Atlanta 1x10

Atlanta 1x10

Mit The Jacket beschließt die FX-Dramedy Atlanta ihre herausragende erste Staffel. Serienschöpfer Donald Glover und seine Mitstreiter konnten sich in kreativer Hinsicht voll ausleben, was sie mit wunderbar verqueren Geschichten zurückzahlten.

Zeit zum Auskatern: Die Jungs aus „Atlanta“ an ihrem Lieblingsplatz / (c) FX
Zeit zum Auskatern: Die Jungs aus „Atlanta“ an ihrem Lieblingsplatz / (c) FX

Louis C.K. machte es mit Louie vor, Lena Dunham zog mit Girls nach, und nun liegt mit Atlanta von Donald Glover eine Dramedy mit Indie-Feeling vor, die diese spezielle Form des Storytellings mit dem Lebensgefühl des schwarzen Amerikas verknüpft. Die erste Staffel dieses schwer einzuordnenden Formats legte einen beachtlichen Start hin, entwickelte sich dann aber so rasant und unerwartet, dass es an deren Ende als einer der besten Neustarts dieses Fernsehjahres eingeordnet werden kann.

That boy's music is fuego!

Das Wunderkind Glover, das bereits mit 22 für die fantastische NBC-Sitcom 30 Rock schrieb, lernte früh, wie man Witze macht. Beim gleichen Sender verfeinerte er diese Gabe mit seiner Rolle als Troy in Community und bei seinem Abstecher als „Childish Gambino“ ins Rap-Business wendete er eine ähnliche Technik an - er betrachtete ebenjenes mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Mit „Atlanta“ betritt er nun seine nächste Entwicklungsstufe. Statt sich nur um den nächstbesten Witz zu sorgen, will er nun Stimmung generieren, Empathie für seine Figuren, ein ganz bestimmtes Gefühl, eine originelle Stimme.

Um all diese Elemente zu vereinen, hat Glover ein einzigartiges Team um sich versammelt, das hauptsächlich aus schwarzen Männern besteht, zu denen auch sein Bruder Stephen gehört, die aber größtenteils nie einen Writers' Room von innen gesehen haben. Der Regisseur der meisten Episoden, Hiro Murai, schöpfte vor dem Start der Serie seine Erfahrung aus Musikvideos, zu denen auch die von „Childish Gambino“ zählen. Dieser wilde, ambitionierte Haufen hat sich als ideal herausgestellt, um etwas wahrlich Neues, etwas Außergewöhnliches zu schaffen.

Im Zentrum der Serie steht der mittellose Earn (Glover), der sein Studium an der Elite-Universität Princeton ohne Alternativplan aufgegeben hat. Nun versucht er, am Flughafen der titelgebenden Stadt Kreditkartenverträge an den Mann zu bringen, wobei er kein Festgehalt, sondern lediglich eine Prämie bei erfolgreichem Vertragsabschluss erhält. Was er dabei verdient, reicht für fast gar nichts - nicht für eine Wohnung, und schon gar nicht für den Unterhalt seines Kindes und dessen Mutter Van (Zazie Beetz). Bei ihr kommt er manchmal unter, aber weil sich selbst seine Eltern nicht bereiterklären, ihm Unterschlupf zu gewähren, ist er de facto obdachlos.

In einer Serie voller wunderbarer Figuren ist Van (Zazie Beetz) eine der besten. © FX
In einer Serie voller wunderbarer Figuren ist Van (Zazie Beetz) eine der besten. © FX

Eine schnelle Änderung dieses Zustands erhofft er sich, indem er seinen Cousin Alfred (Brian Tyree Henry), der gerade ein erfolgreiches Musikvideo als Rapper „Paper Boi“ produziert hat, darum anbettelt, sein Manager sein zu dürfen. Alfred stimmt dem widerwillig zu, wenngleich bis zum Ende der Staffel nie wirklich klar wird, wie wichtig es ihm eigentlich ist, dass sich Earn um seine Geschäfte kümmert - und ob er an diesen Geschäften überhaupt ein Interesse hat. Damit unterscheidet sich diese hangout comedy von allen anderen ähnlichen Formaten: Sie hat zwar einen eindeutigen Startpunkt, aber kein ausgemachtes Ziel.

We cool, but we ain't cool

Statt den linearen Aufstieg des missmutigen Duos nachzuzeichnen, verweigert das Format seinen Helden den schnellen - oder überhaupt einen nennenswerten - Erfolg. Erst ganz am Ende werden Entwicklungen erkennbar, sowohl in persönlicher als auch in beruflicher Hinsicht. Auf dem Weg dorthin ist die Serie mal Charakterstudie, mal abgedrehte Hommage, mal Parodie, mal reine Comedy, mal surreale Tragödie und dann wieder existenzialistisches Drama. Das beste an ihr ist, dass sie sich nicht einordnen lässt, dass kaum je vorauszusehen ist, was als nächstes passiert, dass sie unsere Erwartungen stets unterminiert.

