Babylon Berlin 2x03

Babylon Berlin 2x03

Die beiden nächsten Episoden der zweiten Staffel von Babylon Berlin können leider nicht mit dem sehr guten Auftakt mithalten. Manche Szenen sind dabei indikativ für die größte Schwäche der Serie: Sie sieht brillant aus, hinterlässt aber kaum einen emotionalen Fußabdruck.

Gereon Rath (Volker Bruch) deckt eine weitere Verschwörung auf. (c) Sky
Gereon Rath (Volker Bruch) deckt eine weitere Verschwörung auf. (c) Sky
© ereon Rath (Volker Bruch) deckt eine weitere Verschwörung auf. (c) Sky

In der dritten und vierten Episode der zweiten Staffel von Babylon Berlin kommt es einem als Zuschauer bisweilen so vor, als wandle man durch ein beeindruckendes Museum: Jeder Saal ist piekfein hergerichtet, die Ausstellungsstücke nahezu perfekt aufeinander abgestimmt, der Museumsführer auskunftsfreudig und bestens informiert. All das ruft dann große Bewunderung in einem hervor. Man staunt angesichts dessen, was man erfährt. Aber ist man während und nach dem Besuch auch emotional berührt? Wohl eher nicht.

Ist das schön hier

Dies war mein erster Gedanke, nachdem ich die beiden Episoden gesehen hatte. Ich bin beeindruckt, aber nicht bewegt. Ich staune über all die akkuraten Kostümierungen, über die makellose Ausstattung, über die hervorragend inszenierten Actionszenen und das routinierte Schauspiel der Darsteller. Es bleibt jedoch beim Staunen. Es folgt kein Grübeln, kein Gedanke an einen besonders aufwühlenden Dialog, sondern nur die Erkenntnis, dass hier zumeist ein Handlungspunkt dem nächsten folgt, und die emotionalen Auswirkungen für die Figuren nur selten beleuchtet werden.

Dabei wären diese Episoden dafür bestens geeignet gewesen, tauchen darin doch nur wenige Protagonisten überhaupt auf. Im Mittelpunkt stehen Gereon Rath (Volker Bruch), Bruno Wolter (Peter Kurth) und - zu einem geringeren Anteil - Lotte Ritter (Liv Lisa Fries). Obwohl Letztgenannte weniger Spielzeit zugestanden bekommt, entwickelt sie den größten emotionalen Sog, was wenig überrascht, da sie der bisher am besten ausgearbeitete Charakter ist. Um Rath ranken sich zwar mittlerweile weniger Geheimnisse als zu Beginn der Serie, seine Motivation bleibt jedoch weiterhin im Unklaren.

Eines ist sicher: Nachdem er die Mission für seinen Vater erfolgreich ausgeführt hat, steht er nun mit beiden Beinen in den Diensten seines Amtsherrn August Benda (Matthias Brandt). Für ihn organisiert er zu Beginn den Austausch, Gefangene gegen belastendes Informationsmaterial mit den Sowjets. Dabei stellt sich heraus, dass die deutsche Schattenarmee einen geheimen Stützpunkt in Russland betreibt, wo am Wiederaufbau der deutschen Luftwaffe gearbeitet wird. Dies verstößt gegen die Versailler Verträge, weshalb sich Benda sicher ist, die Verantwortlichen aus dem Generalstab dafür verhaften zu können.

Momentan die einzige Figur mit emotionaler Fallhöhe: Lotte Ritter (Liv Lisa Fries)
Momentan die einzige Figur mit emotionaler Fallhöhe: Lotte Ritter (Liv Lisa Fries) - © Sky

Um weiteres belastendes Material zu sammeln, schickt er Rath und Forensiker Gräf (Christian Friedel) - der einmal mehr not amused sein darf, weil Rath zum wiederholten Male ungebeten in die Dunkelkammer platzt und so den Entwicklungsprozess zerstört - auf eine heikle Mission per Flugzeug zu ebenjenem geheimen Luftwaffenstützpunkt. Die dazugehörigen Szenen sind „Babylon Berlin“ in a nutshell: brillant inszeniert und ausgestattet, aber nicht besonders mitreißend. Wir Zuschauer wissen ja die ganze Zeit, dass Rath nicht sterben, das Flugzeug also nicht abstürzen wird.

Von ganz oben

Das Beweismaterial wird erfolgreich zurück nach Deutschland gebracht, wo Benda jedoch vor einem weiteren, dieses Mal schier unüberwindbaren Hindernis steht: dem deutschen Außenminister Stresemann. Der erklärt ganz nonchalant, dass der Generalstab nicht anzutasten sei und im Reichstag sowieso fast alle Bescheid wüssten. Eine Erklärung für diese mutwillige Blindheit liefert er sogleich mit: Die Deutschen wollten sich baldmöglichst unter den als Knute empfundenen Auflagen des Versailler Vertrages befreien. Stichworte: Demütigung und Erniedrigung.

