Animal Kingdom 1x10

Animal Kingdom 1x10

Das TNT-Crimedrama Animal Kingdom hatte vielleicht nie den Anspruch, Prestigefernsehen zu sein, erreicht mit der ersten Staffel aber beinahe diesen Status. Dafür fehlt noch der Feinschliff in Sachen Dialogarbeit, andere Qualitätskriterien sind bereits auf niedriger Stufe erreicht.

Josh Cody (Finn Cole) muss sich zwischen seinen Loyalitäten entscheiden. / (c) TNT
Josh Cody (Finn Cole) muss sich zwischen seinen Loyalitäten entscheiden. / (c) TNT

In Zeiten von „Peak TV“ ist es angesichts der schieren Menge an neuen Formaten, die wöchentlich auf uns zurollen, beinahe unmöglich, einer Serie, die nicht gleich vom Start weg überzeugt, eine weitere Chance zu geben. So war ich mir nach der Auftaktepisode von Animal Kingdom sehr sicher, dass ich keine weitere Episode dieses Formats sehen würde. Warum ich es trotzdem noch einmal versucht habe, weiß ich nicht genau. Vielleicht war es ein Userkommentar, vielleicht eine Empfehlung aus einem Podcast oder ein Tweet von einem geschätzten Kollegen.

I'm a Cody

Was nun auch der genaue Grund für mein abermaliges Einschalten gewesen sein mag, spielt längst keine Rolle mehr, denn ich habe mir den Rest der ersten Staffel mit mal mehr, mal weniger großer Begeisterung zu Gemüte geführt - und bin froh darüber. War mein größter Kritikpunkt an der Pilotepisode noch, dass Showrunner Jonathan Lisco (Southland) außer dem Porträt der vermeintlich ausgefallenen Familie Cody nicht viel bewerkstelligte, konnte er diesen Eindruck im Verlauf der Staffel erfolgreich verwässern.

Zu Beginn lag sein Fokus vor allem auf den Abenteuern des Brüdergespanns, das, von Matriarchin „Smurf“ (Ellen Barkin) angeleitet, sein luxuriöses Hillbilly-Leben in der Sonne Kaliforniens mit mittelschweren Kriminaldelikten finanziert. Eine von schwer erträglichem Skaterpunk unterlegte Gegenlicht-Aufnahme jagte die nächste, wobei schon nach der ersten klar war, welchen Hobbies die niemals stillsitzenden Bros gerne nachgehen. Dabei ließ sich keine klare Linie, kein Grundstein einer Geschichte ausmachen, was umso mehr überrascht, als dass es wohl nie wichtiger war als jetzt, ebendas so schnell wie möglich zu etablieren.

Dies ändert sich glücklicherweise kurz vor der Halbzeitmarke der ersten Staffel. Da bekommt die bisher aus losen Versatzstücken zusammengehaltene Serie plötzlich viel stärkeren Fokus. Die dort etablierten Handlungsbögen halten allesamt bis zum Ende der Staffel durch und finden dann mitunter überraschende Abschlüsse. Eine willkommene Nebenwirkung dieser Fokussierung ist das Ausbrechen der Figuren aus ihrer eindimensionalen Charakterzeichnung. Dies gilt nicht für alle Hauptfiguren, aber doch für ausreichend viele, um das Format aus seiner Mittelmäßigkeit zu erheben.

Starke Darstellung I: Ellen Barkin als %26bdquo;Smurf%26ldquo; © TNT
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Zur Mitte der Staffel kristallisiert sich ihr endgame heraus. Der nach dem Drogentod seiner Mutter in die kriminelle Familie aufgenommene Josh „J“ (Finn Cole) stürzt sich da in eine Affäre mit seiner Lehrerin, wobei sich bald herausstellt, dass sie diese nur initiiert, um Informationen über Smurf und Konsorten herauszufinden. Alexa (Ellen Wroe) wird ihrerseits von Detective Sandra Yates (Nicki Micheaux) zur Kooperation gezwungen, weil sie andernfalls wegen Drogenerwerbs im Gefängnis landen würde.

Never honest

J ist zunächst zwischen Alexa und seiner neuen Familie hin- und hergerissen, beschließt aber nach einem traumatischen Erlebnis rund um seine Ex-Freundin Nicky (Molly Gordon), die eine Affäre mit seinem Onkel Craig (Ben Robson) anfängt, mit der Polizei zu kooperieren. Diese überraschende Entscheidung bekommt in der Finalepisode What Have You Done eine weitere Wendung, als er großes verschwörerisches Geschick beweist und somit nicht nur sich selbst, sondern auch der gesamten Familie die Polizei vom Hals hält.

Die kann ebendas gut gebrauchen, hat sie doch gerade erst ihren bislang größten Coup gelandet. Auch dessen dramaturgischer Grundstein wurde bereits in einer frühen Episode gelegt, als der trotz seines Fremdbluts zum Anführer erkorene Baz (Scott Speedman) auf die Idee kommt, Nickys Vater Paul (C. Thomas Howell), einen frustrierten Marineleutnant, auf die dunkle Seite zu ziehen. Besonders spannend fand ich es nun nicht, ob der Raubüberfall auf eine Marinebasis klappen würde, dachte ich doch viel zu oft daran, dass die Bande aus rein dramaturgischen Gründen nie geschnappt werden dürfte.

