Angelyne: Dream Machine - Review der Pilotepisode

© mmy Rossum als Angelyne in der gleichnamigen Serie (c) Peacock
Wer ist Angelyne? Um diese Frage geht es in der neuen Peacock-Miniserie mit Shameless-Star Emmy Rossum in der Titelrolle. Die Protagonistin selbst versucht hingegen, die Antwort so gut es geht geheim zu halten. Jeder soll sie kennen, doch niemand darf wissen, wer sie eigentlich ist. Einen solchen Charakter, den man im Englisch als „Larger than life“ bezeichnen würde, gibt es tatsächlich. In Los Angeles erinnert man sich noch heute gern zurück an die Zeit Mitte der 1980er, als überall die Billboards aufpoppten, die die mysteriöse Blondine zeigten, die anscheinend nichts zu verkaufen hatte außer sich selbst.
Bis zu einer Anspielung bei The Simpsons hat es die echte Angelyne geschafft, was als ultimativer Ritterschlag kultureller Relevanz gewertet werden kann. Dass sie nun auch noch ihre eigene Biopic-Serie kriegt, scheint sie allerdings weniger zu freuen. Zumindest erklärte sie gegenüber Newsweek, dass ihr die ersten Trailer Schmerzen bereitet hätten (siehe hier). Die einstündige Pilotepisode zum fiktionalisierten Fünfteiler will vor allem klarmachen, dass auch Angelyne selbst auf ihrem Egotrip bis an die Spitze vielen Menschen wehgetan hat.
Hinter dem Format steht die erfahrene Produzentin Nancy Oliver (Six Feet Under, True Blood). Das Skript zum Auftakt namens Dream Machine stammt von Cara DiPaolo und Brendan Kelly. Die Inszenierung übernahm der Regisseur Matt Spicer (Dollface, „Ingrid Goes West“). Ebenfalls im Ensemble: Philip Ettinger (I Know This Much Is True), Alex Karpovsky (Girls), Charlie Rowe (Salvation), Hamish Linklater (Midnight Mass) sowie der vielbeschäftigte Sherlock-Veteran Martin Freeman. Eine zweite Frau findet neben Angelyne natürlich keinen Platz - und auch die männlichen Darsteller sind nur Deko.
Worum geht's?
Die Serie etabliert gleich zu Beginn einen locker-leichten Dokudrama-Stil, wie er momentan im Trend liegt, mitsamt Mockumentary-Interviews. Rossum erkennt man als Gegenwarts-Angelyne kaum wieder, wobei man spürt, wie viel Spaß die Schauspielerin an dieser Karikatur von einer Rolle hat. Darin liegt wahrscheinlich auch die größte Stärke von „Angelyne“, es ist eine One-Woman-Show, die von Herzen kommt.
Etwas unbeholfen versucht man dem Publikum schnellstmöglich klarzumachen, was so besonders an Angelyne war. In solchen Fällen ist es immer eleganter, es uns einfach zu zeigen, statt es nur zu behaupten. Aber Serie müssen heutzutage mit einer immer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne rechnen, weshalb Subtilität manchmal in den Hintergrund rückt. Zum Glück passt diese Angeberei der Serie aber perfekt zur Hauptfigur selbst, was es irgendwie wieder stimmig erscheinen lässt. Richtig drin ist man trotzdem erst, als sich die zentrale Dynamik dieser ersten Episode abzeichnet: zwischen Angelyne und ihrem Weggefährten Cory (Ettinger), der mächtig in sie verknallt war.

Angelyne und Cory waren Ende der 70er als Rockband „Baby Blue“ in den Indie-Clubs von Los Angeles unterwegs. Ihre Beziehung - die mit einem Blutschwur an Marilyn Monroe, die Göttin des Berühmtseins, begann -, war von Vorneherein auf falschen Annahmen gebaut. Angelyne sah in Cory wirklich nur eine Chance, den Durchbruch zu schaffen, während er viel mehr von ihr wollte. So sehen wir ein paar sehr unangenehme Szenen, in denen der Verliebte zu weit geht und an seiner Angebeteten abprallt. Auch gibt es einen lustigen Yoko-Moment, als er sie seinen Bandkollegen vorstellt.
Interessant am Angelyne-Charakter, von dem wir nur wenige ehrliche Facetten kennenlernen dürfen, ist nicht nur ihr außerirdisches Auftreten. Auch die Widersprüche, die bei der Kreation von Kunstfiguren unvermeidbar sind, wecken Neugier. Auffällig ist vor allem, dass sich Angelyne als Sexikone stilisiert, aber selbst keine sexuellen Bedürfnisse zu haben scheint. Sie pendelt zwischen hyper- und asexuell, was sich auch in ihrer allerersten Begrüßungszeile widerspiegelt: „Ich bin keine Frau, ich bin eine Ikone.“ Kann eine Ikone eigene Wünsche haben oder ist sie ein Wunsch für andere?
Die beeindruckendste Szene der ersten Episode kommt gegen Ende (und beinhaltet einen kleinen Spoiler): Als Cory endlich einsieht, dass Angelyne nur sich selbst lieben kann, will er Schluss machen, und weckt dadurch einen Dämon, der Angelynes wahrer Persönlichkeit vielleicht am nächsten kommt. In einem für sich stehenden Anflug von Surrealismus lässt die Serie ihre Hauptfigur zur Regisseurin werden und diesen Schlüsselmoment ihres Werdegangs selbst inszenieren. Das ist ihre Geschichte, und wer darin vorkommen will, muss tun, was sie sagt.
Wie ist es?
Insgesamt tritt die Peacock-Miniserie Angelyne als eines der besseren nostalgischen Popkultur-Dokudramen dieses Frühlings auf (vor allem der Vergleich mit Pam & Tommy liegt nahe). Die Showrunnerin Nancy Oliver hat eine Figur gefunden, die sowohl schillernd als auch unbekannt genug erscheint, dass sich das Biopic wirklich lohnen könnte. Außerdem profitiert man davon, dass sich von der Angelyne-Story vieles ableiten lässt, was heutzutage kulturell relevanter denn je ist. Angelyne war eine Vorreiterin des modernen Influencer-Business, sie hat die Berühmtheit allein für das Berühmtsein erfunden - was Leute wie Paris Hilton oder Kim Kardashian auf das nächste Level gehoben haben.
Die größte Stärke der Serie ist natürlich die Hauptdarstellerin Emmy Rossum, die eine so spaßige Rolle wirklich verdient hat, nachdem sie sich nach fast zehn Jahren Shameless wahrscheinlich etwas unterfordert fühlte. Bei dem Fünfteiler - übrigens auch eine erfrischend kompakt Episodenzahl - kann sie sich nun richtig austoben. Und man darf gespannt sein, wie experimentierfreudig auch die Inszenierung im weiteren Verlauf wird. Erste Anzeichen für außergewöhnliche und damit sehenswerte Einfälle gab es im Pilot schon. Alles in allem ein gutes Debüt.
Hierzulande ist damit zu rechnen, dass Sky die Serie importiert. Einen Starttermin gibt es jedoch noch nicht.
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Hier abschließend noch der Trailer zur Peacock-Miniserie Angelyne: