
Charlie Sheen. Es gibt kaum eine Gestalt im US-Fernsehen, die so sehr polarisiert wie er. Die einen lieben ihn, ungeachtet aller Skandale oder sogar gerade wegen seines Status als enfant terrible. Die anderen verachten ihn, das Hollywood-Söhnchen, das ja unbedingt zu Drogen greifen und eine anfangs vielversprechende Schauspielkarriere (denken wir an „Platoon“ und „Wall Street“) das Klo herunterspülen musste.
Sehr gemischt dürften entsprechend auch die Erwartungen an seine neue Sitcom Anger Management ausgefallen sein: Auf der einen Seite diejenigen, die sich darüber freuen, endlich wieder ihren Charlie im Fernsehen wiederzusehen. Auf der anderen Seite die Kritiker, welche einen unausgegorenen Schnellschuss befürchten, mit dem nur rasch aus der öffentlichen Aufmerksamkeit, die Sheen nach seinem jüngsten Skandal genießt, Profit geschlagen werden soll.
Die Tatsache, dass Sheen bereits so kurz nach seinem unrühmlichen Abschied von Two And A Half Men für Anger Management gecastet wurde (als noch gar nicht klar war, ob er überhaupt stabil genug sein würde, um für eine solche Serie vor der Kamera zu stehen), und das Produktionsmodell, welches schnellstmöglich auf 100 Folgen abzielt, gaben diesen Befürchtungen mehr als genug Nahrung.
Das Interessante an den beiden Auftaktfolgen von Anger Management ist nun, dass beide Seiten ein Stück weit überrascht sein werden: Natürlich kommt die Pilotfolge zu Beginn nicht ohne eine Anspielung auf Sheens Skandal und seinen Rausschmiss bei Two And A Half Men aus. Abgesehen davon präsentiert uns die Serie allerdings einen bemerkenswert aufgeräumten Charlie, der mit Anger Management zwar nicht direkt einen Imagewechsel, aber doch eine deutliche Akzentverschiebung gegenüber seinem Part in Two And A Half Men vornimmt.
War Charlie Harper eine Figur, welche sich auf ihren Tantiemen ausruhte, auf der Couch abhing und in jeder nur denkbaren Hinsicht das Leben genoss, ist Charlie Goodson im Vergleich dazu eine geradezu seriöse Figur: Ja, er hatte seine wilden Tagen. Er ist auch immer noch der ladies man. Zugleich ist er aber auch ein Mann, der erkannt hat, dass er ein Problem mit seinen selbstdestruktiven Verhaltenstendenzen hat. Ein Mann, der seine ursprüngliche Karriere zerstört hat, indem er sich aus einem unkontrollierten Impuls heraus, selbst das Knie zertrümmert hat (eine weitere Referenz, wie es scheint, auf Mr. Sheens eigene Karriere) - und der es ernst damit meint, sich zu bessern.
Nicht nur geht dieser Charlie einer Berufstätigkeit als Therapeut nach und leistet nebenher auch noch ehrenamtliche Arbeit in einem Gefängnis. Nein, die Pilotfolge dreht sich auch noch darum, dass Charlie seiner Tochter (Daniela Bobadilla) den Wert eines College-Studiums zu verdeutlichen versucht. Und sich mit dem neuen Freund seiner Ex-Frau (Shawnee Smith, Becker) anlegt, der ihr in den Kopf gesetzt hat, dass man auch ohne eine vernünftige Ausbildung zu Reichtum kommen kann.
Ja, dieser Charlie hat sogar Bedenken, mit seiner Ex-Therapeutin (Selma Blair) das Friends-with-Benefits-Verhältnis fortzuführen, als er wieder ihre Hilfe braucht. Weil so etwas ja gegen die therapeutische Berufsethik verstoßen würde. Zwar finden die beiden am Ende doch einen Dreh, wie sie miteinander schlafen können. Trotzdem präsentiert sich Anger Management hier bisweilen als Extreme Makeover: The Charlie Sheen Edition.
Was nun den Wert von Anger Management als Sitcom angeht, so ist die Serie solide gearbeitet, auch wenn die großen Lacher bislang noch Seltenheit sind (einer dieser seltenen Lacher ist natürlich der Moment, als Charlie gegenüber dem Freund seiner Ex-Frau die Beherrschung zu verlieren droht - und zu einer Lampe als Schlaginstrument greift, sich dann aber gerade noch mal fängt). Die Gundkonstellation - Ex-Frau und Tochter auf der einen Seite, die beste Friends-with-Benefits-Freundin auf der anderen und daneben noch seine Therapiegruppe - ist abwechslungsreich gestaltet und bietet Stoff für zahlreiche zukünftige Episoden.
Die Nebenfiguren können noch nicht alle durchweg überzeugen (vor allem in der Therapiegruppe). Allerdings muss man ihnen vielleicht auch noch ein bisschen mehr Zeit einräumen. Außerdem bietet natürlich gerade die Gruppe die Gelegenheit, problemlos und plausibel Figuren zwischendurch auswechseln zu können, sollten die Produzenten merken, das die ein oder andere nicht so wie gedacht funktioniert.
Fazit
In Sachen Image-Reparatur hätte sich Charlie Sheen kein besseres Projekt zu dieser Zeit aussuchen können. Anger Management ist zwar sicherlich kein Highlight am Comedy-Himmel. Die schlechteste Sitcom, wie manche US-Kritiker vorab andeuteten, ist es allerdings auch nicht. Das Niveau der Scherze liegt auf jeden Fall schon mal über dem von Two And A Half Men. Und auch sonst scheint Anger Management auf einem guten Weg, solide Unterhaltung abzuliefern.