Arcane 1x09

© rcane (c) Netflix / Riot Games
Mit den gleichzeitig veröffentlichten ersten drei Episoden konnte uns die animierte Netflix-Serie Arcane schwer beeindrucken. In unserem Review zur ersten Staffel wollen wir nun klären, ob die gesamte Season an diesen quasi perfekten Einstand anknüpfen kann. Dafür begeben wir uns noch einmal nach Piltover beziehungsweise Zaun und schauen uns einmal an, wie sich die Geschichte und ihre Charaktere entwickelt haben und ob der Spannungsbogen weiter aufrechterhalten werden konnte.
So baut sich die erste Season von Arcane auf:
Ein auffälliges Merkmal, das „Arcane“ mit sich brachte, war der Veröffentlichungsrhythmus der insgesamt neun Episoden in jeweils einem Dreierpack am Wochenende. Dies spiegelt auch die Drei-Akt-Struktur der Erzählung wider, denn diese lässt sich auch, was Tempo und Kapitelabschlüsse angeht, wunderbar in drei Etappen unterteilen. So trennt etwa ein beträchtlicher Zeitsprung die dritte und vierte Episode, nachdem diese schon in einem spektakulären und emotionalen Showdown geendet war, welcher dann wiederum die Weichen für die sich daraus ergebende Story legte.
Der einmalige Zeichenstil ist eine Augenweide
Bevor wir die Geschichte anhand der Charaktere analysieren und aufarbeiten, werfen wir vor dem Eintauchen in die Materie und Substanz der Serie doch erst mal einen Blick auf die Oberfläche von „Arcane“, die einen nicht zu unterschätzenden Teil zum Erfolg und der Qualität der Serie beiträgt. Wie ich bereits in meinem Auftaktreview erwähnte, hat man einen wunderschönen Mix aus Zeichnungen gepaart mit CG-Effekten und Bewegungen erschafft, der vor allem einen einzigartigen Look kreiert, was heutzutage gar nicht mehr so einfach zu erreichen ist. Ebenso ist es längst nicht selbstverständlich, diese hohe Animationsqualität auch über die gesamte Staffel zu halten, was ebenfalls gelungen ist. Schaut man beispielsweise auf die Animeindustrie, so ist es keine Seltenheit, wenn aus Budget- oder Zeitgründen die in die Optik investierte Sorgfalt ab einem bestimmten Punkt in der Staffel nachlässt. Nun hatten die Macher von „Arcane“ diesen Zeitdruck bisher nicht, was sich aber im Hinblick auf die zweite Staffel, deren zukünftige Erstellung ja bereits in trockenen Tüchern ist, ändern wird. Während man sich um die mit ziemlicher Sicherheit bereits vorausgeplante Story wohl keine Sorgen machen muss, so bleibt es spannend, ob man mit der neuen Season noch einmal mit einer ähnlichen Qualität in der Produktion aufwarten kann.
Der Sound und die Sprecher
Angefangen vom Ohrwurm-Opening der Band Imagine Dragons (die sogar ein Musikvideo im fantastischen Zeichenstil der Serie aufgezeichnet haben), bis hin zum atmosphärischen Score, kann auch der Audiopart mit den restlichen Elementen der Serie mithalten. Vor allem aber die Sprecher liefern ausnahmslos eine exzellente Arbeit ab, seien es Ella Purnell als Jinx, Hailee Steinfeld als Vi, Katie Leung als Caitlyn oder Jason Spisak als Silco, um nur wenige Beispiele zu nennen, die ihren Charakteren wahrlich Leben einhauchen.
Die Charaktere und die Story: Ekko und Heimerdinger
Mit Ekko (Reed Shannon) und Heimerdinger (Mick Wingert) haben wir zwei Nebenfiguren, deren Geschichte erst gegen Ende der Staffel an Fahrt aufnimmt. Der arme Heimerdinger wird trotz seines Genies mit seinen Warnungen ignoriert und schließlich sogar gänzlich vom Rat ausgebootet, was ihn dazu veranlasst, resigniert in den Straßen von Zaum nach etwas zu suchen, was ihm einen neuen Lebenszweck geben kann. Da kommt Ekko ins Spiel, dessen Motivation klar und verständlich ist: eine bessere Zukunft für die Kinder von Zaun zu schaffen und ihnen ein lebenswertes Zuhause zu bieten. Und hier ist der Punkt, an dem die beiden zusammenkommen und sehr wahrscheinlich im weiteren Verlauf einen noch einen größeren Part einnehmen werden, zumal sich Ekko mit Heimerdingers Hilfe wohl zu der Figur mit besonderen Fähigkeiten entwickeln wird, die aus dem Spiel bekannt ist.
