritz (Ivo Pietzcker) „Mackie Messer“ pfeift? Das kann es ja eigentlich nicht sein. Zu Rath stellt sich außerdem die Frage, warum er die neue Einnahmemethode seines Apothekers ohne zu hinterfragen hinnimmt, obwohl sie ihm nur vom Lehrling ĂŒberbracht wurde - und obwohl er an der alten ja gar nichts auszusetzen hatte.

In diesem Zusammenhang ist es ĂŒberdies sehr zu bedauern, wie wenig Hannah Herzsprung zu tun bekommt. Wieso hat man fĂŒr diese winzige Rolle einen so großen Namen gecastet? Hier durfte sie sich wieder nur ĂŒber die Namen der Berliner Bezirke freuen und schlafen. Das hĂ€tte durchaus auch eine weniger namhafte Schauspielerin hinbekommen. Am Ende der ersten Staffel war ihre Figur noch mit einem Cliffhanger eingefĂŒhrt worden, seitdem jedoch bleibt sie Ă€ußerst blass. Das ist wirklich sehr schade.

Lotte (Liv Lisa Fries) friert.
Lotte (Liv Lisa Fries) friert. - © Sky

Ein dickes Fragezeichen steht ĂŒberdies hinter der Rolle von Wolter (Peter Kurth). Er spielt plötzlich eine Kernrolle in der Putschistengruppe. Zuvor wurde jedoch kein einziges Mal hinreichend dargelegt, dass er solche umstĂŒrzlerischen Gedanken hegt. Ja, er hat mit seinen ehemaligen MilitĂ€rkumpanen alte Schlachten nachgespielt und Armeelieder gesungen, aber macht ihn das bereits zum bereitwilligen Mörder zweier hochrangiger Staatsdiener? Was zu Beginn schon versĂ€umt wurde, nĂ€mlich der Vorzug von Charakterisierung vor dramaturgischer GeheimniskrĂ€merei, rĂ€cht sich jetzt, weil es keine ausreichende Vorarbeit zu Wolters Motivation gab.

Lang lebe der Kaiser

Leider befindet sich in diesen beiden Episoden auch die Dialogarbeit nicht auf der Höhe. Diese war zwar schon immer ein wenig expositionslastig, was dem enormen Plotfortschritt geschuldet ist, aber hier halten sich Tykwer, Handloegten und von Borries gar nicht mehr zurĂŒck. Lang und breit referiert Wolter vor dem Generalstab und fĂŒr jeden hörbar im GefĂ€ngnisgarten ĂŒber die AnschlagsplĂ€ne. Das hört sich so an, als wĂŒrden die GenerĂ€le das erste Mal davon hören, dabei sind sie doch die Strippenzieher. Die Szene existiert einzig und allein fĂŒr uns Zuschauer. Dabei hĂ€tten wir sie gar nicht gebraucht, denn die DurchfĂŒhrung wird uns ja kurze Zeit spĂ€ter detailgenau gezeigt.

Ähnlich verhĂ€lt es sich beim Verhör von Seegers. Da erklĂ€rt Benda uns Zuschauern, dass „GrĂŒnkreuz“ der Deckname fĂŒr Lungenkampfstoffe ist, genauer fĂŒr Phosgen, genauer fĂŒr Diphosgen. Als wĂŒssten nicht alle an der Szene Beteiligten ganz genau, was GrĂŒnkreuz bedeutet. Das ist leider nicht elegant, sondern, im Gegenteil, sehr plump. Solche Fehltritte suggerieren, dass dem deutschen Prestigeprojekt von Anfang an der Vorsatz aufgebĂŒrdet wurde, ja bis ins kleinste Detail makellos auszusehen - was ihm jedoch aus dem Mund kommt, war da wohl leider zweitrangig.

Selbst Lotte kann in diesen beiden Episoden nicht zur Ehrenrettung eilen, da sie vom Albaner (Misel Maticevic) festgehalten wird. Entgegen der Erwartung ist er aber gar nicht an JĂ€nickes Notizbuch interessiert - das sie wundersamerweise behalten darf, anscheinend wurde sie nicht gefilzt -, sondern am Goldversteck. Das kann sie ihm nennen, da sie das Notizbuch rechtzeitig entschlĂŒsselt. Durch ihre Folter sollte wohl Spannung erzeugt werden. Angst hatte ich jedoch keine Sekunde um sie.

Das Urteil vom Anfang ist das Urteil von jetzt: Babylon Berlin sieht fantastisch aus. Das kann aber nicht lĂ€nger darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass die Dramaturgie strĂ€flich vernachlĂ€ssigt wurde. Je lĂ€nger die Serie lĂ€uft, desto offensichtlicher wird das.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 24. November 2017
Episode
Staffel 2, Episode 5
(Babylon Berlin 2x05)
Titel der Episode im Original
Episode 5
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 24. November 2017 (Sky Atlantic)
Autoren
Achim von Borries, Tom Tykwer, Henk Handloegten
Regisseure
Hendrik Handloegten, Tom Tykwer, Achim von Borries

Schauspieler in der Episode Babylon Berlin 2x05

Darsteller
Rolle
Volker Bruch
Liv Lisa Fries
Peter Kurth
Matthias Brandt
Leonie Benesch
Lars Eidinger
Fritzi Haberlandt

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