Deutsche Großmachtsphantasien erfreuen sich nur wenige Jahre nach der Niederlage im ersten Weltkrieg wieder bester Gesundheit. Wo das hinführt, wissen wir alle. Aufgegriffen wird das Thema in der vierten Episode aber nicht mehr, denn da steht alles im Zeichen des gewaltsamen Todes von Stefan Jänicke (Anton von Lucke). Wolter überbringt die Nachricht an dessen taubstumme Eltern, die sich gerade miteinander darüber unterhalten, dass Lotte doch eine gute Partie für ihren Sohn wäre. Es ist eine zarte, berührende Szene, die mehr Eindruck hinterlassen hätte, wäre Stefan eine wichtigere Figur gewesen.

Von der Trauer seiner Eltern sehen wir nichts mehr, dafür aber von der von Lotte, die nicht nur sich die Schuld gibt, sondern auch verzweifelt und hundemüde nach einer Unterkunft für die Nacht sucht, um nicht nach Hause gehen zu müssen. Das funktioniert alles prächtig, aber dann kommt schon wieder der nächste Handlungspunkt um die Ecke geschossen. Von Rath hat Lotte die Anweisung bekommen, Stefans Notizheft, das in Stenografie verfasst ist, zu übersetzen. Bevor sie das jedoch tun kann, wird sie von ihrem Bekannten vom Rangierbahnhof entführt.

Was führt Wolter (Peter Kurth) im Schilde?
Was führt Wolter (Peter Kurth) im Schilde? - © Sky

Die Episode ist zu Ende, in der nächsten wird es dann wohl darum gehen, Lotte wiederzufinden. Sie wird in die passive Rolle des Entführungsopfers gedrängt, im Endeffekt aber gerettet werden. Ganz einfach, weil sie eine der Hauptfiguren dieser Serie ist und nicht sterben wird. Große Spannung sollten wir von diesem Handlungsbogen also nicht erwarten. Vielleicht muss man so an diese Serie herangehen - mit der gleichen Attitüde, mit der man ein honoriges Museum betreten würde. Hier werde ich staunen, viel erfahren und vielleicht sogar etwas lernen. Laut weinen oder lachen werde ich nicht.

Zarte Versuche

Dabei versucht Babylon Berlin ja, das Innenleben seiner Figuren nach außen zu kehren. Ich weiß gar nicht, wie viele PTSD-Flashbacks wir von Gereon Rath bislang gesehen haben, aber für die gilt das Gleiche wie für die Actionszene im Flugzeug: schön anzusehen, aber nicht besonders lang nachhallend. In einer dieser Rückblenden erfahren wir, dass Gereon von seinem Vater als der „falsche Sohn“ bezeichnet wurde, was ja eine horrende Entdeckung für ihn gewesen sein muss. Weil wir den Vater aber nur aus diesen Rückblenden kennen, bleibt der emotionale Mehrwert dieser Szene übersichtlich.

Der übermächtige und lieblose Vater, die verschwörerischen Generäle, der zigarrenrauchende Außenminister, der Witze über seine Frau reißt: All das sind Figuren aus dem Drehbuch-Setzkasten. Der einzige Charakter, der diese Holzschnittartigkeit sprengt, ist derzeit Lotte. Rath tastet sich langsam an diesen Status heran, indem er nun öfter mit seiner Freundin Helga (Hannah Herzsprung) interagiert. Aber auch sie darf in diesen Episoden größtenteils mit glänzenden Augen darüber berichten, wie toll man in Berlin shoppen kann, oder Gereon fragen, wie es sich anfühlt, zu fliegen.

Ähnlich weit entfernt von einer echten Figur ist Wolter, der ja schon viel länger dabei ist, seit Beginn der Serie aber als Enigma behandelt wird. Hat er Jänicke wirklich erschossen? Und wenn ja, warum? Steht er etwa im Dienst einer feindlichen Macht? Oder erledigt er nur die Drecksarbeit für den Generalstab? Wer die Antwort auf diese Fragen spannender findet als eine Charakterstudie über Wolter, der ist gut bedient. Alle anderen müssen mit der Erkenntnis leben, dass hier Plot und visuelle Umsetzung den Vorzug vor Charakterzeichnung bekommen. Schon ziemlich schade.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 17. November 2017
Episode
Staffel 2, Episode 3
(Babylon Berlin 2x03)
Titel der Episode im Original
Episode 3
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 17. November 2017 (Sky Atlantic)
Autoren
Achim von Borries, Tom Tykwer, Henk Handloegten
Regisseure
Hendrik Handloegten, Tom Tykwer, Achim von Borries

Schauspieler in der Episode Babylon Berlin 2x03

Darsteller
Rolle
Volker Bruch
Liv Lisa Fries
Peter Kurth
Matthias Brandt
Leonie Benesch
Lars Eidinger
Fritzi Haberlandt

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