Viktor, Jayce und Mel
Von der Hoffnung für Zaun kommen wir zur Hoffnung an der Spitze von Piltover. Jayce (Kevin Alejandro) und Mel (Toks Olagundoye) kommen sich durch ihre gemeinsamen Ziele auch privat immer näher und wie nahe beziehungsweise wie viel davon gezeigt wird, ist einer der vielen eindeutigen Indikatoren dafür, dass Riot sich mit Arcane fernab von einer jüngeren Zielgruppe bewegt. Jayce belädt sein Gewissen im Laufe der Episoden mit einem tragischen Unfall, der ihn seine Vorgehensweise zunächst überdenken lässt, was sich allerdings mit Blick auf das Finale schnell wieder ändern könnte, sofern wir ihn wiedersehen. Mel ist neben Silco wohl die in der Story prominenteste Figur, die bisher (noch) nicht im Game spielbar ist. Ihre familiären Beziehungen zu Noxius knüpfen definitiv spannende Verbindungen, die ganz sicher noch eine große Rolle spielen werden. Zuletzt wäre in diesem Trio noch Viktor, der im Vergleich die spannendste Charakterentwicklung durch Schicksalsschläge, Verzweiflung und gut gemeinte Ambitionen mitmacht. Dessen nachvollziehbare Wandlung und Ziele sind ein Paradebeispiel dafür, wie viel Mühe sich „Arcane“ mit seinen einzelnen Figuren und deren „Origin-Storys“ macht.

Caitlyn und Vi
Zum Kreis der Hauptfiguren gehören natürlich auch Caitlyn (Katie Leung) und Vi (Hailee Steinfeld), die einen zentralen Bestandteil der Geschichte bilden. Was zu Anfang als Abenteuer von „Cupcake“ und ihrer lokalen Führerin beginnt, gipfelt schließlich in einem Showdown, der das Schicksal von Piltover und Zaun maßgeblich beeinflussen wird. Dabei entwickelt sich zwischen ihnen Stück für Stück auch eine Beziehung romantischer Natur, denn hier sprühen eindeutig die Funken, vielleicht gerade, weil ihre Herkunft und Persönlichkeiten so unterschiedlich sind. Genau das sorgt auch für viele witzige Momente zwischen ihnen, denn Caitlyns relative Unschuld und die raue Gegend von Zaun ecken dann doch an so mancher Stelle miteinander an. Was beide jedoch definitiv gemeinsam haben, ist ihr Sinn für Gerechtigkeit und der ungebrochene Wille, die Menschen um sich herum zu beschützen.
Jinx, Silco und das Finale
Die außerordentlich gute Beziehung von Caitlyn und Vi entgeht auch Jinx (Ella Purnell) nicht und ist der Auslöser für einen nicht unwesentlichen Grad an Neid, der für das Quartett in einem großen Showdown resultiert, denn diese vier sind speziell eng miteinander und mit dem Schicksal von Zaun und Piltover verknüpft. Silco (Jason Spisak) ist für mich einer der gelungensten Schurken, den ich seit langer Zeit erlebt habe. Das liegt daran, dass er nicht nur eine gewisse Skrupellosigkeit und einen unüberwindbaren Hass auf die Oberfläche mit sich bringt, sondern es gibt ein paar Momente, in denen man ihm anmerkt, dass er sich trotz allem aufrichtig um Jinx sorgt und sie wie eine Tochter für ihn ist. Dass ebendiese Momente es einem schwer machen, ihn trotz einiger verachtenswerter Taten nicht vollkommen menschlich abzuschreiben, spricht einfach für gutes Storytelling. Jinx ist darüber hinaus natürlich eine der komplexesten Figuren und es ist keine leichte Aufgabe, ihre mentalen Probleme und Traumata nachvollziehbar für den Zuschauer darzustellen und sie gleichzeitig trotz derselben Skrupellosigkeit wie bei Silco ungleich sympathischer dastehen zu lassen. Ein Spagat, der meiner Meinung nach überaus geglückt ist.
