American Vandal 1x01

© ??American Vandalâ / (c) Netflix
Als vor wenigen Wochen im Netz der Trailer zu Netflix' True-Crime-Persiflage American Vandal (#WhoDrewTheDicks) die Runde machte, waren sich viele unsicher, ob der Streaminganbieter sich hier vielleicht einfach einen kleinen SpaĂ erlaubt hat oder es mit dem Mockumentary-Format von Tony Yacenda und Dan Perrault wirklich ernst meint. Zumindest so ernst, wie man es mit einer derartigen Produktionen meinen kann.
Netflix ist nach den von der Kritik gelobten und extrem beliebten Produktionen wie dem Podcast „Serial“ von Sarah Koenig oder auch HBOs The Jinx: The Life and Deaths of Robert Durst sogleich mit auf den True-Crime-Zug aufgesprungen und fesselte uns so Ende 2015 mit Making a Murderer an die Bildschirme. In diesem Jahr schob man sogar noch The Keepers hinterher, um den Durst der Nutzer nach weiteren Formaten dieses boomenden Genres zu stillen. WĂ€hrend sich nach dem Aufkommen des Interesses an True-Crime-Formaten derzeit etliche Projekte in Entwicklung befinden (nicht nur bei VoD-Anbietern wie Netflix, sondern auch im amerikanischen Network-Fernsehen), will man sich beim Medienunternehmen aus Kalifornien jetzt mit „American Vandal“ selbst ein kleines Schnippchen schlagen.
Dix 4 Days
Eine Parodie des True-Crime-Genres soll es sein, in der es nicht um Mord, Totschlag, verschwundene Personen, schauerliche menschliche AbgrĂŒnde oder das korrupte Rechtssystem der USA gehen soll. Man bricht das Konzept auf ein Thema herunter, das weitaus harmloser ist, aber natĂŒrlich auch schreckliche Konsequenzen fĂŒr die Betroffenen, Opfer und vermeintliche TĂ€ter haben kann: Schulvandalismus. Genauer: An einer Highschool in Kalifornien werden die Fahrzeuge der Lehrerschaft in einem ungeheuerlichen Akt der Geschmacklosigkeit mit mĂ€nnlichen Geschlechtsteilen verziert. Wer ist fĂŒr diese Schandtat verantwortlich? War es wirklich der schulbekannte ProblemschĂŒler Dylan (Jimmy Tatro), auf den sich die Schulverantwortlichen sehr frĂŒh eingeschossen haben? Oder ist er nur ein SĂŒndenbock? Wurde er vielleicht sogar reingelegt?
The label fits
Stilistisch bewegen wir uns in „American Vandal“ in den gleichen SphĂ€ren wie zum Beispiel bei „Making A Murderer“: ein stilsicheres Intro, entlarvende Einzelinterviews, schwammige Videoaufnahmen von Anhörungen, belastende Audiotapes, ein wissbegieriger, gerechtigkeitssuchender ErzĂ€hler, ja selbst eine Infotafel mit verschiedenfarbigen WollfĂ€den und schwarz-weiĂ Fotografien der wichtigsten Personen gibt es. Man rollt diesen lĂ€cherlichen Fall extrem professionell auf und zitiert dabei gekonnt die Mechanismen und Methoden des Genres. Wir werden Zeugen des minutiösen Prozesses einer eigenstĂ€ndigen Ermittlung, die Schritt fĂŒr Schritt immer mehr Informationen freilegt, den Vorfall entblĂ€ttert und dabei auf ĂŒberraschende Entdeckungen stöĂt.
FĂŒr diese MĂŒhe und ReferentialitĂ€t kann man den beiden Serienmachern Tony Yacenda und Dan Perrault Respekt zollen, technisch und handwerklich gesehen stellt „American Vandal“ eine sehr saubere, durchdachte Mockumentary dar, die ihre Vorbilder im Geiste dadurch immer wieder mit Erfolg durch den Kakao zieht. Das groĂe âAberâ könnt Ihr Euch aber eventuell schon denken...

