Mit der aktuellen Verfilmung der Anne-Romanreihe von L.M. Montgomery machen CBC und Netflix einiges richtig und erschaffen eine Serie, die ans Herz geht und sich zeitlos anfühlt.

Amybeth McNulty in der Serie „Anne“ / (c) CBC
Amybeth McNulty in der Serie „Anne“ / (c) CBC
© mybeth McNulty in der Serie „Anne“ / (c) CBC

Der kanadische Sender CBC und der Streamingdienst Netflix haben gemeinsam eine Serie auf den Weg gebracht, die auf der gleichnamigen Romanreihe von Lucy Maud Montgomery basiert. Es ist nicht die erste, aber es ist eine bezaubernde.

Wovon es handelt

Waisenkind Anne (Amybeth McNulty) lernen wir kennen als sie im Zug mit einer Betreuerin unterwegs ist. Sie fahren nach Green Gables, wo Anne fortan mit dem Geschwisterpaar Cuthbert leben soll. Die beiden wollen das 13-jährige Kind adoptieren.

Parallel dazu erleben wir, wie Marilla (Geraldine James, Utopia, The Five) und ihr Bruder Matthew (R.H. Thomson) sich auf den Neuankömmling auf ihrem Hof vorbereiten. Wir begleiten, wie diese beiden Welten aufeinanderprallen und wissen, dass es kein schönes Treffen wird, denn die Cuthberts erwarten einen Jungen, der ihnen bei der Feldarbeit helfen kann. Anne unterdessen freut sich nach Jahren, in denen sie von einer kinderreichen Familie als kostenlose Haushaltshilfe und Prügelbock ausgenutzt wurde, endlich irgendwo eine Tochter sein zu dürfen.

Nicht nur Nicht-Buchlesern muss man wohl nicht groß erklären, wie das weitergeht. Mit ihrem Charme und ihren Reden kann die extrovertierte Anne auf der Kutschfahrt vom Bahnhof zum Hof Matthews Herz gewinnen, doch Marilla ist nicht so schnell zu überzeugen. Sie will das Mädchen am nächsten Tag zurückbringen, woraufhin Anne sich auf den Boden fallen lässt und weint. Doch nachdem sie die Nacht durchgeweint hat, entschließt Anne sich im Morgengrauen dazu, ihr Schicksal zu ignorieren und tut, was sie am besten kann: Sie lässt ihrer Phantasie freien Lauf und spielt in dem Schlafzimmer, das sie ja nur eine Nacht bewohnen soll, ihr eigenes Bühnenstück.

Nach dem Frühstück bringt Marilla Anne zu der Vermittlungsfrau in der Stadt, die direkt eine Lösung parat hat: Die Nachbarsfrau hat so viele Kinder, dass sie nach einer Hilfe schicken lässt. Anne und Marilla lernen die verbitterte Frau schnell selbst kennen, die keinen Hehl daraus macht, dass sie Anne zum Arbeiten braucht und bei Nichtgehorchen eine Tracht Prügel folgt.

Mit dieser Realität konfrontiert zieht Marilla zurück und nimmt Anne wieder mit nach Green Gables. Es folgt eine Art Probezeit für Anne, in der sie beweisen kann, dass sie zum Hofleben der Geschwister passt.

Zwischen einem neuen Kleid, der Feststellung, dass Anne nicht weiß, wie man betet, kommt es zum Showdown als Marillas Freundin Anne als hässlich und dürr beleidigt. Da zeigt sich, dass Anne weder in ihrer Freude noch in ihrer Wut hinter dem Berg hält. Sie schreit sie Mrs. Lynde (Corrine Koslo) an und rennt ins Feld. Matthew versucht zu vermitteln, doch Marilla besteht auf einer Entschuldigung für ihre Freundin. Doch dann findet der eher schweigsame Matthew die Worte, die Anne den Weg zeigen: Sie nutzt die Entschuldigung als Bühne und schießt über das Ziel hinaus mit der Aussicht darauf, bald nicht mehr so viel Wert auf die Meinungen anderer zu legen.

Einen kurzen Dämpfer bekommt die Idylle außerdem als Anne später am Tag feststellt, dass die Cuthberts einen Jungen angestellt haben, der die Feldarbeit verrichtet, auch wenn Anne dachte, dass sie sich als Arbeiterin beweisen sollte. Doch keine Zeit für Probleme, denn die reichen Nachbarn wollen den Green-Gables-Zuzug kennen lernen. Ein Nachmittagstee wird arrangiert, doch Anne hat Angst, dass sie für die Familie arbeiten soll. Stattdessen will Mr. Barry (Jonathan Holmes) nur herausfinden, ob Anne sich mit seiner gleichalten Tochter Diana (Dalila Bela) anfreunden könnte. In Rückblicken erleben wir immer wieder, was Annes Leben bisher für sie bereit gehalten hat, Freundinnen waren Foltererinnen, die sie im Keller des Waisenhauses bedrohten. Sie hat gelernt, dass andere Kinder nicht mit ihrer Gesprächigkeit und ihrer Kreativität umgehen können. Also schwört sie sich, beim Tee kein Wort zu sagen. Das beunruhigt selbst Marilla, die ihr sagt, dass sie nicht sie selbst sei. Bei einem Spaziergang stellt Anne fest, dass sie mit Diana eine echte Freundschaft schließen könnte, denn hinter der gut erzogenen Fassade des Nachbarsmädchen steckt eine gute Seele, die sich von Annes großen Worten und Extrovertiertheit nicht einschüchtern lässt.

Am Ende der anderthalbstündigen Pilotepisode wird es dennoch einmal kurz spannend als Marilla feststellt, dass ihre Brosche fort ist und Anne - in die Ecke getrieben und verängstigt - ein falsches Geständnis ablegt weil sie denkt, nur dann dort bleiben zu dürfen. Wieder einmal findet sie sich im Morgengrauen auf der Kutsche in die Stadt wieder, dieses Mal alleine.

Doch dann merkt Marilla, dass ihr Schmuckstück zwischen das Polster gefallen ist und schickt Matthew mit dem Pferd zum Bahnhof, um Anne zurückzuholen. Der Zug unterdessen ist schon abgefahren und wir müssen uns bis zur nächsten Episode gedulden, um zu erfahren, wie Anne zurück nach Green Gables kommt.

Wie kommt es rüber?

Sicher, große Spannung darf man nicht erwarten von einem Stoff, der so oft verfilmt, nach- und umerzählt worden ist wie die Geschichte eines Waisenkindes, das schließlich ein richtiges Zuhause auf einem Bauernhof findet und die Herzen der Menschen dort erwärmt auch wenn die eher wortkarg und kühl wirken.

Doch auf Originalität kommt es auch nicht an, diese kanadische Koproduktion kann man vor allem genießen weil das Drehbuch charmant ist und das zentrale Darstellertrio stark spielt. Zusammen sind die drei auf Green Gables perfekt besetzt und man schließt sie schnell ins Herz. Bei den beiden Geschwistern ist das nicht besonders schwer, denn hinter der bäuerlichen Kargheit scheint das große Herz schnell durch, vor allem im Gegenlicht der doppelbödigen Biederkeit ihrer Zeitgenossen. Anne hingegen könnte sich an der Grenze dazu bewegen, auf den Nerven der anderen herum zu trampeln mit ihrem pausenlosen Redefluss. Doch dank eines ziemlich intelligenten Drehbuchs und einer wenig aufdringlichen Umsetzung bleibt die Figur liebenswert. Einen Schwerpunkt legen die Serienmacher auf den feministischen Aspekt der Romanvorlage, bei dem Anne sich immer wieder fragt, wieso sie keine Feldarbeit machen kann wie ein Junge es dürfte und sich dabei Marilla fragt: „Was wenn es keine Jungen mehr gäbe auf der Welt?

Fazit

Einige potentielle Zuschauer werden wohl einschalten weil sie die Romanvorlage einst geliebt haben. Diese - zu denen auch ich gehöre - dürfen sich auf eine charmante Umsetzung freuen, die den Ton des Buches mit aktuellen, aber im Grunde zeitlosen Diskussionen zusammenbringt. Doch auch Nicht-Leser können durch den starken Cast und das charmanten Drehbuch eine Geschichte entdecken, die ans Herz geht.

Aktuell läuft die Serie wöchentlich auf dem kanadischen Sender CBC, ab dem 12. Mai gibt es die Serie Anne im deutschen Netflix zu sehen.

Trailer zur Serie „Anne“:

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