Natürlich lässt sich die Staffel nicht rekapitulieren, ohne über das Cliffhanger-Finale zu sprechen. Es ist ein Moment, in dem einem als „LoL“-Fan das freudige „Pow-Pow!“ beim Wiedererkennen des Raketenwerfers von Jinx gleich wieder im Halse steckenbleibt. Und an dieser Stelle kann man nur ein großes Kompliment an die Art und Weise aussprechen, wie diese Sequenz zusammengeschnitten ist. Denn es ist doppelt bitter zu sehen, wie eine für Zaun revolutionäre Entscheidung in ihrem Sinne getroffen wird, aber gleichzeitig auf ganz fatale Weise klarwird, dass es dazu niemals kommen wird. Eine sehr wichtige Frage ist an dieser Stelle: Traut sich die Serie, im Spiel etablierte Champions sterben zu lassen, oder wird zumindest Jayce das Desaster überleben? Und wie wird es das ohnehin schwierige Verhältnis von Caitlyn, Vi und Jinx prägen, sollte etwa Caitlyns Mutter von der Super Mega Death Rocket (ja, so heißt die ultimative Fähigkeit von Jinx im Spiel) getötet werden. Auch die Konsequenzen, was einen direkten und offenen Konflikt zwischen Zaun und Piltover angeht, schweben natürlich für die neue Staffel im Raum, die mehr als genug spannendes Material haben wird, wenn sie uns erreicht.
Die Welt von LoL und was uns noch bevorsteht
Hier kommen wir zur wahren Schatztruhe, die uns Arcane geöffnet hat: Während wir hier behutsam nur einen kleinen Ausschnitt der Welt von Runeterra präsentiert bekommen, bietet „League of Legends“ hingegen eine riesige Welt, aus der für weitere Staffeln über die Geschichte von Piltover und Zaun hinaus geschöpft werden kann und die ausgearbeitete Gebiete enthält, welche mindestens genauso viel Material für neue Geschichten bieten. Da wären Regionen wie das nordisch inspirierte Freljord, das Königreich Demacia oder das spirituell angehauchte Ionia, welches im Clinch mit dem kriegerischen Noxius liegt und in welchem laut aktuellem Lore nur ein sehr fragiler Frieden herrscht. Dazu gesellt sich noch das karibische Bilgewater und die dazugehörigen Inseln, welches im Zentrum des erst vor kurzem veröffentlichten RPG „Ruined King: A League of Legends Story“ steht. Das von den Machern von „Battle Chasers: Nightwar“ stammende Game mit rundenbasierten Kämpfen ist für „LoL“-Neulinge, die eher weniger Interesse an einem MOBA-Game haben, ein ebenso empfehlenswerter Einstieg und erzählt eine spannende Geschichte rund um Fanfavoriten wie Ahri und Miss Fortune (bei dem ich mich persönlich nach circa 30 Stunden Spielzeit bestens unterhalten fühle).

Was die nächste Staffel von „Arcane“ angeht, so stellt sich die konfliktreiche Prämisse durch die bevorstehende Auslöschung des Rats quasi von selbst und es sind neben dem bereits kurz in Aktion getretenen Singed auf beiden Seiten noch vier beziehungsweise acht Champions mit Wurzeln in Piltover oder Zaun ausstehend, die in Zukunft auftauchen könnten. Zunächst gab es schon einmal eine subtile Anspielung auf Orianna zu entdecken und darüber hinaus gibt es noch ein Urgestein der Spiele mit Fell und Klauen, welches bereits ziemlich eindeutig angekündigt wurde und bei dem schon eine eindeutige Theorie unter Fans vorherrscht, welche Figur sich zu diesem entwickeln dürfte. Wer an dieser Stelle zwar neugierig ist, aber noch nicht ganz Bescheid weiß, sollte aber aus potentiellen Spoiler-Gründen lieber selbst recherchieren...
Fazit
Manchmal überlegt man sich ausgiebig, wie man seine Gedanken in Superlativen besonders eloquent zum Ausdruck bringen kann. Im Fall von Arcane lässt es sich aber auch ganz simpel halten: Nach der ersten Staffel ist und bleibt es nicht nur die bis dato beste Videospiel-Adaption, sondern es ist auch ein Kandidat für die beste Serie des Jahres. Es ist eine bildgewaltige Animationsserie ohne wesentliche Defizite und mit mitreißender Story, die „LoL“-Fans und Neulinge gleichermaßen begeistern kann und die im selben Atemzug die Tür zu einer Welt öffnet, welche noch viele Geschichten zu erzählen hat. Sollte die Produktion auch für weitere Staffeln dieses hohe Niveau halten können, so steht uns noch viel Freude mit diesem Universum bevor.
Arcane: Serientrailer
Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Arcane“:
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Verfasser: Tim Krüger am Samstag, 4. Dezember 2021(Arcane 1x09)
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