Unterhaltsam war die Umsetzung trotzdem, musste sich das Team doch Winkelzüge von nahezu Walter-White'schem Niveau ausdenken, um erfolgreich zu sein. Um es gleich vorweg zu nehmen: Animal Kingdom ist nicht Breaking Bad. Trotzdem war dies der erste Vergleich, der mir einfiel, als Deran (Jake Weary) und Craig auf der geschlossenen Ladefläche eines fahrenden Lkw in stinkender Abwasserbrühe nach ihrer dort versteckten Beute suchen. Ein anderes Merkmal, das sich diese Serie von einer der besten aller Zeiten borgt, ist die Konzentration darauf, Plotzusammenhänge nicht allzu konstruiert erscheinen zu lassen.

Starke Darstellung II: Shawn Hatosy als %26bdquo;Pope%26ldquo; © TNT
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Ergeht sich die Familie größtenteils in kriminellen Aktivitäten, die keine Todesopfer fordern, ändert sich das mit dramatischer Zuspitzung am Ende der ersten Staffel. Smurf äußert da gegenüber ihrem ältesten, ziemlich derangierten Sohn Andrew „Pope“ (Shawn Hatosy) den Verdacht, dass ihre renitente Schwiegertochter Catherine (Daniella Alonso) sie bestohlen habe und mit diesem Geld abhauen wolle. Der versteht den Wink sogleich und erledigt einmal mehr die Drecksarbeit, für die er auserkoren scheint. Catherines Ehemann Baz ist über ihr Verschwinden verständlicherweise empört, lässt sich von seiner Adoptivmutter aber auf eine falsche Fährte locken.

No news is good news

Ähnlich wie der von Walter White willentlich hingenommene Tod einer seinem Geschäftspartner nahestehenden Figur dürfte auch dieser Vorfall in einer späteren Staffel von Animal Kingdom für erhebliche Konflikte sorgen. Schon am Ende der ersten deutet sich jedoch an, dass das einfache Leben der Codys nach der Eskalation von Gewalt und Verrat nicht mehr das gleiche sein wird. Zwar sind sie allesamt wieder am Pool der Familie versammelt, jedoch trägt jedes Mitglied eine großes Paket belastender Emotionen auf den mitunter breiten Schultern.

Des Mordes schuldig hat sich nicht nur der darüber verzweifelte Pope gemacht, sondern auch seine Mutter, die den Mann ausfindig gemacht hat, der für ihren Spitznamen und den Tod ihrer Mutter verantwortlich ist. Nachdem sie ihm einen Oldtimer abgekauft und dabei ausreichend Informationen eingeholt hat, erschießt sie ihn eines Nachts kaltblütig vor seiner eigener Haustür. Ihre jahrelang aufgestauten Rachegelüste kommen dabei zur Entladung, hinterlassen aber schweren emotionalen Ballast. Hier klingt durch, was als Leitmotto der Serie dienen könnte: Verbrechen lohnt sich nicht.

Hatte es in der Pilotepisode noch den Anschein, als wollten Lisco und Konsorten diesen Lebensstil glorifizieren, arbeiten sie im Laufe der ersten Staffel eindeutig heraus, dass das Gegenteil der Fall ist. Das von den Jungs im Auftrag ihrer Mutter erbeutete Geld dient meist nur leerer materieller Befriedigung, wenngleich Smurf immer wieder versucht, ihren Söhnen Werte abseits des Konsums einzuimpfen. Sie achtet darauf, sie stets bei Mahlzeiten an einen Tisch zu bekommen, versorgt sie, tröstet sie, behütet sie. Das driftet bisweilen ins Inzestuöse ab, überschreitet aber nie die Grenze zum sexuellen Akt.

Was der Serie auch am Ende der Staffel noch fehlt, sind regelmäßige Ausflüge auf humoreskes Territorium sowie ein Drehbuch, das uns nicht ständig daran erinnern muss, was gerade vor sich geht. Zugegebenermaßen kann der Plot bisweilen zu kompliziert wirken, aber dann sollte lieber daran gearbeitet werden, diesen zu entwirren, statt die Figuren jedes kleine Detail wiederholt aussprechen zu lassen. Dann könnte aus „Animal Kingdom“ eine sehr gute Serie werden, spielt sie doch beim Setdesign, der Charakterzeichnung und der visuellen Umsetzung bereits in den unteren Gefilden der ersten TV-Liga.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 24. August 2016

Animal Kingdom 1x10 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 10
(Animal Kingdom 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Abrechnung
Titel der Episode im Original
What Have You Done
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 9. August 2016 (TNT)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 14. August 2017
Autor
Jonathan Lisco
Regisseur
John Wells

Schauspieler in der Episode Animal Kingdom 1x10

Darsteller
Rolle
Ellen Barkin
Scott Speedman
Shawn Hatosy
Ben Robson
Jake Weary
Finn Cole
Molly Gordon

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