American Gigolo 1x01

© Showtime
Die Entstehungsgeschichte der Showtime-Serie American Gigolo lässt sich ziemlich leicht zusammenreimen: Der amerikanische Pay-TV-Sender, den man auch für Werke wie Dexter, Homeland oder Shameless kennt, brauchte wie immer frisches Material, das aber gleichzeitig einen halbwegs bekannten Markennamen mitbringt. Im Filmkatalog vom Mutterstudio Paramount stieß man dabei auf den düsteren Paul-Schrader-Streifen „Ein Mann für gewisse Stunden“ aus dem Jahr 1980. Den Showrunner-Posten gab man David Hollander, der sich durch seine langjährige Arbeit bei Ray Donovan bewiesen hat. Die Hauptrolle ging an Jon Bernthal (Punisher, The Walking Dead), für den es natürlich eine verlockende Herausforderung war, in die Fußstapfen von Richard Gere zu treten.
An sich muss an einem solchen Vorgang nichts Negatives sein. So läuft es halt in Hollywood, selbst wenn einen das Kalkül dieses Systems ein bisschen zynisch stimmt. Leider scheitert das neue Format, welches am Mittwoch, den 28. Dezember auch hierzulande bei Paramount+ auf Sendung ging, an der Mindestanforderung, eine eigene Existenzberechtigung zu finden. Das Reboot findet - zumindest in der Pilotepisode - keine sehenswerte Perspektive auf die einst so bewegende Charakterstudie. Daran kann nicht einmal der stark spielende Hauptdarsteller etwas ändern. Vielmehr besudelt die Serienadaption das Andenken der Filmvorlage sogar, indem merkwürdige Wendungen dazugeschrieben werden. Die am meisten störenden Problembereiche sind aber das langsame Tempo und die vielen Flashbacks.
Worum geht's?
Wir beginnen im Jahr 2006: Der kalifornische Highend-Callboy Julian Kaye (Bernthal) wird von Detective Sunday, gespielt von der ebenfalls erfreulich starken Rosie O'Donnell, des brutalen Mordes an einer Kundin beschuldigt. Voller Verzweiflung schwört er, sich an nichts mehr zu erinnern, doch das hilft seiner Verteidigung erst recht nicht. 15 Jahre lang muss Julian hinter Gitter, wobei wir sehen, dass er sich im Gefängnis relativ gut zurechtfindet. Er arbeitet in der Kantine und gibt seinen Mitinsassen Buchtipps. Aus Ärger hält er sich konsequent raus. So verweigert er auch einem jungen Mann, der regelmäßig missbraucht wird, seine Hilfe. Obwohl sich Julian einst selbst in einer ähnlichen Notlage befand.
Eines Tages endet Julians Zeit der Gefangenschaft abrupt. Detective Sunday kehrt zurück und teilt ihm mit, dass man endlich den wahren Täter gefunden habe. Eine Entschuldigung lässt sie unausgesprochen, weil sie weiß, dass ihr diese Erleichterung nicht zusteht. Außerdem scheint sie zu glauben, dass sie damals richtig gehandelt habe - Fehler sind immerhin menschlich. Für Julian, der seine Freiheit zurückhat, steht nun eine beschwerliche Reise in seine Vergangenheit an. So zieht es ihn zunächst zu seiner Mutter, wenngleich wir durch eine Rückblende erfahren, was diese ihm als Jugendlichen antat...
In diesen Szenen wird der Protagonist, der da noch auf den Namen Johnny hört, vom Youngster Gabriel LaBelle (Brand New Cherry Flavor) gespielt. Einer französischen Sexring-Chefin ausgesetzt, wird er noch minderjährig an seine Arbeit als Prostituierter herangeführt. Dieser Missbrauch passt im Ton so gar nicht zum freudigen Intro der Serie, als wir sehen, wie der erwachsene Julian seine Glanzzeit als Gigolo erlebt. Zum Blondie-Song „Call Me“ („Just a Gigolo / I Ain't Got Nobody“ wäre wohl zu offensichtlich gewesen) wird uns eine Montage vorgesetzt, in der Julian seinen Job durchaus zu genießen scheint. Aber vielleicht ergibt das Sinn, wenn ihm dieser von klein auf als Normalität eingeschärft wurde.
Auch sehen wir immer wieder Flashbacks zu der Zeit, als Julian seine große Liebe Michelle (Gretchen Mol) kennengelernt hat, die ihn anfangs für seine Dienste engagierte. Mit ihr will er nun den Kontakt wiederherstellen, wobei sich ihre Leben seit damals kaum unterschiedlicher hätten entwickeln können. Während er eingesperrt war, lebt sie in einer riesigen Villa in Los Angeles. Nur scheint sie selbst das ebenfalls als eine Art Gefängnis wahrzunehmen. Ihr Gatte ist der dubiose Technikmilliardär Richard Stratton (Leland Orser). Und ihr Sohn hat gerade eine Affäre mit seiner Lehrerin angefangen, was ihr als Mutter natürlich großen Kummer bereitet.
Die einstündige Auftaktepisode macht unheimlich viele Klammern auf. Während wir Julians tragische Coming-of-Age-Geschichte sehen und seine Romanze mit Michelle, versucht er gleichzeitig der Verschwörung nachzugehen, die ihm 15 Jahre seines Lebens gestohlen hat. Dabei hilft ihm auch sein Freund und Mentor Lorenzo (Wayne Brady). Man fragt sich aber schon, ob Paul Schrader, der Regisseurs des Originalfilms, diesen Krimiaspekt je für das Entscheidende gehalten hätte. Vielmehr ging es in seinem Werk doch um Einsamkeit, um das, was in Julians Kopf vorgeht. Nicht um das, was man ihm womöglich angetan hat. Die Serie begibt sich also auf eine deutlich oberflächlichere Ebene...
Wie ist es?
Alles in allem kann man die neue Showtime-Serie „American Gigolo“ auslassen und stattdessen lieber den Film noch mal schauen. Fans von Jon Bernthal werden vermutlich ihren Spaß haben, weil der Schauspieler aus dem schwachen Drehbuch erstaunlich viel herausziehen kann. Und auch Rosie O'Donnell schenkt uns ein paar herausragende Momente, weil sie ihre Figur mit so viel schwarzem Humor angeht. Doch das reicht wahrscheinlich nicht, um acht volle Episoden zu tragen, die der Showrunner David Hollander in der Auftaktstaffel drehen durfte.
Wir geben nur zweieinhalb von fünf Gefängnis-Potatoes für die Serie!
Verfasser: Bjarne Bock am Mittwoch, 28. Dezember 2022American Gigolo 1x01 Trailer
(American Gigolo 1x01)
Schauspieler in der Episode American Gigolo 1x01
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