Dabei fällt auf, mit welch großer Empathie Glover und Konsorten auf ihre Protagonisten blicken. Das gilt nicht nur für die Hauptfiguren, sondern auch für die mitunter kleinen Nebenrollen. Zu den besten Episoden gehört beispielsweise Value, in der Earn und seine männlichen Mitstreiter gar nicht auftauchen. Sie handelt ausschließlich von Van, die einen Abend mit ihrer besten Freundin verbringt, der voller plötzlicher Überraschungen und persönlicher Konflikte steckt. Am nächsten Morgen steht sie ohne Job da, wodurch ihre sowieso schon prekäre Lebenssituation mit Kind und Earn noch einmal verschärft wird.

„Atlanta“ reüssiert nicht nur mit dem Porträt afroamerikanischer Lebensrealität, sondern auch mit der Darstellung finanzieller Zwangslagen. Hierbei sticht vor allem die Divergenz zwischen Wahrnehmung und Realität hervor, was für die Charaktere meist unangenehme Folgen hat. Von Paper Boi glaubt jeder Außenstehende, dass er nach einem viralen Hit finanziell gut dastehen müsste, dabei lebt er weiterhin hauptsächlich vom Drogenhandel, der auch seinen besten Kumpel Darius (Keith Stanfield) über Wasser hält. Überhaupt dauert es eine ganze Weile, bis Earn - immerhin sein Manager - dahintersteigt, wie er sein Geld verdient.

Paper Boi (Brian Tyree Henry) in der surrealsten Episode der ersten Staffel © FX
Paper Boi (Brian Tyree Henry) in der surrealsten Episode der ersten Staffel © FX

Der angesprochene Unterschied zwischen Wahrnehmung und Realität durchzieht die gesamte erste Staffel. In Go for Broke will Earn seine on-and-off-Freundin zum Essen ausführen, was finanziell jedoch nur dank einer Happy Hour machbar ist. Zu spät erfährt er jedoch, dass diese Vergünstigung zu diesem Zeitpunkt nicht gültig ist. Natürlich will er Van davon nichts erzählen, weshalb er zähneknirschend Geld ausgibt, das er gar nicht hat. Zu Beginn der Episode wird seine ökonomische Schieflage wunderbar witzig, aber auch sozialkritisch illustriert, als ihm in einem Fast-Food-Restaurant der Erwerb eines Kindermenüs verwehrt wird.

Daddy Daycare

Unmittelbar mit der Armut großer Teile der schwarzen Bevölkerungsminderheit verbunden ist deren ständige Bedrohung durch staatliche Institutionen. Folgerichtig landet Earn in Streets on Lock im Gefängnis, wo er der unerfahrenste Neuinsasse ist, was zu einer spektakulär skurrilen Szene führt, die sich sämtlicher TV-Konventionen widersetzt, indem sie gar kein Ende nehmen will. Richtiggehend surreal wird es dann in der Episode B.A.N., die in bester David-Chappelle-Manier sowohl Talkshows als auch Auto-Werbespots persifliert. Auch am Ende von The Club, einer bis dahin klassisch humoristisch strukturierten Episode, kommt es zu einer Szene, die man bei der ersten Sichtung kaum glauben mag.

Zum Ende der Staffel lässt Atlanta seine Experimentierfreude ruhen und wendet sich wieder den zentralen Handlungsbögen zu. In Juneteenth, vielleicht der besten Episode, versuchen Van und Earn, ein Bild von sich als power couple aufrechtzuerhalten, das - wen wundert's - schnell Risse bekommt. Natürlich scheitern sie mit ihrem Ansinnen, was für ihre finanzielle Situation eine mittlere Katastrophe ist, für ihre persönliche Beziehung aber ein Segen, wie das Finale The Jacket offenbart. Darin macht sich Earn nach einer durchzechten Nacht auf die Suche nach seiner Jacke, wobei es zu mehreren überraschenden Wendungen kommt.

Zum Beispiel nimmt sich die Episode Zeit, um das Thema Polizeigewalt aufzugreifen in einer Szene, die meisterhaft zwischen furchteinflößend und schwarzhumorig oszilliert. Eine solch gewagte Mischung ist mir aus keiner anderen Serie bekannt. Das ständige Hin und Her müsste eigentlich für Verwirrung sorgen, jedoch funktioniert es hier, weil es die traurige Realität widerspiegelt, in der sich arme schwarze Amerikaner wie Earn wiederfinden. Die Auflösung des Jackenrätsels treibt ihn schließlich in die Arme seiner Freundin, hält aber eine noch größere Enthüllung bereit, als wir ganz am Ende, nach einer herausragend stimmungsvollen, wortlosen Sequenz, erfahren, dass Earn in einem Lagerraum wohnt.

Trotzdem wirkt er in diesen letzten Sekunden irgendwie zufrieden. Er hat in seiner neuen Tätigkeit ein bisschen Geld verdient, Alfred ist mit seiner Arbeit zufrieden, und er kann Van und seine Tochter nun unterstützen. Zum ersten Mal in dieser fantastischen ersten Staffel hat es den Anschein, als hätte Earn einen Weg für sich gefunden. Ich kann jetzt schon kaum abwarten, wohin ihn dieser in der zweiten Staffel führen wird.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 3. November 2016
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Atlanta 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Die Jacke
Titel der Episode im Original
The Jacket
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 1. November 2016 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 20. Dezember 2016
Autor
Stephen Glover
Regisseur
Hiro Murai

Schauspieler in der Episode Atlanta 1x10

Darsteller
Rolle
Donald Glover
Brian Tyree Henry
Keith Stanfield
Zazie Beetz
Van

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