Methodical dick drawer
Von der ĂŒberzeugenden âVerpackungâ mal abgesehen, inhaltlich ist American Vandal erschreckend schwach auf der Brust. Der pubertĂ€re Humor wird eben bierernst dargestellt, doch zum Lachen bringt mich dies persönlich nicht wirklich. Ein groĂes Problem: Jeder Witz ist vorhersehbar. Die Serie ist fĂŒr Zuschauer, die sich fĂŒr das True-Crime-Genre interessieren und dementsprechend wissen, wie dieses funktioniert. Schaut dieses Publikum jetzt in „American Vandal“ rein, dann werden sich die meisten von ihnen jeden einzelnen Schritt der Etappe vorher denken können. Nur, dass es nicht um irgendeinen mysteriösen Vermissten- oder Mordfall geht, sondern eben um das mĂ€nnliche Geschlechtsteil, das auf mehrere Autos gepinselt wurde.
Das ist der Witz des Ganzen, oder besser gesagt der einzige Witz, den „American Vandal“ zu bieten hat. Es hat sicherlich auch einiges mit Geschmackssache zu tun, ob man sich auf diese gut gemachte, aber inhaltlich plumpe Parodie einlassen kann oder nicht. Ich fĂŒr meinen Teil habe bereits nach wenigen Minuten gewaltige Abnutzungserscheinungen gespĂŒrt, was meine anfĂ€ngliche BefĂŒrchtungen bestĂ€tigt hat, dass dieses Thema nicht sehr viel hergibt. Weder fĂŒr eine etwas mehr als 30 Minuten lange Pilotepisode, geschweige denn fĂŒr eine ganze Staffel mit insgesamt acht Episoden.
Stupid things
TatsĂ€chlich hĂ€tte wohl der Trailer zu „American Vandal“ vollkommen ausgereicht, um den Witz des âOceanside Dick Drawerâ zu erzĂ€hlen. Das Konzept reicht meiner Meinung nach nĂ€mlich gerade einmal fĂŒr einen einfachen Sketch aus, der so oder so Ă€hnlich auch bei Adult Swim oder CollegeHumor laufen könnte. So hĂ€tte Netflix sich eventuell gar ein paar Sympathiepunkte sichern und Selbstironie beweisen können, indem man sich mit einem mehr als nur zwinkernden Auge fĂŒr einen kurzen Moment selbst aufs Korn nimmt.
Just a prank
Da man aber aus „American Vandal“ ein richtiges Format ĂŒber mehrere Folgen gemacht hat, das schnell sehr abgedroschen wirkt und nur wenige aufrichtige Lacher hervorbringt, kommt die Mockumentary-Serie sehr oft sogar unangenehm unwitzig rĂŒber. Es scheint fast so, als wolle man den Witz um jeden Preis erzwingen. Man kann sich förmlich vorstellen, wie der Pitch zur Serie abgelaufen ist, den man in einen Satz zusammenfassen kann: „Making a Murder with dick drawings!“ Ein groĂartiger BrĂŒller fĂŒr den Pausenraum, aber lĂ€sst sich daraus wirklich eine vollwertige ErzĂ€hlung herausholen, die zum einen parodieren (was funktioniert), aber auch mit guten Witzen und frischen Ideen unterhalten will?
Ich habe keine Zweifel daran, dass auch American Vandal sein Publikum auf Netflix finden wird. Der vulgĂ€re, infantile Humor zieht im Allgemeinen öfter, als man glauben mag, und die professionelle Aufmachung hilft dabei, dass True-Crime-Thema zu ĂŒberspitzen und ins LĂ€cherliche zu ziehen, was der eine oder andere sicherlich amĂŒsant finden wird. Ich persönlich saĂ jedoch recht frĂŒh eher teilnahmslos und unbeeindruckt vor der Auftaktepisode, die mich traurigerweise nicht einmal zum Lachen bringen konnte. „American Vandal“ möchte sehr clever sein, scheitert jedoch an seiner eigenen, unzureichenden Grundidee.
Trailer zu âAmerican Vandalâ:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 15. September 2017(American Vandal 1x01)
Schauspieler in der Episode American Vandal 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?