Atlanta 1x01

Atlanta 1x01

Gespannt haben alle auf diesen Moment gewartet: Donald Glovers erste eigenproduzierte Serie, Atlanta, hat es endlich auf die Bildschirme geschafft. Doch kann die Rapper-Serie die hohen Erwartungen erfüllen?

Darius (Keith Steinfeld), Earn (Donald Glover) und Alfred aka Paper Boi (Brian Tyree Henry) in „Atlanta“ / (c) FX
Darius (Keith Steinfeld), Earn (Donald Glover) und Alfred aka Paper Boi (Brian Tyree Henry) in „Atlanta“ / (c) FX

Donald Glover aka Childish Gambino ist ein Multitalent. Er ist nicht nur ein Schauspieler, der Community mehrere Staffeln lang seinen unverwechselbaren Stempel aufdrücken konnte, nein, er hat auch noch zahlreiche Episoden von 30 Rock selbst verfasst und ganz nebenbei unter dem Namen Childish Gambino, den er bekanntermaßen aus einem Wu-Tang-Namensgenerator zog, eine ziemlich erfolgreiche Karriere als Rapper.

Twin Peaks mit Rappern

Die immensen Vorschusslorbeeren, die den jungen Künstler irgendwo im Erwartungshimmel zwischen Louis C.K. und dem nächsten Christopher-Nolan-Film verorten lassen, mussten sich gestern nun an der tatsächlichen Ausstrahlung der ersten zwei Episoden von Atlanta messen lassen.

Und gleich einmal vorweg: „Atlanta“ ist keine Comedy-Serie, keine Serie, die mit irgendeiner anderen wirklich verglichen werden könnte. Stattdessen sehen wir hier einen Mix aus Louie, The Wire und vielleicht noch Girls. Genauer gesagt einen Mix aus „Louie“ ohne Humor, „The Wire“ ohne Verbrechen und „Girls“ ohne, na ja, Girls, den Glover selbst als „Twin Peaks mit Rappern“ bezeichnete. Sein erklärtes Ziel: Leuten zu zeigen, wie es ist, schwarz zu sein. „Du musst es fühlen“, sagt Glover hierzu.

Dabei lassen die zwei Eingangsepisoden noch kein wirklich schlüssiges Urteil zu. Während die erste Episode tatsächlich in Teilen etwas an Twin Peaks erinnern mag, leiht sich Episode Nummer zwei ganz klar mehr an Louis C.K.s Über-Serie „Louie“ an. Doch: Funktioniert das auch?

Die drei Protagonisten diskutieren © FX
Die drei Protagonisten diskutieren © FX

Let Me Get That Paper, Boi

Worum geht es überhaupt? Earnest, kurz Earn (Donald Glover), kehrt aus unbekannten Gründen von der Universität Princeton nach Hause, nach Atlanta, zurück. Dort kommt er zunächst bei Exfreundin Van (Zazie Beetz) und der kleinen gemeinsamen Tochter unter.

Dann erfährt er während eines unterbezahlten Teilzeit-Jobs davon, dass sein Cousin Alfred aka Paper Boi (Brian Tyree Henry) gerade drauf und dran ist, die Rapszene von Atlanta aufzumischen. So macht sich der abgebrannte und beinahe obdachlose Earn auf zu seinem Cousin und dessen besten Freund Darius (Keith Stanfield), um sich dem aufstrebendem Rapper als Manager anzubieten.

Is Paper Boi Atlanta's 2Pac? They Say No.

Dabei möge man sich jetzt eine Art Entourage oder Ballers im Hip-Hop-Genre vorstellen, doch ich würde es am ehesten eine „Anti-Rapper-Serie“ nennen. Vom Erfolg, den Frauen und dem Rausch des Ruhms spürt man hier wenig bis gar nichts. Stattdessen geht die Erfolgsgeschichte des Rappers, sollte es denn überhaupt zum Erfolg kommen, eher mit der Bequemlichkeit der Serie Rubicon voran, also im Schneckentempo.

Vielmehr müssen sich die drei Helden der Serie damit abfinden, wo sie im Leben gerade stehen und in welcher Gesellschaft sie groß geworden sind. Sie sind mitten drin in der schwarzen Gangsterkultur, doch die Ghetto-Romantik, die etwa die Spike-Lee-Filme der 90er Jahre oder ganz aktuell Power beschreiben wollen, suchen sie hier vergebens.

Al und Kumpel Darius © FX
Al und Kumpel Darius © FX

I Think It's About Society

So wird auch der vermeintliche Höhepunkt der ersten Episode, eine Schießerei, so unaufgeregt in der zweiten Episode wieder aufgefangen, dass man sich nur wundern kann. Earn und Al spaßen nebeneinander sitzend in der Polizeistation, der Verletzte ist flüchtig und kann nicht gefunden werden, die beiden werden erkennungsdienstlich behandelt und auf Kaution freigelassen. Das möchte sicher diese scheinbar krassen Momente des Lebens als für diese Gruppe alltäglich darstellen: die Polizeistation als immer über einem schwebende Gefahr, die all ihren vermeintlichen Schrecken verloren hat. Doch das nimmt eben auch einiges an Spannung.

Und das scheint das Problem zu sein, das „Atlanta“ zumindest noch in den ersten beiden Episoden hat: style over substance, oder besser message over substance. Denn auch wenn das Experiment, das Glover wagt, sicherlich sehr interessant ist, unterhalten werden würde man manchmal trotzdem gerne.

Da schafft es glücklicherweise Episode zwei etwas, einen Hauch „Louie“-im-Ghetto-Absurdität herüberzubringen. Wenn etwa die Bedienung eines Fast-Food-Restaurants Paper Boi lobt, in ihm gar die Reinkarnation des 90er-Jahre-Gangstas sieht und dem Rapper zur Belohnung spezielle Hähnchenteile zukommen lässt, dann wird diese Absurdität nur noch von der sichtlich ehrlichen Freude Paper Bois über sein Extrahähnchen getoppt. Rassistische Klischees im Reinformat, aber eben auch irgendwie unverfälscht ehrlich.

Der Aufenthalt Earns in der Polizeistation ist allerdings der Höhepunkt der Episode. Hier trifft der junge Manager auf allerlei absurde Gestalten sowie einen augenscheinlich geistig verwirrten Mann, der offensichtlich Hilfe braucht. Alle amüsieren sich über den tanzenden und Toilettenwasser trinkenden Irren, bis dieser einen der Polizisten anspuckt und daraufhin gnadenlos niedergeknüppelt wird. In solchen Momenten funktioniert „Atlanta“: Absurd, komisch, aber so nahe an der traurigen Realität, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

In der Polizeistation sorgt ein geistig verwirrter Mann für Unruhe © FX
In der Polizeistation sorgt ein geistig verwirrter Mann für Unruhe © FX

Doch leider bleiben alle dargestellten Charaktere momentan noch ziemlich blass. Das liegt auch daran, dass es eben momentan keinerlei Höhen und Tiefen gibt, durch die wir die drei Jungs kennenlernen können, sondern recht monoton-melancholisches Einerlei. Dementsprechend fallen auch die schauspielerischen Leistungen ordentlich, aber nicht wirklich herausragend aus, da keiner der Darsteller wirklich eine Gelegenheit bekommt, zu strahlen. Für eine Rapper-Serie außerdem ungewöhnlich: Es gibt quasi keine musikalische Untermalung. Auch hier ist die Intention dahinter klar - im echten Leben spielt schließlich auch keine Hintergrundmusik.

Fazit

Bei „Atlanta“ handelt es sich für mich momentan noch gar nicht so recht um eine Serie, eher um ein „Projekt“ des Künstlers Donald Glover. Das funktioniert manchmal und schafft es wirklich, einen Ton zu treffen, bei dem man meint zu verstehen, wie es ist, schwarz zu sein. Manchmal möchte man allerdings nicht nur fühlen, sondern auch etwas mehr unterhalten werden.

Die Serie kann anstrengend sein und die Handlung kriecht so langsam voran, dass man sich wirklich auf das Gezeigte einlassen muss. „Atlanta“ ist zu besten Zeiten absurd-komisch und in den schlechtesten Momenten melancholisch-trist, doch es ist irgendwie interessant. Bleibt abzuwarten, was Glover aus den vollen zehn Episode der ersten Staffel noch herausholt, doch eins ist schon jetzt sicher: Es handelt sich sicher nicht um eine locker-leichte Sommer-Comedy, sondern um eine ambitionierte, triste Geschichte aus dem Leben, gewürzt mit einer Prise Galgenhumor.

Verfasser: Benedikt Pichl am Mittwoch, 7. September 2016

Atlanta 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Atlanta 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Der große Knall
Titel der Episode im Original
The Big Bang
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 6. September 2016 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 22. November 2016
Autor
Donald Glover
Regisseur
Hiro Murai

Schauspieler in der Episode Atlanta 1x01

Darsteller
Rolle
Donald Glover
Brian Tyree Henry
Keith Stanfield
Zazie Beetz
Van

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?